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Anzeige: Neue Studie zum Gemeinschaftssinn

Sind unsere Kinder rücksichtslos?

Wie solidarisch, empathisch und gleichgültig sind eigentlich unsere Kinder und Jugendlichen? Diesen und anderen Fragen in Bezug auf den Gemeinschaftssinn ist die Universität Bielefeld in einer aktuellen Studie im Auftrag der Bepanthen-Kinderförderung nachgegangen. Wir haben mit dem Studienleiter und Sozialpädagogen Prof. Dr. Holger Ziegler gesprochen.

Ohne Gemeinschaftssinn könnte keine Gesellschaft existieren. Grundpfeiler wie Empathie, Solidarität, Hilfsbereitschaft, Respekt und soziale Integration erlernen wir größtenteils schon in unserer Kindheit und frühen Jugend.

Für eine Studie wurden jetzt knapp 1.000 Kinder und Jugendliche und rund 700 Eltern in drei deutschen Städten unabhängig voneinander zu den verschiedenen Bereichen des Gemeinschaftssinns befragt. Dabei kam unter anderem heraus, dass mehr als ein Fünftel der befragten Kinder nur einen mangelhaft ausgeprägten Gemeinschaftssinn habe. Bei den Jugendlichen sind es bereits 33 Prozent, die einen schwachen Sinn für die Gemeinschaft zeigen.

Ein Fünftel der Kinder zeigt nur ein geringes Empathievermögen und mehr als die Hälfte der Jugendlichen weisen ein unterdurchschnittliches Empathievermögen auf.

Doch wie entstehen diese alarmierenden Entwicklungen? Können wir als Eltern dem entgegenwirken oder was sind die ausschlaggebenden Faktoren für unseren Nachwuchs? Wir befragten den Leiter der Studie, Prof. Dr. Holger Ziegler von der Universität Bielefeld.

Interview mit Studienleiter Prof. Dr. Holger Ziegler zum Thema "Generation rücksichtslos"

Was können wir als Eltern tun, damit unsere Kinder einen guten Gemeinschaftssinn entwickeln?

Prof. Dr. Holger Ziegler: "Gemeinschaftssinn bedeutet zum Beispiel die generelle alltägliche Hilfsbereitschaft von Menschen, aber auch das Ausmaß, in dem sie Schwächere und andere nicht als moralisch minderwertig abwerten. Es geht hier nicht um einzelne 'Erziehungstricks', sondern darum, ob Familien Orte sind, in dem Kinder aktiv Beziehungen und Praktiken erleben und Erfahrungen machen, die geeignet sind, um Gemeinschaftssinn zu entwickeln oder nicht. Es geht insgesamt um die Frage, wie wir Kinder in die Welt einführen und wie wir mit ihnen und miteinander umgehen.

Es spielt eine große Rolle, wie Eltern über Schwächere und andere reden und ob sie entsprechende 'Sprüche' ihrer Kinder einfach hinnehmen oder konfrontieren, also ihre Sichtweise dazu deutlich machen und von ihren Kindern zumindest Begründungen verlangen, wie sie zu ihren Deutungen kommen: Warum sollten bestimmte Menschen weniger wert sein als andere? Wie kommt man beispielsweise darauf, dass Schwule 'eklig' seien? Was Hilfsbereitschaft angeht, geht es auch darum, ob Eltern vor allem darauf wert legen, ihren Kindern beizubringen, wie man sich und seine eigenen Interessen erfolgreich durchsetzt oder ob teilen, anderen helfen, Anteilnahme etc. als wichtig erachtet werden – und zwar auch dann, wenn es sich für einen selbst zunächst nicht 'lohnt'."

Wie verhindern wir, dass unsere Kinder ein rücksichtsloses und gleichgültiges Verhalten ihren Mitmenschen gegenüber an den Tag legen?

Prof. Dr. Holger Ziegler: "Vor dem Hintergrund der Studienergebnisse ist es recht klar, wie wir das verhindern können. Kinder entwickeln eher ein rücksichtsloses Verhalten, wenn wir als Eltern ebenfalls Schwächere, andere und Minderheiten abwerten und die Ideologie vertreten, dass Menschen, die sich anstrengen und talentiert sind, es zu etwas bringen und Schwächere entsprechend umgekehrt eben selber schuld seien.

Dass Menschen, die als weniger wert und als selbst schuld betrachtet werden, wenn es ihnen schlecht geht, wenig oder zumindest weniger Rücksicht verdienen, liegt dann fast auf der Hand. Armuts- und Ungleichheitslagen, wenig Mitbestimmung und im Vordergrund stehende überkommene Männlichkeitsmuster in der Erziehung verstärken diese Zusammenhänge."

Welche Einflüsse sind neben dem elterlichen entscheidend? Welche Rolle spielt dabei unser Vorbildverhalten?

Prof. Dr. Holger Ziegler: "Die verbreitete Idee, dass das, was Eltern sagen und denken, insbesondere für Jugendliche nicht so wichtig sei, können wir gar nicht bestätigen. Insbesondere zwischen den Einstellungen der Eltern gegenüber Schwächeren und Minderheiten und den Einstellungen, die sich diesbezüglich bei Jugendlichen finden, gibt es sehr starke Zusammenhänge. Natürlich ist anzunehmen, dass Gleichaltrige, Lehrer und möglicherweise auch medial präsente Persönlichkeiten und sogenannte Influencer ebenfalls relevant sind. Wir gehen aber davon aus, dass auch hier die vorherrschenden Einstellungen zum Beispiel bezüglich der Gleichwertigkeit von anderen und Solidarität gegenüber Schwächeren eine maßgebliche Rolle spielen.

Vor diesem Hintergrund ist es vielleicht weniger die Einstellung junger Menschen, die uns Sorge bereiten sollten – zumal die Mehrheit junger Menschen durchaus ein hohes Maß an Gemeinsinn zeigt. Besorgniserregend ist aber, in welchem Maß und mit welcher Geschwindigkeit Dinge, die als Selbstverständlichkeiten einer einigermaßen aufgeklärten zivilen Bürgerlichkeit gegolten haben, inzwischen als naives Gutmenschentum abgetan werden. Menschen wachsen eben nicht nur unter bestimmten ökonomischen, sondern auch unter politisch-moralischen Bedingungen auf, die erheblichen Einfluss darauf haben wie sie die Welt sehen und wie sie mit sich und anderen umgehen."

Übrigens: Die Bepanthen-Kinderförderung feiert 2019 ihr zehnjähriges Jubiläum. Alle zwei Jahre führt sie mit der Universität Bielefeld Sozialstudien durch, die Problembereiche im Leben von Kindern und Jugendlichen aufzeigen. Die Erkenntnisse fließen direkt in die Arbeit des christlichen Kinderhilfsprojekts Arche mit ein. Hier gibt es spezielle Förderprgramme für Kinder und Jugendliche.

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Unsere Autorin

Irlana Nörtemann

Irlana Nörtemann ist seit vielen Jahren mit Herzblut Redakteurin bei Junior Medien. Zu ihren Aufgaben zählt auch Content Management.

Als Mutter eines Jungen lässt sie ihre Alltagserfahrungen in ihre Artikel mit einfließen. Die Schwerpunkte liegen dabei auf den Themen Reise und Gesundheit.

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