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Geschwisterrivalität

Kampf der Geschwister

Streiten sich eigentlich alle Geschwister so viel wie meine Kinder? Sollte ich dazwischen gehen – oder die beiden einfach "machen lassen"? Wie viel Zoff ist "normal"?

Diese Fragen stellst du dir täglich? Dann geht es dir wie mir: Meine Kinder sind zwei und vier Jahre alt, und schon jetzt die größten Streithähne. Wobei das nicht immer so ist: Es gibt Momente, sogar ganze Stunden voll Zuneigung, Aufeinander-Aufpassen, Einander-Helfen und sogar Stolz-aufeinander-Sein. Und dann, plötzlich, als würde jemand einen imaginären Schalter umlegen – ZACK! – gönnen die zwei sich den kleinsten Krümel nicht mehr. Und das ist wörtlich gemeint: Wer jemals den Fehler begangen hat, zwei Kinder aus der KiTa abzuholen und nur ein Milchbrötchen dabei zu haben, der weiß, was ich meine.

Und kaum ist das Milchbrötchen-Drama überwunden, bricht schon das nächste Chaos aus: Hat die kleine Schwester etwa die Handschuhe vom großen Bruder an? Entsetztes Schreien, Brüllen, Heulen. Die beiden sind noch keine viertel Stunde aus der KiTa raus, und es flogen schon zwei Mal die Fetzen. Ist das noch normal?

Geschwister streiten sich alle 10 bis 20 Minuten

"Ja, ist es!", beruhigt mich Erziehungsberaterin Imke Dohmen von Mutterhelden.de. Sie hat sich in ihrer Arbeit als Psychologischer Coach speziell auf die Zielgruppe Eltern fokussiert. Und weiß: "Studienergebnisse zeigen auf, dass ein Geschwisterstreit alle 10 bis 20 Minuten normal ist." Und das hat laut Imke Dohmen einen guten Grund. "Kinder lernen gerade in ihrer Ursprungsfamilie das soziale Leben. Wo kann ich mich besser ausprobieren, mich erfahren, mich austesten als zuhause? Dort, wo ich geliebt und wertgeschätzt werde."

Geschwisterrivalität: eine Frage der Evolution?

Ist der Streit zwischen Brüdern und Schwestern denn vorprogrammiert? Sind alle Geschwister automatisch Rivalen? "Rein aus der evolutionsbiologischen Sicht würde ich diese Frage mit einem Ja beantworten", meint Imke Dohmen, "denn früher galt jedes Kind mehr in der Familie, dass das Essen und der Platz für alle anderen weniger wird." Heute bedeutet ein Kind mehr nicht automatisch Nahrungsknappheit für alle anderen Familienmitglieder. "Aus heutiger Sicht würde ich die Frage mit einem Nein beantworten wollen", ergänzt Imke Dohmen. Eine gewaltige Veränderung ist ein neues Geschwisterkind dennoch:

"Wenn ein Baby in die Familie neu dazu kommt, wird das Erstgeborene von seinem Platz geschubst", erklärt Imke Dohmen. Laut der Erziehungsberaterin hängt es vom Alter des großen Geschwisterkindes ab, wie schmerzhaft oder empfindsam es diese "Entthronung" erlebt. Dabei sollten Eltern nicht vergessen, dass das "große" Kind in der Regel selbst noch klein ist: "Wenn das ältere Kind auf den Nachwuchs gut vorbereitet, aufgefangen und verstanden wird, wird es ihm leichter fallen sich an seine neue Familienposition zu gewöhnen", weiß Imke Dohmen.

Eltern können das ältere Geschwisterkind zum Beispiel schon während der Schwangerschaft in die Vorbereitungen mit einbeziehen, gemeinsam das Baby-Bettchen vorbereiten oder zusammen die Krankenhaustasche packen. Vorlese-Geschichten wie "Jetzt bin ich ein großer Bruder" sind ebenfalls eine schöne Hilfe. Und auch bei der Namenswahl dürfen ältere Geschwister sich gern beteiligen! Ein kleiner Trick, der bei jüngeren "großen Geschwistern" gut funktioniert, ist außerdem das Begrüßungsgeschenk: Die Eltern besorgen ein kleines Geschenk für den älteren Bruder oder die ältere Schwester, das sie dann im Namen des Babys überreichen, sobald dieses auf der Welt ist.

Rivalität unter Geschwister schlichten, nicht schüren

Nun ist das kleine Geschwisterchen aber schon auf der Welt und die Streitereien sind im vollen Gange. Was können Eltern tun, um die Rivalität zwischen den Kindern nicht noch anzuheizen? Imke Dohmen rät vor allem dazu, Vergleiche zu vermeiden: "Kinder neigen ohnehin schon dazu, sich in ihrem Umfeld zu vergleichen.

Mit den eigenen Geschwistern noch mehr, wenn sie altersmäßig dicht zusammen sind und/oder dasselbe Geschlecht haben." Formulierungen, die ein Geschwisterkind über das andere stellen, sollten Eltern deshalb vermeiden: „Dein Bruder konnte sich schon viel früher ein Brot selber schmieren“ oder „Deine Schwester ist kleiner und kann schon besser mit Messer und Gabel umgehen als du“ – solche Sätze züchten Rivalitätsgefühle wie Eifersucht, Neid, Rache, Missgunst oder auch ein Konkurrenzempfinden.

Und Imke Dohmen warnt vor einem weiteren Punkt, zu dem viele Eltern neigen: Das größere Geschwisterkind bekommt häufiger die Schuld, das kleine wird öfter in Schutz genommen. Das passiert ganz automatisch und oft unbewusst. Da es Streit unter den Geschwistern aber nur weiter anheizt, sollten Eltern probieren, sich dessen bewusst zu werden und nicht immer automatisch dem älteren Kind die Schuld in die Schuhe zu schieben.

Die Fetzen fliegen: Was kann ich tun?

Aber was unternehme ich als Vater oder Mutter nun konkret, wenn im Kinderzimmer mal wieder die Streithähne aufeinander losgehen? "Geschwistergezanke, die keinem wehtun, dürfen wir Eltern gerne die Kinder untereinander ausmachen lassen", rät Imke Dohmen. "Das Streiten und Vergessen liegt dabei so dicht beieinander, das können wir ruhigen Gewissens dabei belassen."

Wird ein Streit ernster, ist es hilfreich für die Kinder, wenn wir Eltern uns als "Coach" oder als "Ideenfinder" mit einbringen. "Dabei ist es allerdings wenig unterstützend, wenn wir als Detektiv, Polizist oder Richter auftreten", warnt Imke Dohmen. Ein vorwurfsvolles "Wer war das?" wird langfristig nur zu noch mehr Streit führen.

"Hilfreicher wäre es, den Kindern beim Finden einer Lösung zu helfen, unterschiedliche Ideen aufzuzeigen, Kompromisse zu finden", rät die Erziehungsberaterin. Es lohnt sich übrigens immer, den Auslöser eines Streites zu erfragen. Manchmal liegt nämlich gar keine wirkliche Auseinandersetzung dem Ganzen zugrunde, sondern andere Ursachen wie Hunger, Langeweile, Überforderung oder Müdigkeit.

Und wenn Reden nicht hilft?

Haut oder tritt ein Geschwisterkind trotz mehrmaligem Auffordern seinen Bruder oder seine Schwester, sollten wir auf jeden Fall einlenken und beide erst einmal auseinanderbringen, bis sich die Lage entschärft hat. "Aber auch hier nicht vergessen: Bitte nicht nach einem Schuldigen suchen!", warnt Imke Dohmen. "Das Geschwisterkind, das um sich haut, hat vielleicht gerade selber die größte Not in sich."

Wichtig für die Eltern ist dabei (wie so oft), möglichst entspannt zu bleiben und nicht mit der gleichen Wut oder Aggression dazwischen gehen. "Lieber gut durchatmen, sich selber kurz sammeln und als Beobachter – nicht als Teil des Streites – gelassen dazu kommen", empfiehlt Imke Dohmen. Denn Druck erzeugt immer Gegendruck. "Daher ist es für alle Eltern ratsam, einen Streit unter Geschwistern als Teil des Großwerdens und Lernens zu verstehen." Selbst wenn es alle 10 bis 20 Minuten passiert.

Unsere Expertin

Imke Dohmen ist Psychologischer Coach, Erziehungsberaterin, Systemische Therapeutin sowie Hypnose- und Trauma-Therapeutin. Zu ihren Seminarangeboten gehört auch der Vortrag mit dem verheißungsvollen Namen "Geschwisterliebe". Darin beantwortet sie ausführlich Fragen wie: Was bedeutet ein kleiner Bruder oder eine kleine Schwester für das Erstgeborene? Wie verändert sich die Familie? Warum streiten Geschwister so viel? Was kann man als Eltern tun, wenn Eifersucht ins Spiel kommt? Ihre nächsten Vorträge zum Thema "Geschwisterliebe" finden im April und Juni 2019 in Hamburg statt. 

Autorin: Silke Schröckert

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