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Interview mit Dr. Michael Winterhoff

Verhaltensforschung bei Kindern: Das psychische Entwicklungsalter

In diesem Interview gibt Dr. Michael Winterhoff, seines Zeichens Experte auf dem Gebiet der Psychoanalyse bei Kindern, einen Einblick in die sich seit einigen Jahrzehnten stark wandelnde Entwicklung der heranwachsenden Generationen und zeigt auf, woran es mit Blick auf den aktuellen Bildungsweg der modernen Zeit oft scheitert.

Sie schreiben in Ihrem neuen Buch, dass vieles in deutschen Kindergärten schiefläuft – auch weil sich die Psychen der Kinder nicht altersgemäß entwickeln können. Was genau bedeutet dies?

Michael Winterhoff: Die Grundlagen der Psychoanalyse belegen, dass das Verhalten eines Kindes maßgeblich nicht von Erziehung bestimmt wird, sondern aus seinem psychischen Entwicklungsalter resultiert. Ein Kind im psychischen Alter von fünf Jahren benimmt sich in einem Restaurant rücksichtsvoll – nicht maßgeblich weil es dazu erzogen wurde, sondern weil es wahrnimmt: Ich bin in einer fremden Umgebung, die Menschen dort möchte ich nicht stören. Kinder mit drei Jahren führen Aufträge beginnend aus, mit vier Jahren wägen sie sogar ab –so nach dem Motto "mache ich besser, ansonsten gibt es Ärger" – und ab fünf führen sie dann jeden Auftrag aus...und zwar gern. Sobald die die Eltern loben, strahlen sie.

Seit über 35 Jahren arbeite ich nun in meinem Fachgebiet und habe ab etwa 1995 ein Zäsur festgestellt: Bis dahin waren die Kinder mit drei Jahren kindergartenreif, mit sechs Jahre schulreif. Sie waren in der Grundschule lernwillig, wissbegierig – und sie waren auch bereit zum Hausaufgabenmachen: für die Eltern oder für die Lehrerin. Mit 16 Jahren galten die meisten als ausbildungsreif.

Aber nun hat sich einiges dramatisch verschoben?

Winterhoff: Nach einer Studie der Konrad Adenauer-Stiftung fehlt heute jedem zweiten Abiturienten eine Hochschulreife, vielen fehlen sogar Grundkenntnisse in Deutsch und Mathe. 34 Prozent der Studenten, die als Master oder Bachelor abgeschlossen haben, überstehen die Probezeit in einer Firma nicht. Es fehlen ihnen soziale Fähigkeiten und sie leiden an Selbstüberschätzung. Immer mehr Heranwachsenden fehlen sogenannte Soft Skills wie Arbeitshaltung, Sinn für Pünktlichkeit. Sie sind nicht umsichtig und weitsichtig, übernehmen nicht angemessen Verantwortung für sich oder auch für andere...

...und diese Leistungen erbringt die emotionale und soziale Psyche, die sich wie genau entwickelt?

Winterhoff:  Die Herausbildung dieser Psyche ist ein Reifungsprozess im Gehirn, der vergleichbar wäre mit dem Erlernen einer Sportart, eines Musikinstruments oder einer neuen Sprache. Da es sich bei der emotionalen und sozialen Psyche maßgeblich um zwischenmenschliche Leistungen handelt, kann sie sich entscheidend nur am Gegenüber – den Bezugspersonen – entwickeln.

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Aber da muss ja etwas Einschneidendes passiert sein?

Winterhoff: Ja, allerdings. Unser Bildungswesen wurde vor 20 Jahren unter Einfluss der OECD, die für wirtschaftliche Zusammenarbeit zuständig ist, auf den Kopf gestellt. Bildungspolitiker haben vor über 20 Jahren beschlossen, Kinder aufs digitale Zeitalter vorzubereiten. Damit einher ging die Forderung, der Mensch müsse im digitalen Zeitalter mehrere Sachen gleichzeitig tun können. Und daraus entwuchs die Idee, dass die Kinder sich möglichst früh selbst aussuchen können, was sie machen wollen, um so vermeintlich viele Dinge gleichzeitig zu können und besser zu lernen. Es wurde das autonome Lernen eingeführt. Lehrer wurden nicht gefragt, sondern sollten diese Vorstellung einfach von jetzt auf gleich umzusetzen und Eltern wurden nicht informiert.

Die Resultate sind aber: in vielen Klassen herrscht eine große Unruhe (es gibt Schüler, die Schallschutzkopfhörer tragen müssen, um mal in Ruhe arbeiten zu können), Kinder sind überfordert und nicht wirklich lernbereit, das Anforderungsniveau muss immer weiter runtergeschraubt werden (zuletzt zu merken an der Abschaffung der Verbundschreibschrift und der Rechtschreibung in einigen Bundesländern).

Die Rolle der Bezugspersonen hat sich also verändert?

Winterhoff: Je kleiner Kinder sind, desto gleichbleibender müssen die Abläufe sein. Umso ähnlicher die Bezugspersonen und deren Reaktionen. Wenn keine klaren Strukturen existieren und Bezugspersonen das Kind nicht mehr anleiten und begleiten, fehlt dem Kind die notwendige Orientierung und der Halt. Eine psychische Reifeentwicklung ist nicht möglich. Tragischerweise ist genau das heute der Fall. So soll der Lehrer nur noch ein Lernbegleiter im Hintergrund sein. Schon im Kindergarten ist die Erzieherin als entscheidendes Gegenüber des Kindes viel weniger wesentlich. Früher kamen in diesen Einrichtungen auf maximal 25 Kinder zwei Bezugspersonen. Die Kinder erlebten den gleichen Raum, die gleichen Inhalte, in der gleichen Gruppe und haben sich an eben diesen zwei Bezugspersonen orientieren können.

Heute haben viele Kindergärten Funktionsräume: einen Toberaum, einen Bastelraum, ein Café. Das müssen Sie sich mal vorstellen: Es gibt Kindergärten, in denen sich das Kind einloggt, um in einen Raum zu gehen. Wechselt es den Raum, das gleiche Spiel. Und wenn die Eltern ihr Kind abholen, heißt es: Schauen Sie auf den Lageplan, dann finden Sie es und können es rausnehmen. Für das Kind fatal.

Wenn also in der Kita keine psychische Reife entsteht, fehlt sie ja in der Schule erst recht, oder?

Vollkommen richtig. Wie gesagt, das Problem ist, dass das Kind möglichst alles alleine machen soll. In der Grundschule ist es so, dass sich die Schüler zum Beispiel mit einer Anlauttabelle ("A" wie eine gemalte Ameise) selbst das Lesen oder auch Schreiben beibringen sollen. Das dahinterstehende Weltbild lautet: Ich brauche niemanden. Ich kann und will das alleine machen. So denken Zweijährige, aber nicht Sechsjährige.

Eine völlige Überforderung der Kinder sind Schulverträge: Benimmt sich ein Kind daneben, bricht es den Vertrag und hat – wie ein erwachsener Vertragspartner – die Konsequenzen zu tragen.

Wir haben in vielen Schule auch keinen Lehrer mehr, der für Ruhe sorgt, sondern es gilt ein Ampelsystem. Es wäre aber eine emotionale Beziehung zum Lehrer und seine Reaktion entscheidend, um überhaupt zu erfahren, was nun richtig und falsch ist.

Ihre Diagnose sieht die Eltern dauerhaft überreizt und gestresst. Sie nennen das einen fortwährenden Ausnahmezustand. Warum ist das so?

Winterhoff: Die Eltern müssten eigentlich als Bezugspersonen zum Beispiel bei Hausaufgaben helfen. Das Kind geht bis zum Alter von 15 Jahren für die Eltern in die Schule. Aber: Heute haben viele Eltern gar nicht mehr die Ruhe dafür. Sie sind vom Stress getaktet, haben wenig Zeit, da oft beide arbeiten gehen. Insgesamt haben sich heute viele Erwachsene, also nicht nur Eltern, verändert. Sie sehen es schon generell im Straßenbild, wie Erwachsene heutzutage überdreht, gehetzt, depressiv herumlaufen. Vor 20 Jahren ruhten sie noch viel mehr in sich, waren klar, abgegrenzt und hatten ein Gespür für Kinder.

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Sie schreiben, der Mensch habe den Zugang zu sich verloren und habe nicht mehr das Gespür für sich und damit auch nicht für seine Kinder. Was hat sich da verändert?

Winterhoff: Unsere Hochkultur hat über Jahrzehnte flächendeckend jedem die gleiche psychische Reifeentwicklung ermöglicht. Über die Intuition haben sich Eltern so verhalten, dass diese Psyche sich optimal entwickeln konnte. Da aber viele Eltern kaum noch Zeit und Ruhe für sich selbst finden, fehlt ihnen das Bauchgefühl und sie handeln kopfgesteuert.

In offenen Konzepten im Kindergarten fehlt heute der/die Erzieher/in als Gegenüber. Auch hier hat ein Kind keine Chance auf Entwicklung. Das setzt sich dann mit der Vorstellung des autonomen Lernens in der Grundschule fort.

Wie sollten sich denn dann Vater und Mutter verhalten um außerhalb der Kita gegenzusteuern?

Winterhoff: Sehr überlegenswert wäre es, am Wochenende die digitalen Geräte auszuschalten. Mindestens einen Tag, noch verträglicher wären zwei Tage, an denen man nicht dauernd erreichbar ist. Sinnvoll wäre, wenn sich die Familie gemeinsam auf einer Wanderung oder auf einer Radtour erlebt.

Habe ich als Elternteil ein Handy am Ohr, bin ich zwar körperlich anwesend aber nicht wirklich im Kontakt. Wenn eine Mutter während des Stillens ihr Handy bedient, dann geht keine Emotion ins Kind. Wenn die Familie am Tisch sitzt und isst, dann wäre es wunderbar, ungestört zu sein, ohne Telefon, TV oder elektronische Geräte. So kommt auch wieder ein Gespräch zustande.

Bei der digitalen Technik werden uns in hoher Geschwindigkeit Informationen übermittelt und Entscheidungen abverlangt – all das ist mehr, als unser Gehirn leisten kann. Dadurch kommt der Mensch in einen Zustand der Reizüberflutung: Als würden wir an einem Samstag in einer übervollen Stadt Weihnachtsgeschenke einkaufen. Außerdem bekommen wir ständig Katastrophenmeldungen aus der ganzen Welt übermittelt, so aufbereitet, als seien wir live dabei. Dadurch besteht die Gefahr, dass unsere Psyche umstellt auf Katastrophenmodus. Somit ist man angstgesteuert.

Sie haben ein paar Richtlinien aufgestellt, mit denen über einem Dreivierteljahr die Entwicklung eines Kindes verändert werden könnte. Was genau sollen Eltern danach tun?

Winterhoff: Wichtig ist die Wertschätzung fürs Kind: Du bist wert, dass ich jetzt für dich da bin. Dadurch ergibt sich automatisch die Orientierung fürs Kind. Das ist gut und das ist nicht gut, das machst du richtig, das nicht richtig.

Und es müssen auf jeden Fall Auszeiten von digitalen Geräten eingelegt werden, auch von den Eltern, Damit auch sie ruhiger werden. Und Papa und Mama müssten eben auch mal privat mit den Kindern Schreiben und Lesen üben. Sich generell Zeit für die Kinder nehmen. Dazu gehört auch, sich bewusst zu machen, wie schön es ist, Kinder zu haben und eine Familie zu sein.

"Deutschland verdummt" – Dr. Michael Winterhoff

In seinem neuen Buch "Deutschland verdummt" macht Dr. Michael Winterhoff auf die Probleme des modernen deutschen Bildungssystems aufmerksam und setzt sich mit dessen Inhalten und Zielen kritisch auseinander.

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Dr. Michael Winterhoff

Als erfahrener und etablierter Psychotherapeut sowie Kinder- und Jugendpsychiater gibt Dr. Michael Winterhoff für wireltern.de sein Wissen um die vorherrschenden Entwicklungsströme der heutigen Generationen weiter.

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