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Kolumne Joko Zoellner

Erziehung: Die 8 typischen Irrtümer

Gibt es die eine perfekte Erziehung? Nein! Machen wir immer wieder Fehler in der Erziehung? Ja! Könnten wir besser werden in der Erziehung? Ja und nein! Acht Beispiele, wie man sich irren und was man lernen kann ...

Mütter und Väter meinen es fraglos immer gut mit ihren Kindern. Aber das bedeutet ja nicht, dass auch immer alles gut ist, was die Erziehung betrifft. "Moderne Eltern sind heute in Erziehungsfragen viel unentschlossener im Vergleich zu früheren Jahren", sagt Wolfgang Bergmann. Der renommierte Kinderpsychologe erklärt dieses Phänomen bzw. Problem mit einer "tiefgreifenden Verunsicherung. Eltern wissen unheimlich viel, und sie wissen nichts."

Argumentieren, abwägen, experimentieren – die ewige Diskutiererei über die Frage, welche Erziehung denn die richtige oder womöglich die beste sei anstatt für unmissverständliche Absprachen zu sorgen und glasklare Ansagen zu machen, machen die Erziehung völlig unnötig zu einer elterlichen Dauerdebatte oder – schlimmer noch – zu einem fortwährenden Streitthema.

Verabschieden wir uns doch jetzt mal von dem Gedanken, dass es nur die EINE richtige Erziehungsmethode gibt. Denn zu einer letztlich erfolgreichen, engagierten  Erziehung gehören – so absurd es im ersten Moment klingt, auch Fehler und Unzulänglichkeiten. Wollen Eltern perfekt sein, liefern sie den besten Beweis dafür, dass nichts und niemand im Leben perfekt ist. Das Erkennen und Eingeständnis einen Fehler gemacht zu haben, nimmt Eltern den Erwartungsdruck, immer das Richtige tun zu wollen – oder zu müssen.

Die Erziehung zeichnet sich nicht erst seit heute durch klassische Irrtümer aus. Allerdings ist es wichtig und damit hilfreich, sie zu kennen, um sie möglichst nicht zu machen. Hier unsere Auswahl:

Belohnung für Hilfe im Haushalt – Irrtum!

"Hotel Mama" ist die Unterkunft für Kinder, die es gern bequem haben und alles tun, um nichts an Hausarbeiten tun zu müssen. Eltern sind deshalb  auf die Idee gekommen, die Nichtstuer mit Belohnungen zum Mitmachen zu bewegen. Eine verheerende Entscheidung.

Schon Vierjährige können ihr Tellerchen in die Küche tragen. Sechsjährige schaffen es mühelos, den Müll rauszubringen und Achtjährige sind in der Lage, die Spülmaschine auszuräumen. Aber all das bitteschön ohne dafür auch nur einen einzigen Cent als Belohnung zu bekommen. Sonst werden Kinder nie begreifen, dass Mithilfe zu Hause eine Selbstverständlichkeit ist.

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Kinder als beste Freunde – Irrtum!

Familienfrieden - nichts schöner als das. Viele Eltern möchten deshalb ihren Kindern frühzeitig, am besten bereits im Vorschulalter, vermitteln, dass sie die besten Kumpel sind, mit denen sie durch dick und dünn gehen können. Aber Vorsicht! Dahinter verbergen sich elterliche Eitelkeiten, Egoismus und Anbiederung.

Kinder möchten Mama und Papa nicht als Freunde erleben, mit denen sie auf einer Stufe stehen, sondern es sind ihre Vorbilder, zu denen sie aufblicken, an denen sie sich orientieren und ihre Beschützer, bei denen sie sich geborgen und mit ihren Problemen gut aufgehoben fühlen. Wenn Eltern regelmäßig darauf drängen, möglichst oft gemeinsame Sache zu machen, haben sie wahrscheinlich das Problem, nicht loslassen zu können.

Lob tut immer gut – Irrtum!

Natürlich tut unseren Kleinen das Lob von Mama und Papa gut, aber es muss einen triftigen Grund für "Das hast du ja toll gemacht" geben und wird auch dementsprechend gewürdigt. Wenn Eltern allerdings schon beim kleinsten Anlass voll des – obendrein noch übertriebenen – Lobes sind, verliert das "Ich bin stolz auf Dich" oder auch andere Komplimente an Wirkung.

Eine weitere Lob-Variante verfehlt ebenfalls das Ziel. Einige Mütter und Väter neigen dazu, vor anderen die Leistungen der Kinder über den grünen Klee zu loben und das im Beisein ihrer Helden. Für diese Art der Vergötterung schämt sich der bejubelte Nachwuchs eher oder verliert jegliche Kritikfähigkeit.

Kinder brauchen Unterhaltung – Irrtum!

Sich um sein Kind nicht zu kümmern, kommt einer Todsünde gleich. Sich in jeder Minute um sein Kind zu kümmern, ist genauso falsch.  Eltern haben ein Recht auf kleine Kinderpausen ohne ein schlechtes Gewissen. Sinnvoll ist es deshalb, mithilfe zahlreicher Anregungen den Kindern beizubringen, wie sie sich am besten mit sich selbst beschäftigen ("Bau doch mal für deine Autos eine Autobahn!").

Keine Garantie, ob es klappt. Denn schnell stehen die Kinder wieder auf der Matte: "Und was kann ich jetzt mal tun?" Mama oder Papa wären nicht gut beraten, in solchen Momenten den Unterhaltungskasper zu spielen. Denn interessanterweise kann gerade Langweile bei Kindern der Auslöser für einen Kreativitätsschub sein, wenn sie quasi "gezwungen" sind, sich eine Beschäftigung zu suchen.

Trennungskinder haben es schwerer – Irrtum!

Wer wollte es bestreiten, dass bei einer Scheidung die Kinder immer dann besonders die Leidtragenden sind, wenn es auch nach der Trennung zwischen Eltern zu ewigen, weiteren Streitereien vor den Kindern kommt, vor allem wegen Besuchsrechten, Absprachen mit dem Lehrer oder Ferienregelungen.

Verhalten sich Eltern dagegen im Umgang mit Kindern aufeinander harmonisch abgestimmt, können sich die Kleinen mit der neuen Situation in einem endlich stresslosen Umfeld viel besser als lange Zeit von Familien-Experten behauptet arrangieren und sogar anfreunden. Viele von ihnen entwickeln sogar schneller ihre eigene Form von Selbstverantwortung und Selbstständigkeit. Die Trennung macht ihr Leben nicht mehr schwerer.

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Extrawürste zum Essen – Irrtum!

Viele Eltern beklagen sich zu Recht darüber, dass ihre Liebsten beim Essen zu kleinen Teufelchen werden, weil sie partout aus den verschiedensten, oft unerklärlichen Gründen nicht essen wollen, was da auf den Tisch kommt. Schnell überwiegt das Mitleid und die Angst, das Kleine könnte verhungern.

Schnell, leider viel zu schnell, wird in die Trickkiste gegriffen, um aus den Verweigerern dankbare Mitesser zu machen: "Ein Happs für Paps" mag ja vielleicht bei den ganz Kleinen noch funktionieren, verpufft aber bei älteren trotz eines wortreichen Wenn und Aber. Diese ablehnende Beharrlichkeit schlägt  den Eltern auf den Magen, und sie versuchen mehr oder weniger verzweifelt, sich mit Extrawürsten bei den Ablehnern beliebt zu machen. Irgendwann geht dann nichts mehr ohne das tägliche Lieblingsessen. Aus diesem Schlammassel wieder rauszukommen, ist schwer, vor allem, wenn noch andere Kinder mit am Tisch sitzen.

Kein Streit im harmonischen Familienleben – Irrtum!

Wenn sich Geschwister oft und  auch in der Öffentlichkeit viel streiten, dann heißt es: "Bei denen muss zu Hause ja einiges schieflaufen." Falsch!

Streit unter Geschwistern ist in einem intakten Elternhaus ein wichtiges Kompetenzgerangel, eine Art Wettbewerb, kommt häufig vor und ist nur möglich, weil sich die Kinder daheim gut betreut und aufgehoben fühlen. Müssten die Geschwister allerdings mit harten Strafen rechnen wegen ihrer Reibereien, dann vermeiden sie Auseinandersetzungen und halten lieber zusammen. Friede, Freude, Eierkuchen unter Geschwistern ist für Eltern natürlich eine angenehme Sache. Ein handfester, verbaler Schlagabtausch würde aber allen Geschwistern guttun.

Kinder sind Teil der Erwachsenenwelt – Irrtum!

Haben Eltern Lust, sich mit anderen in fröhlicher Runde auszutauschen, dann achten sie nicht immer darauf, ob Kinder ab dem Vorschulalter in der Nähe sind oder sogar zeitweise mit am Tisch sitzen. Und wenn, dann heißt es: "Wir haben keine Geheimnisse vor unseren Kindern. Sie sollen wissen, was wir denken und wie wir ticken." Nein!

Sind Kinder bei Gesprächen Erwachsener dabei, hören sie auch Dinge, die sie nicht verstehen, falsch verstehen oder in den falschen Hals bekommen. Mögliche Folge je nach Alter: Missverständnisse, Ängste, Wut, Hilflosigkeit. Belastungen für die kleine Kinderseele, die völlig unnötig sind. Gespräche unter Erwachsenen sind Unterhaltungen unter Älteren, an denen Kinder – egal in welchem Alter – von vornherein nicht teilnehmen und schon gar nicht später weggeschickt werden sollten.

Unser Autor: Joko Zoellner

Joachim "Joko" Zoellner blickt auf eine lange und ausgefüllte Karriere im Journalismus zurück. Zu seinen dabei durchlaufenen beruflichen Stationen gehören unter anderem Chefredakteursposten (tw. stellv.) im Springer-Verlag. Vor allem im Sport- und Familienbereich war und ist Zoellner leidenschaftlich als Autor aktiv. 

Weiter gründete der studierte Theologe den Verlag "Jokomedia UG" sowie die Zeitschrift "Familie&Co." Für wireltern.de schreibt er regelmäßig unterhaltsame und informative Kolumnen rund um die Themen Familie, Kinder und Erziehung. Dabei kritisiert und kommentiert er – stets mit einem Augenzwinkern – gängige Methoden und alltägliche Missverständnisse zwischen Eltern und Kind.

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