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Kolumne Joko Zoellner

"Ja" sagen zu "Nein"-Sagern

Kinder können ihre Eltern in jungen Jahren zur Verzweiflung bringen, aber später ist ein rechtzeitig gelerntes "Nein" überlebenswichtig. Warum das so ist, erklärt Kolumnist Joko Zoellner.

Irgendwann ist Schluss mit "Ist die Kleine nicht süß?" Aus heiterem Himmel bekommt der häusliche Baby-Frieden einen ersten empfindlichen Dämpfer. "Nein" – so platzt es urplötzlich, oh Schreck, aus dem bisher wortlosen Kindermund heraus. "Nein!" Und das manchmal sogar, bevor das lang ersehnte Wort aller Wörter zu hören ist: "Mama!"

Nix Mama – stattdessen: "Nein!" Und damit beginnen irgendwann so um die zwei Jahre herum die Machtspiele zwischen Eltern und Kindern. Mit diesem ersten "Nein" fangen die ganz jungen Wilden an, ihre eigenes Denken auch zu einem ersten eigenen Willen zu entwickeln. Früh übt sich. Und keine Frage, das ist gut so.

Oft allerdings ist es ein Schock für Mama und Papa, wenn ihr niedlicher Windelpupser nun "nein" sagt, also nicht mehr widerspruchslos hinnimmt, was ihm gesagt wird. Oder sagen wir es doch gleich mal ganz deutlich: nicht gehorcht. Gehorsam gehört doch zu den Tugenden einer erfolgreichen Erziehung, was nun?

Aber dann passiert das: Mit Händen und Füßen verdreht sich der kleine Oberkörper wie ein Korkenzieher, wirft den Kopf von links nach rechts, um ja die letzten Reste vom Brei auf dem Teller nicht mehr essen zu müssen. Reicht dieses Abwehrverhalten immer noch nicht, fliegt dann kurzerhand mal der Löffel im hohen Bogen mit Gebrüll und schrillem "Nein" durch die Küche. Oder: Die kleinen Füße verknoten sich so geschickt, dass das Anziehen der Schühchen erfolgreich verhindert wird – natürlich mit protestierendem, langezogenem "Neeiiin!" Auch Mütze aufsetzen wird zum Desaster, selbst Das Plantschen  in der Badewanne fällt wegen aktuter Verweigerung aus.

Schon in dieser frühen Lebensphase, in der kleine Köpfe noch gar nicht in der Lage sind zu argumentieren, setzen sich Kinder vehement und oft erfolgreich zur Wehr. Für sie ist ihr Nein völlig okay. Ein unterbewusster Impuls. Psychologen erkennen darin den allerersten wichtigen Entwicklungsschritt zur Selbst- und Eigenständigkeit. Diese Kids können zwar noch nicht viel reden, aber sich schon sehr eindrucksvoll zur Wehr setzen.

Permenante Ablehnungen führen dann bereits nach kürzester Zeit zu ersten familiären Zerreißproben, wenn von uns Eltern entscheidende Regeln im Umgang mit Nein-Kindern (genauso mit sogenannten Trotzköpfchen) einfach außer Acht gelassen werden. Nicht die kleinen Verweigerer, sondern wir Erwachsenen sind oft das Problem, weil wir nicht wissen, wie wir auf "Nein"-Sager reagieren sollten. Sicher ist: das Nein wird zuim Lebensbegleiter mit unterschiedlichsten Facetten und altersabhängigen Problemen.

Bleiben wir zunächst beim "Nein" der ersten Jahre. Selbst wenn Kinder die verschiedenen Nein-Arten gar nicht unterscheiden können, haben sie ein feines Antennchen dafür, wie die Mama - meistens ist sie es ja - auf die Ablehnung bzw. Verweigerung reagiert. Deshalb kann es hilfreich sein, sich so etwas wie ein Verhaltens-Knigge anzulegen, wie man am erfolgreichsten die Widerspenstigen zähmt.

Natürlich wollen wir Eltern uns keine Vorschriften anhören. Alles, was gesagt und getan werden muss, ordnet sich einem pädagogischen Grundsatz unter, den Diplom-Psychologin Daniela Holltrotter so formuliert hat: "Kinder brauchen Halt, Orientierung und Sicherheit." Die folgende Liste ist eine Sammlung anerkanner, erprobter und hilfreicher Empfehlungen  für den Umgang mit Nein-Sagere:

- Reagieren Sie nicht gleich auf jedes Nein! Erstmal abwarten.

- Das Nein von zwei- bis fünfjährigen sollte nicht rigoros unterbunden werden. Kleinkinder dürfen nein sagen, weil sie eine Phase durchleben, in der sich der eigene Wille entwickeln soll. Das heißt allerdings nicht, dass jedes Nein widerspruchslos hingenommen werden muss. Ein glasklarer Widerspruch "Doch" zeigt frühzeitig den Kindern Grenzen auf: Bis hierher, aber keinen Schrtt weiter.

- Denken Sie immer daran, dass das Nein in diesem Alter keine gezielte Attacke gegen die Eltern sein kann, sondern dass sich die Kinder voller Neugier und Tatendrang nur ausprobieren wollen – ja, sogar müssen, wenn sie die CD`s aus dem Regal abräumen. Geschickt gekontert lautet die nicht vorwurfsvolle Ansage: "Komm, jetzt räumen wir das gemeinsam wieder auf."

- Reagieren Sie möglichst nicht mit Drohungen: "Wenn du jetzt nicht aufhörst, dann …" Ja, was dann? Es macht wenig Sinn, Kinder zu verunsichern, weil sie sich dann oft bestraft fühlen. Aus ihrer Sicht haben sie aber nichts Böses getan. Stattdessen helfen da schon eher Ablenkungen oder Alternativen, um das Nein in ein hoffnungsfrohes lächelndes Ja zu verwandeln. Süßigkeiten sind weder Ablenkung noch Alternative!

- Werden Sie nicht selbst zum Nein-Sager. Je häufiger Kinder ein Nein hören, desto mehr verliert es an Wirkung.

- Zeigen Sie  auch ruhig mal Verständnis für das Nein: "Ich verstehe dich." Und wenn dann kein Aber folgt, verstehen Ihre Kinder diresen Satz als ein Lob und fühlen sich bestätigt, was dem Selbstvertrauen gut tut.

- Geben Sie ruhig nach, wenn es vertretbar ist. Wer wird schon gern zu etwas gerzwungen, dass ihm partout nicht in den Kram passt.

- Geben Sie aber nicht nach, wenn es die Situation zwingend erforderlich macht, unnachgiebig zu bleiben. Sagen Sie es auch, unmissverständlich in aller Ruhe, ohne sich auf lange Diskussionen einzulassen. Kinder begreifen klare Ansagen meistens sehr schnell.

- Verzichten Sie auf strikte, unbegründete oder gar heftige Befehle. Das entlockt den Kleinen nur eins: das nächste Nein und das nächste Gebrüll.

- Unterstützen Sie die Entwicklung des Kinder-Willens (auch dazu gehört  sein Nein), indem ihre Antwort nicht fast immer ein Verbot beinhaltet. Besser bist: Beurteilen und kommentieren Sie die Situation differenziert, was jeweils sein muss, sein soll, sein darf oder sein kann. Hinter jedem Verbot sollte oft auch eine kleine Chance stecken.

- Erkären Sie, welche Nein-Argumente Ihrer Kids Sie akzeptieren würden und warum andere nicht anerkannt werden können. Ein gutes Beispiel ist das beliebte: "Keine Lust"! Das ist nichts anderes als eine billige Ausrede und reicht nicht aus als Grund, etwas nicht zu tun. Über ein "Ich mach das bestimmt morgen", könnte bestimmt verhandelt werden.

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Für alle eben aufgezählten Punkte gilt der Grundsatz: Beharrlichkeit und Nachhaltigkeit sind zwei entscheidend wichtige Orientierungspunkte bei einer erfolgreichen und möglichst problemlosen Erziehung bis ins Teenie-Alter. Die stürmisch Heranwachsenden  sollten wie wir Eltern ganz genau wissen, wie man am besten miteinander umgeht. Die Familie ist  und bleibt das beste "Gewächshaus", um langfristig gegenseitiges Vertrauen reifen zu lassen.

Auffallend dabei ist nur, dass wir bisher noch kein Wort über das Ja und die Ja-Sager verloren haben. Aber das hat gute Gründe.

Wer als Kind lieber Ja sagt, ist pflegeleicht(er), lehnt sich weniger auf, sorgt seltener für Schlagzeilen oder Gesprächsstoff beim familiären  Abendbrot. Ja-Sager mit zwei, drei Jahren sind angepasster, im Vergleich zu Nein-Sagern weniger anstrengend und deshab auch eher Mamas Liebling:  Harmonie, Zustimmung, Übereinstimmung, Verständnis, Liebe (wir kennen alle das "Ja-Wort") und grenzenloser Frieden - eine herrlich heile Welt. In frühester Kindheit mit Sicherheit, aber mit späteren Folgen, die Ja-Sagern das Bild der heilen Welt Schritt für Schritt und Jahr für Jahr schmerzhaft kaputt machen.

Einer dieser Schritte ist das erste rechtzeitige Abnabeln. Das Loslassen, das Raus aus Mamas Schoß und Wärme. Und das beste Jahr dafür ist der Start ins Kindergartenleben. Fremde Menschen, fremde Umgebung, andere Regeln, alles ohne Schutzfaktor Mama. Die Frage ist nur, wer mehr leidet: Mutter oder Kind. Die Kinder leiden am meisten, wenn sie ihre Mutter leiden sehen. Die Kids entdecken sich viel schneller neu als wir Eltern das wahrhaben wollen. Kernsatz: "Sie ist doch noch so klein." Kindergarten ist kein Kinderparadies, aber hilfreich.

Mit einem eher (zu) schnellen Ja  anstelle eines Nein kann man eventuell Konflikten ausweichen. Wer noch nicht gelernt hat, Widerstand zu leisten, unterliegt der Gefahr ausgenutzt zu werden oder einen Umweg um die Wahrheit zu machen. Der renommierte Psychologe Werner May hat erkannt: "Mit einem Ja kann man wie mit einer angezogenen Handbremse durchs Leben fahren. Zum Beispiel, wenn man zu einer Aufgabe Ja sagt, obwohl man nicht ganz dahinter steht."

Ja-Sager haben kein Problem damit, es immer anderen Recht machen zu wollen. Sie widersprechen ungern, stellen persönliche Bedürfnisse oft hinten an, möchten beliebt sein und sind dennoch nicht immer willkommen, weil sie mit ihrer angepassten Art Harmonie-Hormone ausschüttend als Langeweiler empfunden und kritisiert werden.

Die Krux dabei erklärt Werner May: "Viele sagen Ja, obwohl sie lieber nein sagen würden." May beschäftigt sich seit 25 Jahren mit der Psychologie des Neinsagens. "Nein sagen muss man lernen. Man muss es trainieren." Mit Nein setzt man Grenzen. Das Ja ist grenzenlos.

Umso wichtiger ist deshalb die frühe pädagogische Ausrichtung: Den zwei, drei Jahre alten Kindern nicht das Nein strikt und autoritär verbieten oder sogar mit Strafen drohen, selbst wenn unsere elterliche Geduld manchmal arg strapziert wird und der Geduldsfaden auch mal reißt. Egal, es gibt keine Alternative: Wer sich später durchsetzen soll, muss frühzeitig angeleitet werden zu kämpfen, um sich durchzusetzen. Und das klappt am bieten im Zusammenspiel mit den Eltern.

Das Nein bedeutet in jungen Jahren zunächst nur Ablehnung, Auf- und Widerstand. Denken Sie  heute schon daran, dass dieses jetzt zu lernende Nein morgen - im Alter ab etwa zehn Jahren - nicht mehr nur ein familiärer Widerstand, sondern dann auch ein vielleicht sogar lebrnswichtiger wichtiger Schutz ist – eine überzeugte und unüberhörbare Abwehrhaltung fremden Menschen gegenüber…

Unser Kolumnist: Joko Zoellner

Joachim "Joko" Zoellner blickt auf eine lange und ausgefüllte Karriere im Journalismus zurück. Zu seinen dabei durchlaufenen beruflichen Stationen gehören unter anderem Chefredakteursposten (tw. stellv.) im Springer-Verlag. Vor allem im Sport- und Familienbereich war und ist Zoellner leidenschaftlich als Autor aktiv. 

Weiter gründete der studierte Theologe den Verlag "Jokomedia UG" sowie die Zeitschrift "Familie&Co." Für wireltern.de schreibt er regelmäßig unterhaltsame und informative Kolumnen rund um die Themen Familie, Kinder und Erziehung. Dabei kritisiert und kommentiert er – stets mit einem Augenzwinkern – gängige Methoden und alltägliche Missverständnisse zwischen Eltern und Kind.

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