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Kolumne Joko Zoellner

"Du darfst Angst haben!"

Wir Eltern können viel dazu beitragen, dass unsere Kinder in Zukunft weniger Angst vor der Angst haben. Neue Erkenntnisse, interessante Anregungen, kluge Strategien ...

Die größte Klippe auf meinem Nachhauseweg war der Friedhof. Ich musste an diesem knarrenden Eisentor vorbei- und an einem irre langen, mächtigen Maschendrahtzaun entlangradeln, ob ich wollte oder nicht. Und je dunkler es wurde, desto weniger wollte ich...

Die Vorstellung, von den auf Gräbern tanzenden Geistern verfolgt zu werden, ließ mich deutlich schneller in die Pedale treten. Und dazu singen, laut singen, lauter, immer lauter. Schreckensmomente.

Nach dem Waldstück meine Rettung: erst eine Laterne, dann das Licht von Häusern, und an der vertrauten elterlichen Gartenpforte hatte der ganze Spuk urplötzlich sein Ende. Ich war so um die zwölf Jahre alt und niemals hat jemand davon erfahren, wie mich Angst und Schrecken jedes Mal am Friedhof gepackt hatten ...

Noch heute frage ich mich: Wie entsteht Angst? Woher kommt sie? Wie schleicht sie sich an? Was sind die Gründe, dass bereits Kinder im Säuglingsalter Angst haben, obwohl sie nicht den leisesten Schimmer haben können, was das überhaupt ist: Angst!

Spurensuche ...

Angst ist nicht mit einem Rezept für die Apotheke zu behandeln. Angst nehmen wir alle anders wahr und dementsprechend reagieren wir auch völlig unterschiedlich. Nicht mal Angst und ihre signifikanten Symptome wie Furcht vor Spinnen vererbt sich. Auch nicht verwunderlich ist das Ergebnis verschiedener Forschungen, die darauf hindeuten (aber nicht beweisen), dass sich Kinder von zur Ängstlichkeit neigenden Eltern ähnliche nervöse Verhaltensweisen aneignen. Kann sein, muss nicht sein. Angst lässt sich nichts vorschreiben.

Wir Erwachsene kennen Angst in verschiedenen Lebenslagen (Job, Beziehungen). Wir alle wissen, was Angst bedeutet. Jeder erlebt und empfindet sie anders und geht seinem Naturell entsprechend auch unterschiedlich damit um. Aber egal, ob mal heftiger oder auch mal weniger intensiv, uns Eltern verbindet alle der dringliche Wunsch, unsere Kleinen am liebsten davor zu bewahren, Angst zu haben, Angst zu ertragen, mit Angst leben zu müssen. Aber Achtung!

Experten warnen: Es ist überhaupt nicht erstrebenswert und im Grunde genommen sogar falsch, Kinder angstfrei aufwachsen zu lassen. Es sei wichtig für Eltern zu verstehen, dass "die Angst einen Teil der gesunden Entwicklung eines Kindes ausmacht", erklärt der renommierte Familien-Berater Jan-Uwe Rogge. Kindern Angst zu ersparen, sei auch gar nicht möglich.

"Jedes Kind hat Angst und es muss damit lernen umzugehen", meint Autorin Nadine Stelzer schon in ihrer beeindruckenden Bachelorarbeit 2008: "Kinder, die das Gefühl der Angst nicht kennen, tendieren dazu, Gefahren schlechter abzuschätzen und Grenzen schwerer einzuhalten." Wer Angst spürt, fühlt Bedrohung und reagiert intuitiv vorsichtiger oder bleibt zurückhaltender. Auf diese Weise wird Angst zu einem hilfreichen, wichtigen Schutzfaktor. Die moderne Pädagogik hat sich diese Einsicht auch im Blick auf die Medien längst zu eigen gemacht. Das Internet lässt unsere Welt immer enger zusammenrücken. Deshalb bekommen unsere Kinder – teilweise ungewollt – auch schon in sehr jungen Jahren mit, wie ungemein gefährlich, risikoreich, grausam und kriegerisch dieser Erdball ist, und sie sehen natürlich ihr Leben gefährdet. Das macht Angst – wen wundert's?

Und das hat auch elterliche Sichtweisen dramatisch verändert. Wurde früher versucht, den Kindern angstfreie Räume zu schaffen, so sollen sie jetzt frühzeitiger lernen, mit der Angst umzugehen. Die Aufforderung "Du darfst Angst haben", ist das moderne, wichtige Eingeständnis, Kindern die Lebenswirklichkeit vor Augen zu führen. Der ehemals heldenhafte Satz "Du brauchst keine Angst zu haben" hat vielleicht noch Hütehund-Charakter, ist aber unpassend, überholt und unsinnig, weil man Kindern damit jedes Verantwortungsgefühl wegnimmt.

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Angst begleitet uns durchgehend von der Geburt bis zum Tod. In jedem einzelnen Lebensabschnitt beschert sie uns immer wieder veränderte altersbedingte Gemeinheiten und Botschaften. Besonders lehrreich und prägend sind dabei die ersten Jahre und die Grundschule. Diese Zeiträume haben wir für euch jetzt genauer unter die Lupe genommen. Es handelt sich um altersspezifische Ängste.

Säuglinge:

Auch sie kennen schon Angst, obwohl sie noch gar nicht wissen, was Angst ist. Säuglinge haben bereits gezielte Bedürfnisse nach Kontakt, Wärme, Zuspruch. Werden sie nicht erfüllt, entsteht eine allererste Form von Verlustangst. Sie strecken dann gern die Arme in die Luft oder tun, was sie am wirkungsvollsten können: Sie brüllen sich die Seele aus dem Leib. Die sogenannte "Kontakt-Verlust-Angst".

Achter Monat:

Jetzt kann ein Kind "fremd" und "vertraut" unterscheiden. Vertraut ist, was bekannt ist: vor allem Mama, ihr Gesicht, ihre Hände, ihr Geruch, ihre Stimme. Vielleicht etwas Papa, und vertraut ist auch das Geschwisterchen. Alles andere, was unbekannt ist, löst Skepsis, Verzweiflung, Angst aus – es handelt sich um das berühmte "Fremdeln" (auch im Dunkeln und bei schlechtem Schlaf): das erste Angst-Gefühl von Trennung – eine sehr wichtige und oft bleibende Erfahrung.

Zwei bis vier Jahre:

Es ist die Zeit des magischen Denkens und Handelns. Deshalb auch "magisches Alter" genannt. Viele Kinder glauben, sie könnten zaubern. Sie sehen und erfinden Fantasiegestalten. Fürchten sich gleichzeitig vor bösen Märchenfiguren, Hexen, Gespenstern, vor dunklen Kellern oder Monstern unterm Bett. Ihre Lust am Kreativen schlägt Purzelbäume.

Fünf bis sechs Jahre:

Das Leben wird weniger traumhaft, sondern durch den Schulbesuch demnächst stärker konkretisiert. Katastrophen werden nun bewusst aufgenommen, genauso wie veränderte Lebensumstände in der Familie (Wohnungswechsel, ein Baby, Tod der Oma) – alles mögliche Angst-Auslöser.

Grundschulalter:

Es sind die vier Lebensjahre mit den häufigsten Veränderungen und oft  langfristigen und prägenden Herausforderungen. Autorin Nadine Stelzer hat die wichtigsten Ängste in diesem Zeitraum kategorisiert und aufgelistet.

Formen der Angst

Soziale Ängste:

- Verlassen werden (Liebesverlust)
- "Böse" Fremde oder "liebe" Nachbarn
- endgültige Trennung oder Scheidung der Eltern
- Verlust von Freundschaften

Das bedeutet: Vorherrschend in diesem Alter ist die Trennungsangst. Der "Verlust" eines Elternteils löst bei Kindern die größten Ängste aus. Die Grundschulkinder sehen darin einen Angriff auf ihr eigenes Leben. Ihr Selbstwertgefühl sackt in den Keller. Sie sind verletzt, verunsichert und haben plötzlich Angst, ausgelacht zu werden.

Körperlich-seelische Ängste:
- Tiere
- Dunkelheit
- nächtliche Traumgestalten
- Schläge und Strafen
- unbekannte Geräusche
- Schmerzen, Krankheiten, Unfälle
- Feuer, Gewitter, Naturgewalten
- Tod

Das bedeutet: Grundschulkinder reagieren auf kleinste Verletzungen viel zu panisch und völlig überzogen. Der Grund dafür ist ihr mangelhaftes Körperbewusstsein. Auch die Schmerzen werden dramatisiert, um sich wichtig zu machen. Außerdem fällt ihnen die Trennung zwischen Realität und Illusion schwer. Sie leben gern in einer Traumwelt. Und wenn sie Angst vor Strafen haben, wissen sie oft gar nicht, was sie verbrochen haben.

Ängste sind sehr oft schwerwiegendes Hindernisse in der Entwicklung junger und jüngster Erdenbürger. Wir Eltern können unsere Kinder nicht aus ihren schwierigen Lebenssituationen mit einem Fingerschnippen befreien. Zwei Fragen sollten sich Eltern stellen. Erstens: Wie sollen wir mit den Ängsten unser Kinder umgehen? Zweitens: Ob und was können wir dazu beitragen, um unseren Kindern die Angst zu nehmen oder zumindest zu lindern?

Hier sind vier Strategien, die sich ergänzen

1. Kinder müssen mit ihren Ängsten selbst klarkommen

Sicherlich hat jede fürsorgliche Mutter permanente Angst, dass dem Sohn oder der Tochter irgendetwas Schlimmes passieren könnte. Und deshalb würden Mama und Papa ihre Liebsten nur allzu gern unter Dauerbeobachtung nehmen. Das ständige, übertriebene "Pass auf" sorgt aber nicht für Schutz, sondern für Verunsicherung. Diese Überbehütung löst bei vielen Kindern ungewollt Angst aus. Wir Eltern haben ganz einfach zu kapieren, dass der Umgang mit Angst – so schwer es auch fällt – die Baustelle der Kinder ist (nicht unsere!), und sie lernen müssen, damit umzugehen.

Sei es der Sprung vom Drei-Meter-Brett, sei es die Nominierung für das Theaterstück, sei es die Zeichnung einer Lilie, sei es das lange Gedicht aufzusagen oder im Chor vorzusingen. Sei es, wie es sei, es geht immer um ureigene Bewährungsproben. Sie erfolgreich zu bestehen, bedeutet, Angst zu überstehen. Erfolgserlebnisse sind die besten Angstkiller.

2. Eltern müssen verstehen, worauf es Kindern ankommt

Oft glauben wir zu wissen, was für unsere Kinder wichtig ist. Und deshalb hören wir dann gar nicht mehr genau hin, wenn sie uns erzählen, was wirklich wichtig für sie ist. Das aber kann fatale Folgen haben. Denn schon Zweijährige haben ein verdammt feines Gespür, ob wir ihnen unsere ungeteilte Aufmerksamkeit schenken. Und wehe, wir haben vergessen, welches Tier der aktuelle Liebling ist.  Schnell heißt es dann enttäuscht: "Du magst mich ja gar nicht."

Wenn unsere Kinder das Gefühl haben, sie stehen bei uns Eltern nicht auf den ersten Plätzen, fühlen sich missachtet. Wenn unsere Kinder gar spüren, dass wir sie aus ihrer Sicht nicht wertschätzen, reagieren sie total verunsichert. Angst entsteht.

3. Mit den Kindern Klartext über Ängste reden

Vorschlag: Erzähle den Kindern von deinen Ängsten, als du in ihrem Alter warst. Ermuntere sie damit, dass sie von ihren Ängsten sprechen. Das schafft eine kleine Vertrauensbasis. Vermittele ihnen das Gefühl Solidarität, auch wenn sie mit diesem Begriff noch gar nicht so viel anzufangen wissen: "Siehst du, wir sitzen in einem Boot". Das macht Mut, gibt Rückhalt und sie merken, dass du es ernst meinst, wenn du ihnen sagst: "Mit meiner Hilfe kannst du immer rechnen." Da ist kein Platz für Angst.

4. Eltern können mit Komplimenten entscheidend punkten

Nichts ist schöner und sinnvoller als seine Kinder zu loben. Nichts ist überflüssiger als laut und beleidigend zu werden. Negative Kommentare veranlassen Kinder, sich zurückzuziehen und angstvoll auf die nächste Strafpredigt zu warten. Jedoch jedes Kompliment für einen Turniersieg beim Tischtennis, für eine gute Note in Mathe, für das unaufgefordert aufgeräumte Zimmer steigert das Selbstwertgefühl, die Motivation und den Ehrgeiz. Da ist kein Platz für Angst.

Am Ende sind familiäre Liebe, Wärme, Geborgenheit, Vertrauen und das Zugeständnis, Angst haben zu dürfen, die herausragenden Merkmale für ein modernes Aufwachsen ohne Angst – fast ohne Angst.

Meine Fahrt durch den dunklen Wald wäre vielleicht heute auch etwas angstfreier ...

Unser Autor: Joko Zoellner

Joachim "Joko" Zoellner blickt auf eine lange und ausgefüllte Karriere im Journalismus zurück. Zu seinen dabei durchlaufenen beruflichen Stationen gehören unter anderem Chefredakteursposten (tw. stellv.) im Springer-Verlag. Vor allem im Sport- und Familienbereich war und ist Zoellner leidenschaftlich als Autor aktiv. 

Weiter gründete der studierte Theologe den Verlag "Jokomedia UG" sowie die Zeitschrift "Familie&Co." Für wireltern.de schreibt er regelmäßig unterhaltsame und informative Kolumnen rund um die Themen Familie, Kinder und Erziehung. Dabei kritisiert und kommentiert er – stets mit einem Augenzwinkern – gängige Methoden und alltägliche Missverständnisse zwischen Eltern und Kind.

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