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Sprachentwicklung bei Kindern

Von Quasselstrippen und Redefaulpelzen

Die Entwicklung vom glucksend-lallenden Baby zum fröhlich plappernden Kleinkind ist rasant – besonders im Hinblick auf die Sprachfähigkeit.

Hinter einem wortgewandten Erwachsenen steckt häufig eine engagierte Spracherziehung in der Kindheit. Besonders in den ersten Lebensjahren werden die Grundsteine für die Sprachfähigkeit eines Menschen gelegt: für sein Sprachgefühl, seinen Wortschatz und seine Ausdrucksweise. Wie Eltern den Spaß an Sprache wecken und ihr Kind schon frühzeitig fördern können, fragten wir Dr. Monika Rausch, Präsidentin des Deutschen Bundesverbandes für Logopädie e.V.

K&G: Frau Dr. Rausch, lernt der Nachwuchs auch vor dem Fernsehapparat sprechen?

Dr. Rausch: Beobachtet man kleinere Kinder vor dem Fernseher, lässt sich feststellen, dass sie sich nicht lange dafür interessieren – sie bekommen ja keinerlei Rückmeldung von dem Gerät, wenn sie etwas rufen oder kommentieren. Im „wirklichen Leben“ wiederholen Erwachsene intuitiv, was ihre Kinder sagen und gehen gezielt auf deren Äußerungen ein. Zum Beispiel: „Ein Auto hast du gesehen? Zeig mal.“ Dieses Feedback brauchen Kinder!
 

Dem Fernsehen fehlen also diese sozialen und kommunikativen Aspekte, die für den Spracherwerb so wichtig sind.

Richtig. Dennoch müssen Fernsehsendungen grundsätzlich nicht schlecht sein, es kommt auf den Umgang mit ihnen an: Gemeinsam eine Sendung anzuschauen, hinterher darüber zu sprechen oder das Kind eine Situation beschreiben zu lassen – davon profitiert es.
 

Können Eltern ihr Kind anspornen, mehr zu sprechen und sich auszutauschen?

Der wichtigste Motor für Kinder ist Bestätigung. Zeigen Eltern Interesse für die Äußerungen und gehen gezielt darauf ein, fühlen sie sich motiviert, weiter an ihrer Sprachfähigkeit zu feilen. Für Eltern sollte daher der Fokus auf dem liegen, was das Kind sagt und nicht wie es etwas sagt. Hilfreich sind individuelle Situationen, in denen die Familie zusammen etwas unternimmt, die also „sprachliches Futter“ bieten:  Das können tolle Aktivitäten am Wochenende, ein Besuch im Zoo oder ein schönes Buch sein.

Warum bilden Kinder grammatische Formen, die sie nie gehört haben können, zum Beispiel „Ich habe aufgegesst“?

Daran wird deutlich, dass Spracherwerb keine simple Imitation, kein Nachgeplapper ist: Kinder machen sich Gedanken über ihre sprachliche Umwelt. Sie versuchen intuitiv, Regeln aufzustellen und anzuwenden. Schließlich bringt ihnen niemand vor Schulbeginn konkret bei, wie sie einen Satz bilden sollen. Im Alter zwischen zwei und vier Jahren ist es zudem besonders wichtig, dass Eltern korrekt mit ihrem Kind sprechen und nicht mehr in der Babysprache.
 

Ist es sinnvoll, Fehler zu korrigieren?

Ein Kind permanent zu berichtigen oder über sprachliche Ausrutscher zu lachen kann die Sprachentwicklung bremsen. Ein demotiviertes Kind wird nicht mehr fröhlich lossprudeln, weil es Angst vor der Reaktion hat. Eltern können das falsche Wort beispielsweise in einer Nachfrage wiederholen. Sie korrigieren das Kind somit indirekt, aber stellen es nicht bloß. Auch wichtig: Lob!
 

Woran erkennen Eltern, dass die Sprachentwicklung ihres Kindes verzögert sein könnte?

Bis zum Alter von 18 Monaten sollten Kinder ihr erstes Wort äußern und mit circa zwei Jahren in der Lage sein, 50 Wörter zu sprechen – das sind wichtige Schwellen in der Sprachentwicklung. Ein weiteres Anzeichen kann das Ausbleiben der „Lallmonologe“ zwischen dem sechsten und neunten Lebensmonat sein – möglich ist, dass das Kind nicht richtig hört. Machen sich Eltern Sorgen um ihr Kind, sollten sie ihren Kinderarzt um Rat fragen. Ein Arztbesuch ist auch dann sinnvoll, wenn das Kind selbst darunter leidet, dass es undeutlich oder nicht flüssig spricht.
 

Was geschieht, wenn Kinder sprachlich vernachlässigt werden?

Der sichere Umgang mit Sprache ist eine der zentralen Voraussetzungen für Bildung. Wenn mit einem Kind nicht genügend gesprochen wird, verzögert sich seine sprachliche Entwicklung – somit versperrt man ihm den Zugang zu besseren Bildungschancen. Nur wer Sprache beherrscht, ist in der Lage zu lernen und mit Wissen umzugehen.

Von „brumm“ zu „Auto“ – Die Phasen des Spracherwerbs

Circa zwischen dem zweiten und sechsten Monat sind Babys in der Phase des „sprechmotorischen Lernens“. Sie beginnen, ihre Muskulatur zu trainieren, das Zusammenspiel von Kehlkopf, Zunge und Lippen zu erproben und mit ihrer Stimme zu experimentieren.

„Lala“ und „Dada“: Lautverdopplungen kennzeichnen das „kanonische Lallen“ zwischen dem sechsten und neunten Lebensmonat. In diesem Entwicklungsabschnitt „erzählen“ die Kleinen sehr viel, hören sich selbst gern zu und probieren aus, welche Laute sie erzeugen können.

Rund um den ersten Geburtstag gibt es eine Premiere:
Das erste Wort! In der „Ein-Wort-Phase“ benutzen Kinder Ausdrücke nicht nur für Gegenstände oder Personen, sondern auch für Zusammenhänge und Situationen. Ein „Auto“ kann beispielsweise für ein vorbeifahrendes Auto stehen oder für den Wunsch, Auto zu fahren. Nach und nach kommen mehr Wörter hinzu. Mit ungefähr zwei Jahren sollte der Nachwuchs in der Lage sein, 50 Wörter zu kennen.

Kleine Quasselstrippen: Im dritten Lebensjahr kommt es zum so genannten „Wortschatzspurt“. Kinder lernen jetzt sehr schnell viele neue Wörter und bilden vermehrt „Zwei-Wort-Sätze“. Oft bilden sich zu diesem Zeitpunkt zwei Grundtypen kleiner Kommunikateure heraus: Zum einen Kinder, die schüchtern sind und nur einzelne Wörter sprechen. Sie beobachten zunächst und platzen plötzlich mit einfachen Sätzen heraus. Expressive Kinder dagegen babbeln scheinbar unentwegt vor sich hin. Mit der Masse der Äußerungen wird ihr Sprachvermögen immer besser. Zwischen diesen beiden Grundtypen finden sich fast alle Kinder wieder. Die Sprachentwicklung sollte jedoch immer individuell und nicht im Vergleich zu anderen Kindern betrachtet werden.

Innerhalb des dritten Lebensjahres prägen Kinder ihre Sprachfähigkeit aus und kombinieren viel; ihre Sätze werden umfangreicher. Die Schere in der Entwicklung geht bereits jetzt weit auseinander: Manche Sprösslinge sprechen noch einfache, andere schon komplexe Sätze.

In der Phase vom dritten Geburtstag bis zur Einschulung brauchen Kinder jede Menge sprachliches „Futter“, um ihren Wortschatz und ihre Erzählfähigkeiten weiter auszubauen.

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