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Zum Vorlesen und Nacherzählen

Nekke, der Wassermann

Der Seetangsalat schmeckte nach Teer! Igitt! Und schon wieder hatte er beim Tauchen plötzlich eine Plastiktüte auf dem Kopf! Jetzt hatte der Wassermann endgültig genug und machte sich auf den Weg. Er wollte sich nicht mehr tief im Meer verstecken, so, wie die anderen Zauberwesen es tun – all die Zwerge, Elfen, Trolle und Feen. Die verstecken sich vor den Menschen in Wäldern, Höhlen und Gebirgen, so dass manch einer schon glaubt, sie wären ausgestorben.

Ben stand vor dem Spiegel und putzte sich die Zähne, drei lange Minuten.

Das Wasser aus dem Wasserhahn lief rauschend in den Abfluss, und wie immer beim Zähneputzen geriet Ben ins Träumen. Er liebte Märchen und Fantasiegeschichten. Nur zu gerne hätte er einmal eines der Wesen aus seinen Büchern getroffen:  einen Zwerg, eine Elfe, oder wenigstens einen Wassermann. Wo waren sie alle hin? In früheren Zeiten, im Mittelalter oder so, da schien es ja nur so von Zauberwesen gewimmelt zu haben, wenn man den Märchenbüchern glauben durfte. Na ja, dachte Ben, heute gibt’s die wohl alle nicht mehr …

Ben spuckte Zahnpasta ins Waschbecken.

Da ertönte plötzlich eine Stimme: „He, spuck mir nicht auf den Kopf!“ Ben erschrak. Er beugte sich vorsichtig über das Waschbecken – und platsch – traf ihn ein Wasserstrahl ins Gesicht. „Was soll das?“, rief  Ben. „Was du kannst, kann ich auch“, rief die Stimme aus dem Abfluss. „Wenn du mich anspuckst, dann spuck ich zurück!“ Ein Kopf mit von Zahnpastaresten verschmierten grünen Strubbelhaaren erschien aus dem Abfluss und schaute Ben aus frech ins Gesicht. Das muss ein Traum sein, dachte Ben.

„Ich bin Ben, und wer bist du?“, fragte Ben vorsichtig.

„Nekke, der Wassermann bin ich“, rief das Männchen stolz. „Na, wohl eher ein Wassermännchen, so klein wie du bist“, lachte Ben. „Werd nicht frech, sonst spuck ich wieder“, schimpfte Nekke. Er versuchte, aus dem Waschbecken zu klettern, rutschte aber von den glatten Porzellanwänden ab. „Glotz nicht, hilf mir lieber!“, rief Nekke. Ben glaubte immer noch, dass er träumte, aber er packte das Wassermännchen vorsichtig am Kragen seiner silbernen Fischschuppenjacke, hob es hoch  und setzte es sich auf die Hand.

„Ich muss so schnell wie möglich ins Wasser, sonst krieg ich noch trockene Füße und werd krank!“, rief Nekke.

„Bring mich zu Fluss – ich will nicht in den Abfluss zurück. Da unten gibt‘s Ratten.“ „Was hast du denn da unten gemacht?“, wollte Ben wissen. „Ich hab jemanden gesucht, der an Zauberwesen glaubt“, sagte Nekke. „Und ich hab dich gefunden. Wassermänner spüren so was … Ich hab deine Träume und Gedanken aufgefangen – und das ganz ohne Handy!“ Ben staunte: „Mich gesucht hast du? Boah!“ Nekke schmunzelte: „Erwachsene glauben nicht mehr daran, dass die Welt ein verzauberter Ort sein kann und können mich nicht sehen“, sagte er. Das können nur Kinder. Und Kinder werden vielleicht die Welt retten, wenn sie groß sind, und darum zeig ich ihnen, wie man besser mit der Natur umgeht. Zum Beispiel beim Zähneputzen das Wasser nicht stundenlang laufen lassen! Mein Zuhause ist das Meer. Da gibt’s jetzt so viel Dreck, dass das Wasser, das ich atme, bitter schmeckt, und so hab ich mich auf den Weg gemacht, durch das Meer und durch den Fluss, durch Öl, Teer und stinkiges Abwasser, bis ich in dem Kanal unter deinem Haus gelandet war. Ich hatte dich endlich gefunden! Ein Kind, das an Zauberwesen glaubt. Und dann bespuckst du mich mit Zahnpasta!“ Ben senkte schuldbewusst den Kopf. „Tut mir leid“, murmelte er leise. „Komm, ich bring dich zum Fluss“, sagte er dann.

Ben steckte Nekke in die Tasche seiner Jacke und ging hinunter zum Fluss.

Vorsichtig setzte  er das Männchen auf dem Boden ab. „ Gib mir die Hand, ich zeig dir was“, rief Nekke, und als Ben sich bückte und seine Hand ergriff, da glaubte Ben kaum, was jetzt geschah: Er wurde kleiner und immer kleiner, bis er schließlich genauso klein war wie Nekke. „Da staunst du, was?“, lachte Nekke. „Wir Wassermänner haben ein paar coole Zaubertricks auf Lager … Lass mich auf keinen Fall los, sonst ertrinkst du!“ Ben spürte die Schwimmhäute zwischen Nekkes Fingern, und dann, ohne Vorwarnung, machte das Wassermännchen einen Satz und sprang mit Ben an der Hand kopfüber in den Fluss.

Platsch machte es, und auf einmal war es ganz still.

Von den Geräuschen der Stadt war nichts mehr zu hören. Schummriges grünes Dämmerlicht waberte um Ben und Nekke herum, und sie schwebten im Wasser wie zwei Fische. Aber das tollste war: Ben konnte im Wasser atmen, genauso wie Nekke. Doch bevor Ben lange darüber staunen konnte, da zeigte Nekke ihm, was es hier zu sehen gab: Keine Unterwasser-Zauberwelten, sondern lauter Müll! Was lag da nicht alles herum: Bierdosen, ein verrostetes Fahrrad und sogar ein alter Kühlschrank. „Im Meer ist es noch schlimmer“, sagte Nekke. „Pass auf und halt dich gut fest“ Wie zwei Pfeile, schneller als jedes U-Boot, schossen sie nun durch den Fluss. Nekke voran und Ben an seiner Hand hinterher, und bald waren sie im Meer angekommen.

Prustend tauchten sie auf, aber was musste Ben da sehen: Plastiktüten, leere Flaschen, ein Eimer, eine Puppe und sogar eine alte Zahnbürste trieben auf den Wellen.

„Manche Erwachsenen glauben, das Meer wäre eine Mülltonne“, sagte Nekke. „Ich zeig dir das alles, weil du noch klein bist, du kannst noch lernen und es später besser machen“

Ein wunderschön rot und blau schillernder Fisch kam herbeigeschwommen und machte „Blubb!“ „Darf ich vorstellen? Mein Freund Blubb“, sagte Necke. „Schau mal in seine magischen Schuppen – da kannst du sehen, was in der Zukunft  geschieht, wenn die Menschen ihren Umgang mit der Natur nicht bald ändern.“

Ben schaute, und die Schuppen an der Seite des Fisches verschwammen vor seinen Augen.

Zuerst sah er das blaue Meer, Delfine sprangen heraus, Wale sprühten Fontänen aus ihren Blaslöchern und riesige bunte Fischschwärme zogen ihre Bahnen. Doch dann veränderte sich das Bild: Schwarz sah das Meer aus und schmutzig, die Delfine und die Wale waren verschwunden, und die Fischschwärme waren auch fort. Leergefischt und leblos lag das Meer da. „Aber so weit muss es nicht kommen“, sagte Nekke. „Blubb!“, sagte Blubb zustimmend. Ben hatte genug gesehen. „Bring mich nach Hause“, bat er Nekke. In rasender Fahrt ging es zurück durch den Fluss, bis zu der Stelle, an der Nekke mit Ben ins Wasser gesprungen war.

Wieder an Land wuchs Ben, kaum, dass er Nekkes Hand losgelassen hatte, zu normaler Größe heran.

„Denk dran“, sagte Nekke zum Abschied. „Erst verschwinden die Zauberwesen. Dann stirbt die Natur. Und dann …  Aber wenn du einmal groß bist, dann kannst du den anderen zeigen, wie man besser mit der Natur umgeht. Vielleicht wird die Welt dann wieder ein verzauberter Ort so wie früher …“ „Ich warte aber nicht, bis ich groß bin“, gab Ben zurück, „ich fang gleich an!“

Am nächsten Tag fragte Bens Mutter: „Kommst du mit einkaufen?“ „Klar!“, rief Ben und nahm den alten Einkaufskorb vom Regal. „Was willst du denn mit dem ollen Ding“, fragte Mama. „Im Supermarkt gibt’s doch zu jedem Einkauf eine neue Plastiktüte!“ „Ja schon“, antwortete Ben, „aber die wird irgendwann weggeworfen, und dann weht der Wind sie ins Meer, und da fressen die Fische sie und sterben daran!“ Mama machte große Augen und dachte nach. „Weißt du was?“, antwortete sie dann, „du hast Recht. Ab heute nehmen wir wieder den alten Einkaufskorb mit.“

Und abends, stand Ben im Badezimmer und putzte sich die Zähne. Da drehte er den Wasserhahn erst wieder auf, als er sich den Mund ausspülte. Er dachte ganz intensiv an seinen neuen Freund Nekke. Vielleicht würden ja irgendwann wieder bessere Zeiten für die Zauberwesen kommen – für all die Zwerge, Elfen, Trolle und Feen. Und wenn die Menschen sorgsamer mit der Welt umgingen und sie wieder zu einem verzauberten Ort machten. Vielleicht kämen die Zauberwesen dann zurück …

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