Attachment Parenting Wie funktioniert bedürfnisorientierte Erziehung?

Bedürfnisorientierte Erziehung ist derzeit wieder in aller Munde. Die Idee dafür entstand nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA.

Eines haben alle Eltern gemeinsam: Sie möchten, dass ihre Kinder so behütet und glücklich wie möglich aufwachsen. Erziehungsmethoden gibt es wie Sand am Meer. Eine, die sich derzeit besonders großer Beliebtheit erfreut, ist das sogenannte "Attachment Parenting", zu deutsch: "Bedürfnisorientierte Orientierung".

Das klingt im ersten Moment nach respektvollem Umgang mit dem Nachwuchs, nach Rücksicht und nach aktivem Zuhören. Doch was genau steckt dahinter und was bedeutet Attachment Parenting?

Enge Bindung zwischen Mutter und Kind

Die Methoden dieser modernen Erziehungslehre sind besonders darauf ausgerichtet, die Bindung zwischen Mutter und Kind zu fördern. Die Mutter versucht dabei ganz besonders auf die Signale ihres Babies zu hören. Außerdem verbringt sie möglichst viel Zeit in direkter körperlicher Nähe mit dem Kleinen.

Seinen Namen bekam das Attachment Parenting (kurz "AP") vom amerikanischen Kinderarzt William Sears verliehen. Bis heute gilt er als wichtigster Vertreter seiner Lehre. Nach dem Ende der Kriegszeit fassten in Amerika zahlreiche Bindungs-orientierte Erziehungsmethoden Fuß und erfreuten sich wachsender Beliebtheit. 

In den Siebziger Jahren empfahl die Autorin Jean Lidloff Müttern, ihre Säuglinge im eigenen Bett schlafen zu lassen und nach Möglichkeit zu stillen, sowie Neugeborene stets eng bei sich zu tragen, statt sie im Kinderwagen zu schieben. Als Grund dafür gab sie an, die Entwicklung hin zu Flaschenfütterung, Kinderwagen und Co. sei nicht kindgemäß.

Die Geschichte des Attachment Parenting

Weitere Vertreter dieser Ansichten waren unter anderem die Entwicklungspsychologin Aletha Solter in den Achzigern sowie T. Berry Brazelton in den Neunzigern. Der Kinderarzt William Sears beschäftigte sich 1982 intensiv mit der Thematik. Zunächst fand sie in seinen Publikationen unter dem Namen "Immersionsmutterschaft" Erwähnung. Ab 1985 war dann die Rede von "Attachment Parenting".

Soviel zur Geschichte. Doch wie genau funktioniert bedürfnisorientierte Erziehung? Welche Regeln gibt es, auf was wird besonders geachtet? Kritiker bemängeln die fehlende theoretische Basis, doch wie sieht der Alltag aus?

Auf das Schreien des Kindes hören

Sears sieht das Schreien von Babies als wichtiges Kommunikationsmittel. Die Eltern sieht er in der Pflicht, genau darauf zu hören und Bedürfnisse daraus abzuleiten. Um Neugeborene möglichst viel zu beruhigen, sollen sie seiner Ansicht nach so oft wie möglich gestillt werden, in körperlicher Nähe zu den Eltern schlafen und eng am Körper getragen werden.

Fachleute, die Eltern sogenanntes "Schlaftraining" empfehlen, bei dem Säuglinge und Kleinkinder lernen sollen, von sich aus einzuschlafen, wenn sie müde sind, hält er für "fachlich inkompetent". Auch "schreien lassen" kommt für ihn auf keinen Fall in Frage. Die Erziehung nach Bedürfnissen setzt auf Kommunikation und Vertrauen zwischen Eltern und Kindern.

"In Attachment Parenting Familien genügt ein Stirnrunzeln, um ein Kind zu disziplinieren.", lautet ein Sears-Zitat.

Dass viele Eltern überfordert sind, weil ihre Kinder nicht hören wollen und deshalb zu Strafen greifen und es im schlimmsten Fall sogar Ohrfeigen setzt, führt er allein auf den mangelnden Austausch zurück.

Nach Gefühl handeln

Körperkontakt und Nähe zum Kind werden bei dieser Form der Erziehung, wie schon beschrieben, in den Fokus gestellt. Das sogenannte "Babywearing" (deutsch: Baby tragen), zum Beispiel mit einem Babytragetuch, gehört genauso dazu, wie "Co-Sleeping" (nebeneinander schlafen), Stillen und die sofortige Kontaktaufnahme zwischen Mama und Neugeborenem nach der Geburt zum Bindungsaufbau.

Gehandelt wird viel nach Gefühl. Das kommt bei werdenden Eltern gut an und stärkt das Bild der liebevollen Familie. Man sollte jedoch auf keinen Fall vergessen, dass man immer auch auf den eigenen Instinkt zu hören und nicht strikt einer "Methode" zu folgen, wenn es um die Erziehung der eigenen Kinder geht. 

Es gibt zahlreiche Ansätze, die alle ihre Pros und Kontras haben. Die eine perfekte Erziehungsleitlinie gibt es nicht. Jeder hat seine Vorstellungen davon, was "richtig" und was "falsch" ist. Was genau das Richtige für ein Baby ist, weiß am besten die Mutter selbst. 

Es gibt keinen perfekten Erziehungsstil

Wenn ich einen empfindlichen Rücken habe und mein Baby nicht tagein tagaus bei mir tragen kann, dann ist das auch in Ordnung. Genauso ist es kein Grund, sich Sorgen zu machen, wenn es mit dem Stillen einfach nicht klappen will. Natürlich spielen auch die eigenen Bedürfnisse eine Rolle. Außerdem steht die Mutter bei den Ideen von Sears und seinen Kollegen besonders stark im Mittelpunkt.

Selbstverständlich ist der Bindungsaufbau mit dem Vater genauso wichtig. Kritiker stören sich jedoch nicht nur an der Tatsache, dass die altmodische Rollenverteilung innerhalb der Familie Kernpunkt der Methode ist. Sie setzen sie außerdem mit "Helikopter-Elternschaft" auf eine Stufe.

Außerdem sind sie der Meinung, dass sie nicht nur zu Erschöpfungszuständen bei der Mutter, sondern auch zu Konflikten innerhalb der Familie führen kann.

Besonders, wenn die Kinder etwas größer sind und beispielsweise eine Krippe oder KiTa besuchen, haben AP-Eltern oft Schwierigkeiten, loszulassen. Dabei sollten die ersten Anzeichen von Selbstständigkeit doch eigentlich ein Grund zur Freude sein. 

Die Beziehung zwischen Mutter und Kind

Sicher ist es gut, wenn man den ein oder anderen Punkt verinnerlicht und in den eigenen Alltag integriert. Sich jedoch strikt an alle Regeln zu halten, kann unter Umständen stressig werden.

Die Beziehung zwischen Mutter und Säugling aufzubauen und stabil zu halten, ist sicher richtig. Wer sich näher mit der Thematik beschäftigt, wird jedoch auch auf Extrembeispiele wie "Stillen bis ins Schulalter" oder "Geburt ohne Narkose und Gynäkologen" stoßen. 

Zusammenfassend kann man auf jeden Fall sagen, dass das Thema sicher heiß diskutiert wird, weil es auf der einen Seite viele positive Punkte mit sich bringt, auf der anderen Seite jedoch auch stark polarisiert. 

Autorin: Anne Reis

Alle Eltern wünschen sich, dass Ihre Kinder behütet aufwachsen. Foto: GettyImages

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