Digitale Medien Der richtige Umgang mit Computer & Co.

Computer, Smartphones und Spielkonsolen üben eine magische Anziehungskraft auf kleine Weltentdecker aus. Doch der Neurowissenschaftler Manfred Spitzer fordert: Eltern sollen ihre Kinder so gut es geht von Bildschirmen fernhalten. Warum, erklärt er im Interview.

Foto: Thinkstock

KiNDER: Herr Professor Spitzer, Sie warnen davor, vor allem jüngeren Kindern Zugang zum Computer zu gewähren. Warum?

Prof. Dr. Manfred Spitzer: Alles was wirkt, hat Risiken und Nebenwirkungen. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass bereits ein bis zwei Stunden vor dem Fernseher täglich – insbesondere, wenn das schon im Kindergartenalter erfolgt – schlechtere Schulleistungen zur Folge haben. Welche genauen Nebenwirkungen es auf Kinder hat, wenn sie lange Zeit am Computer daddeln, ist dagegen noch nicht richtig erforscht. Ich kann nur vermuten: Je mehr sie daddeln und je früher sie damit anfangen, desto mehr Schaden kann es anrichten. Daher ist das Beste, was Eltern tun können: ihre Kinder so wenig wie möglich an den Computer lassen.

Was sind denn aus neurowissenschaftlicher Sicht mögliche Folgen, wenn Kinder lieber vor dem PC oder der Konsole sitzen, anstatt draußen zu toben und mit Gleichaltrigen zu spielen?
Gerade Kinder müssen die Welt ‚begreifen’, mit ihren Händen, ihren Sinnen. Denn nur dann verbinden sich ihre Gehirnzellen in einigen wichtigen Bereichen. Und je besser diese Zellen miteinander verknüpft sind, desto besser kann man später über die gelernten Dinge nachdenken, Schlussfolgerungen ziehen oder auf Ideen kommen. Junge Gehirne müssen sich noch entwickeln, damit ihnen später eben diese Intelligenz zur Verfügung steht. Doch wenn Kinder nur klicken, Tasten drücken und auf den Bildschirm starren, entwickelt sich erstmal gar nichts.

Sie bezeichnen Computer als „Lernverhinderungsmaschinen“. Warum?
Nehmen wir ein Beispiel: Wenn Sie nur noch mit dem Navi unterwegs sind, können Sie sich gar nicht mehr richtig ohne GPS orientieren. Sie lagern die Fähigkeit, von Punkt A nach Punkt B zu kommen, einfach auf das Navigationsgerät aus. Sie selbst haben dann diese Fähigkeit immer weniger in Ihrem Gehirn zur Verfügung. Und so ergeht es uns auch mit Computern. Sie nehmen uns die geistige Arbeit ab. Wenn wir Fakten googeln, ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir sie uns merken, vergleichsweise geringer.

Die aktuelle FIM-Studie zeigt: Jedes zweite Kind zwischen sechs und elf Jahren besitzt eine eigene Spielkonsole. Sind die Eltern zu fahrlässig?
Ja! Wer einem Grundschulkind eine Spielkonsole schenkt, schenkt ihm schlechte Noten gleich mit. Ich weise gern noch mal darauf hin, dass es die Bildungsbiografie negativ beeinflusst, wenn Kinder viel vor dem Bildschirm sitzen. Noch schlimmer ist es, wenn Konsole und Computer ständig zur Verfügung stehen. Wenn ich einem Kind einen „iPod touch“ in die Hand drücke, geht es damit ins Netz und macht jede Menge Blödsinn.

Und was ist mit Medienkompetenz? Kinder müssen doch lernen, mit PC und Internet umzugehen, damit sie diese als Erwachsene richtig nutzen können. Was raten Sie, um diese „Bildungslücke“ zu vermeiden?
Medienkompetenz ist ein äußerst schwammiger Begriff, der alles meint und gar nichts. Ich hätte nichts dagegen, wenn Jugendliche das Programmieren lernen. Im IT-Unterricht sind jedoch die Produkte der Firma Microsoft Thema, und das ist skandalös. Um etwa Google oder Wikipedia richtig zu nutzen, brauche ich eine gute Grundbildung, Hintergrundwissen, um entscheiden zu können, was eine sinnvolle Information ist, und was nicht. Dazu brauche ich kein Anwenderwissen. Deshalb ist es Quatsch, wenn man meint, Kinder so früh wie möglich ans Internet heranführen zu müssen. Das bisschen Schulzeit gehört vernünftiger eingesetzt: für Sport, Musik, Theater oder Kunst.

Also plädieren Sie dafür, gar keine Computer im Unterricht einzusetzen?
Bevor an der Schule nur ein Cent für Hardware ausgegeben wird, etwa für eine elektronische Tafel oder für Laptops, sollte die Frage geklärt sein, was das an Bildungszuwachs bringt. Aber: Hierzu gibt es keine zuverlässigen Studien der Wissenschaft! Dass Schulverwaltungen derzeit trotzdem säckeweise Geld dafür ausgeben, zeigt, wie wenig evidenzbasiert unsere Bildungspolitik ist. Das muss anders werden!

Aber sollten Kinder nicht lernen, dass der Computer zum Leben gehört, und nicht etwas ist, wonach sie sich sehnen müssen?
Medien erzeugen Sucht. Deshalb müssen wir unsere Kinder davor schützen. Mehr als eine halbe Million internet- und computersüchtiger Menschen allein in Deutschland sind einfach zu viel. Wir machen ja auch kein Alkoholkompetenztraining in Kindergarten oder Grundschule.

Und wie sollen Eltern ein absolutes Bildschirmverbot bei ihrem Nachwuchs durchsetzen? Schließlich haben Klassenkameraden und Freunde auch eine Spielkonsole zu Hause stehen.
Das Argument, dass heutzutage die meisten Kinder eine eigene Konsole haben, das zählt nicht. Wofür sind wir denn Eltern! Wir können unseren Kindern erklären: „Da mache ich nicht mit, das schadet dir. Denn du verdaddelst wertvolle Zeit.“ Ich würde es schlichtweg so lange verbieten, bis die Kinder alt genug sind, um damit umzugehen und zu verstehen, dass ihnen zu viel Bildschirmzeit nicht gut tut. Und vor allem bis sie ein gut ausgebildetes Gehirn haben. Das ist erst im Erwachsenenalter der Fall.

Zur Person

Prof. Dr. med. Dr. phil. Manfred Spitzer ist Neurowissenschaftler und Psychiater. Er leitet die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Uniklinik Ulm.

Mit seinem Buch „Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen“ hat er in Deutschland eine Debatte um Computernutzung im Kindesalter angestoßen.

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