"Elternschule" - Erziehungsfilm löst Shitstorm aus

Der Film "Elternschule" sorgt aktuell für reichlich Diskussion, besonders im Netz: Tausende von Eltern und Kinderärzten sind über die darin gezeigten Erziehungsstile entsetzt.

Eine Facebook-Petition forderte die Absetzung des Films, über zehntausend User haben sie unterzeichnet, viele sogar schon vor dem Start in den Kinos. Und jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft Essen – was den Streit noch mehr anheizt.

Christian Personn hat sich gefragt, warum diese Dokumentation so polarisiert und was an den Vorwürfen dran ist.

Hysterisch schreiende Kinder, um sich schlagende Mädchen und Jungen – und im Hintergrund stehen verzweifelt guckende Eltern: Die Dokumentation  "Elternschule" von Jörg Adolph und Ralf Bücheler zeigt die Behandlung sehr verhaltensauffälliger Kinder in der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen.

Ein umfangreiches Therapieprogramm

Leiter der in Fachkreisen anerkannten Einrichtung ist Psychologe Dietmar Langer, der im Film auch mehrfach das von ihm selbst entwickelte Therapieprogramm erläutert. Motto: Ratlose Eltern lernen mit ihrem Kind – unter Anleitung von Psychologen – in mindestens drei Wochen wie sie es schaffen können, die Auffälligkeiten abzubauen – und Normalität zu erreichen. Kurzum: Wie immer, wenn es um Erziehung geht, sind häufig Mama und Papa gefordert, ihr Verhalten zu ändern.

In der Therapie wird ein umfassendes Programm abgewickelt, das die Krankenkasse der Familien bezahlt: Schlaftraining, Esstraining, Verhaltenstraining, Psychotherapie und Erziehungscoaching. Die Kinder sollen sich ändern, die Eltern lernen, konsequent zu bleiben, Grenzen zu setzen – und nicht nachzugeben, wenn die Kinder was anderes wollen.

Der Streit im Netz

Im Film wirken die Ausschnitte mit den angewendeten Methoden auf den Zuschauer auf viele Zuschauer offensichtlich verstörend: Es wird gezeigt, wie Kinder schreiend und protestierend auf dem Boden liegen,  wenn ihre Eltern aus dem Raum gehen.

Man sieht, wie Kinder in Gitterbettchen in große Räume geschoben werden, wo sie lernen sollen, durchzuschlafen – indem sie die Nacht ohne die Eltern verbringen. Oder wie Kinder, die nicht essen, von Therapeuten mit vollem Körpereinsatz festgehalten und zum Essen gedrängt werden.

In den Medien stößt der Film auf überwiegend positive Resonanz. So schreibt zum Beispiel die Süddeutsche Zeitung, der Film sei "ein Muss für Eltern".

Eine Welle des Protests schon vor dem Filmstart

Viele Eltern und einige Experten sehen das allerdings anders. Auf Facebook brach bereits vor dem Kinostart am 11. Oktober ein regelrechter Shitstorm aus: Nutzer forderten die Schließung der Klinik (link zu Petition). Sie warfen dem Therapie-Team "pure Gewalt" und "Kindesmissbrauch und Misshandlung" vor – einige vergleichen die Erziehungsstile mit Nazimethoden.

Dagegen wehrt sich die Klinikleitung und weist die Vorwürfe der Kritiker in einem Statement zurück. In Interviews wehrt sich besonders der Leiter der Einrichtung mit dem Hinweis, dass die Klinik seit Jahren von Fachleuten begutachtet wird, alle Krankenkassen die psychologische Arbeit geprüft haben und die Kosten dafür übernehmen.

Wenn auch nur der Hauch einer Kritik aufgekommen wäre, sei die Kostenübernahme der Kassen niemals möglich, argumentiert Dietmar im Interview mit dem NDR-Kulturjournal.

Kritik wird auch an den Filmemachern laut, da es keinerlei Kommentierung und Einordnung der Methoden im Film gibt. So bleibt die Intention zum Dreh des Films zumindest bei Zuschauern in den Kinosälen nebulös. Der Filmverleih hatte eine Facebook-Seite mit den wichtigsten Erläuterungen zu häufig gestellten Fragen eingerichtet, die allerdings wieder aus dem Netz genommen wurde.

Kinderarzt kritisiert Erziehungsmethoden

Der Kinderarzt und bekannte Autor Herbert Renz-Polster veröffentlichte auf seinem Blog einen Kommentar, in dem er sich entsetzt über die Therapieformen der Psychologen in Gelsenkirchen  zeigt: "Was mich an diesem Film vor allem wundert, ist die Schamlosigkeit, mit der erzieherische Gewalt dargestellt, glorifiziert und auch medikalisiert wird."

Renz-Polster sieht im Film Kinderrechte missachtet. Auch die Erziehungsmethode wird seiner Meinung nach nicht kritisch hinterfragt. Renz-Polster ist der Meinung: "Wir sollten uns schämen, dass dieser Film in unserer Gesellschaft nicht mehr Widerspruch bekommt."

Ein Erziehungsfilm hat einen Shitstorm ausgelöst. Foto: Getty Images

Was ist dran an den Vorwürfen?

Die aufgeheizte Debatte zeigt, wie kontrovers das Thema Kindererziehung ist. Doch ist der Film und die darin gezeigte Therapie wirklich so problematisch?

Ja und nein. Die Methode, die im Film gezeigt wird, ist streitbar und darf hinterfragt werden. Dass die Staatsanwaltschaft nun ermittelt, geschieht auf Antrag eines Arztes. Es gehe um den Verdacht der Misshandlung Schutzbefohlener. Allerdings immer nur im Zusammenhang mit den gezeigten Filmszenen – es wird nicht die Psycholgie-Methode an sich juristisch bewertet oder ein Delikt in dem Kontext verfolgt.

Andere Kritiker gehen da weiter: Die Klinik verstoße gegen das in Paragraf 1631 Absatz 2 BGB verbürgte Recht auf gewaltfreie Erziehung verstößt – wie ihr Kritiker vorwerfen – ist aber nicht eindeutig, wie Familientherapeutin Dietz in der Zeit schreibt.

Sie empfiehlt den Film, denn er sei "für jeden, der selbst Kinder hat, ein Muss." Und setzt hinterher: "Ein Einblick in eine verunsicherte Gesellschaft, die sich mit Autorität schwertut und ihren Instinkten kaum noch traut."

Insgesamt gebietet die Diskussion eine differenzierte Sichtweise: Die Dokumentation zeigt Kinder in Notsituationen verzweifelte Eltern, die überfordert sind und keinen Ausweg mehr wissen. Dennoch sagt der leitende Psychologe zu Beginn des Films: "Ich muss nicht warten, bis ich mit dem Rücken zur Wand stehe, Theater gibt es sowieso. Also lieber gleich Grenzen setzen".

Er vermittelt also den Eindruck, dass der Erziehungsstil allgemeingültig ist – und eben nicht nur für Familien in Notsituationen gedacht. Von "liebevoll konsequentem Erziehen" wird im Film gesprochen, bei der "erwünschtes Verhalten bestärkt und unerwünschtes bestraft wird", kritisiert Kinderarzt Renz-Polster. Der Film tue so als wäre das die einzige Möglichkeit, Kindern zu helfen.

Was für ein Menschenbild haben wir?

Wer seine Kinder so großzieht, der legt ein bestimmtes Weltbild zu Grunde, findet auch Familientherapeutin Dietz. Und das scheint das größte Manko der Dokumentation zu sein: Oft wird im Film betont, Kinder handeln egoistisch, manipulativ und strategisch, weil sie dafür gemacht seien, im Urwald zu überleben. "Nur ich bin wichtig und wie es allen anderen geht ist mir eigentlich scheißegal", übersetzt es Psychologe Langer überspitzt.

Langers Ansicht nach muss man Kinder deshalb erst zivilisieren – und zwar indem man ihre vermeintlichen Versuche zur Manipulation so lange ignoriert, bis sich die Kinder fügen. "Dass wir endlich mal begreifen, dass diese kleinen Würmchen strategisch schreien können," so eine Mutter im Film.

Die Familientherapeutin Hella Dietz hält in der Zeit dagegen: "Wenn Kinder nicht mehr essen, nicht mehr trinken oder ausrasten, dann ist das ein Zeichen dafür, dass etwas in der Familie schiefläuft." Und: „Wo die Klinik in Gelsenkirchen geheilte Kinder sieht, erblickt man aus unserer Perspektive Kinder, die lediglich auf andere Weise mit einer destruktiven Umwelt kooperieren, nämlich indem sie gehorchen."

Ein Pflichttermin für alle Eltern?

Ist der Kinobesuch also ein "Muss" für jeden, der Kinder hat, wie die Süddeutsche Zeitung meint? Eher nein, denn: Der Film zeigt Familien in Behandlung, Eltern und Kinder in Notsituationen, die keinen anderen Ausweg mehr wissen. Hinzu kommt, dass er eben nur eine Form der Therapie zeigt – und die ist umstritten.

Die anderen Methoden des Modells werden von den Filmemachern offensichtlich bewusst nicht gezeigt – genug Zeit hätte es ja in den 90 Minuten gegeben. Das ist mehr als ein Manko. Dass sich Eltern diese Erziehungsmethode zum Vorbild nehmen sollten, ohne sie kritisch zu betrachten, sorgt also zu recht für einen Aufschrei.

Aber: Es ist nicht zu verstehen, dass eine allgemein anerkannte Therapie für verhaltensauffällige Kinder wie die in Gelsenkirchen gleich in die Nähe von Praktiken gerückt wird, die in Zeit des Nationalsozialismus zur Umerziehung und als Vorstufe von medizinischer Folter unglückseligerweise angewandt wurden.

"Elternschule" ist kein Ratgeberfilm

Dass es nicht die Absicht der Filmemacher war, sollte aber auch noch gesagt werden. In ihrem FAQ-Dokument schreiben sie: "Der Film ist aber kein „Ratgeberfilm", sondern zeigt Menschen in einem therapeutischen Verfahren und mögliche Handlungsoptionen."

Sie entkräften damit den Vorwurf, die Erziehungsmethode sei allgemeingültig, im Nachhinein doch noch. Leider aber eben nicht im Film selbst. Deshalb ist diese Kino-Dokumentation eben doch kein Muss für Eltern.

"Elternschule" ist kein Ratgeberfilm. Foto: Getty Images

Autor: Christian Personn

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