Erziehen ohne Druck

Erzogen werden soll heute möglichst ohne Druck. Doch ist das wirklich möglich? Und wenn ja: Wie funktioniert es am besten?

Wie immer gilt: Ein Geheimrezept gibt es nicht. Es gilt, die Grenzen auszuloten, den Kindern genügend Freiheit zu gewähren und gleichzeitig ein gesundes Maß elterlicher Strenge wirken zu lassen. Wichtig ist, das Weglassen des Drucks nicht mit antiautoritärer Erziehung zu verwechseln. Das kann nämlich genau das Gegenteil bewirken, warnen Experten.

Freiheit und Grenzen

Als Eltern steckt man ziemlich schnell in einer Zwickmühle, setzt man sich mit dem Thema auseinander. Auf der einen Seite möchte man seine Kinder so freiheitlich wie möglich erziehen, auf der anderen Seite wird ihnen auch schon in jungen Jahren immer mehr Leistung abverlangt. Die goldene Mitte zu finden ist da nicht einfach.

Verständnis, Zuwendung und Toleranz mit klaren Regeln und Grenzen zu verbinden, bezeichnet man als autoritative Erziehung. Die Bedürfnisse des Kindes, seine Wesenszüge und Bedürfnisse stehen dabei klar im Mittelpunkt. Ziel ist es, gleichzeitig zu lehren Autoritäten anzuerkennen und die Freiheit zu gewähren, sich selbst kennenzulernen.

Auf die Formulierung kommt es an

Oft lässt sich der Druck auch schon mit Kleinigkeiten abbauen. Möchte man das tun, achtet man am besten zuerst auf seine Formulierungen. "Es ist wichtig, dass du deine Hausaufgaben machst, damit du in der Schule gut mitkommst. Wenn du sie erledigt hast, kannst du raus und Fußball spielen." klingt doch gleich viel besser als "Du darfst nur raus und Fußball spielen, wenn du deine Hausaufgaben fertig machst.", oder?

Auf Sätze wie "Du darfst nicht..." und "Du musst..." wird bei dieser Erziehungsmethode verzichtet. Dafür wird den Kindern genau erklärt, wie Demokratie funktioniert und diese mit in den Alltag eingebunden.

Es ist kein Geheimnis, dass durch Druck immer auch Gegendruck erzeugt wird. Das gilt auch in der Erziehung. Zwingt man Kinder etwa dazu, etwas zu einem bestimmten Zeitpunkt zu erledigen, kann man eigentlich schon fest mit Widerstand rechnen. Dieser kann von beleidigten Blicken bis zu Aggressionen reichen. Menschen, die in ihrer Kindheit häufig nach diesem Schema behandelt wurden, neigen häufig dazu, im Erwachsenenalter andere unter Druck zu setzen.

Druck nicht mit Konsequenz verwechseln

Egal, für welche Art der Erziehung man sich entscheidet: Das A und O ist es, konsequent zu sein. Konsequenz sollte man nicht mit Druck verwechseln. Die Eltern sollten auf alle Fälle die Richtung angeben. Gibt man seinem Nachwuchs eine klare Struktur vor, in deren Rahmen er sich bewegen darf, wird das Ausüben von Druck unnötig. Am besten achtet man konsequent darauf und reflektiert das eigene Verhalten, wenn es zu Reibungspunkten gekommen ist. Stellt man sich regelmäßig selbst die Fragen "Habe ich gerade Druck ausgeübt?" und "Warum habe ich Druck ausgeübt?", lernt man nach und nach mit Meinungsverschiedenheiten im Alltag umzugehen und konsequent und möglichst souverän zu reagieren.

Doch was mache ich, wenn mein Kind sich wirklich einmal querstellt und einfach gar nichts mehr helfen möchte? Wir haben fünf praktische Tipps zusammengestellt:

  1. Reden statt schimpfen! Anstatt mit Konsequenzen zu drohen und Vorträge über Verantwortung zu halten, sollte man lieber das Gespräch suchen. Fragt man erstmal nach, warum es zu einem Vorfall gekommen ist, wird man gerne mal überrascht. Am besten gleich bei nächster Gelegenheit mal ausprobieren!
  2. Konkurrenzkampf vermeiden! Kinder sollten besser als Teamplayer erzogen werden. Überschüttet man hingegen ein Kind mit Lob, damit sich ein anderes mehr anstrengt, wird man meist nur damit belohnt, dass sich das Kind, das gelobt wurde, noch mehr anstrengt und das andere traurig ist und das zuvor gerügte Verhalten im schlimmsten Fall sogar noch verstärkt.
  3. Niemals drohen! Erpresst man sein Kind immer wieder (Beispiel: Fußball spielen nach den Hausaufgaben), wird es dieses System früher oder später durchschauen und vermutlich mit noch mehr Trotz reagieren. Erklärt man hingegen genau, warum etwas zuerst erledigt werden sollte und gibt den lieben Kleinen die Möglichkeit, logisch zu schlussfolgern, kommt es häufig gar nicht erst zu einer Auseinandersetzung.
  4. Logische Konsequenzen aufzeigen! Wenn ein Kind bei nassem Wetter einmal ohne Regenkleidung auf dem Spielplatz war, weil es sich das so gewünscht hat, wird es spätestens beim nächsten Ausflug freiwillig wieder eine anziehen.
  5. Zuviel Aufmerksamkeit vermeiden! Liest man dem Nachwuchs jeden Wunsch von den Lippen ab und springt los, sobald ein Wunsch ausgesprochen ist, wird das schnell als selbstverständlich angesehen. Statt Dankesbekundungen erntet man mit diesem Verhalten eher Genörgel oder im schlimmsten Fall den allseits bekannten Wutanfall in der Kassenschlange.

Ein Patentrezept gibt es nicht. Auch gibt es keinen Erziehungs-Führerschein oder eine allgemeingültige Empfehlung für einen bestimmten Erziehungsstil. Wer seine Kinder gerecht behandelt und ihnen mit Respekt und Liebe begegnet, auf ihre Bedürfnisse hört und Konsequenzen logisch erklärt, ist auf einem guten Weg.

Druck und Konsequenz sollten nicht verwechselt werden. Foto: Getty Images

Autorin: Anne Reis

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