Mythos Sind französische Eltern die besseren Erzieher?

Frankreich wird oft als Wunderland in Sachen Erziehung gesehen. Unsere Autorin, hier geboren, lebt mit ihrer Familie seit über 20 Jahren in Lyon. Sie sieht das etwas realistischer.

 

Der Mythos vom französischen Erziehungswunderland, das wohlerzogene, alles essende und glückliche Kinder erzeugt, erlebt ja in Deutschland einen wahren Siegeszug. Die Erziehungsbestseller der letzten Jahre haben wohl die bestehenden Klischees noch mehr verstärkt. Dabei beziehen sie sich weitgehend auf die Sitten der typisch bürgerlich-katholischen Familienstruktur, die aber nicht unbedingt repräsentativ für den Rest der französischen Gesellschaft sind.

Im Prinzip stimmt es aber, dass die Franzosen gegenüber ihren Kinder mit Autorität anders umgehen als die Deutschen: komplexfreier. Ein „Nein“, muss nicht immer schuldbewusst ewig lang begründet oder gar entschuldigt werden.

 

Süßes gibt es nur als Ausnahme zum nachmittäglichen Gouter

Die Erziehung à la française wirkt so, dass Kinder in der Tat durchaus ein Essen im Restaurant durchhalten, ohne sich daneben zu benehmen. Natürlich gibt es hierzulande eine Kinderkarte mit Pommes frites oder Spaghetti Bolognese.  Auch essen französische Kinder sehr wohl Süßes – und das auch gern. Allerdings konzentriert sich das Süße – im Idealfall - auf die 16-Uhr-Zwischenmahlzeit nach Schulschluss, das „Goûter“.

Generell ist in Paris oder Lyon Essen eine wichtige Angelegenheit. So findet sich die französische Familie zu den Mahlzeiten zumindest morgens und abends vollzählig zusammen – versucht es jedenfalls. Mittags essen die meisten Kinder, und das schon ab dem Vorschulalter, in der Kantine – das aber auch bei Tisch und mit einem dreigängigen Menü und ohne mitgebrachter Brotdose. Und dies alles zu sehr geregelten Zeiten. Wenn wir in Deutschland sind und es mal eine warme Mahlzeit um vier Uhr nachmittags gibt, fragen meine Kinder ein wenig irritiert, ob dies nun das Mittagessen oder schon das Abendessen sei.

Der kleine Unterschied in der Erziehung fängt schon sehr früh an. In Deutschland durchaus dürfen Säuglinge ja bei den Eltern im Bett schlafen. Das ist in Frankreich geradezu ein Tabu. Abgeraten vom Einzug ins elterliche Bett wird dringend – auch von Kinderärzten und Psychologen mit weitgreifenden Erklärungen zu möglichen Spätfolgen die von Abnabelungsschwierigkeiten bis zu Tyrannenverhalten reichen.

So werden in Frankreich den Kindern einfach früher und mit einer guten Dosis Konsequenz Grenzen gesetzt und höfliche Umgangsformen beigebracht. Das fängt zu Hause an und das geht dann – oft schon sehr früh – weiter in der Krippe, der Vorschule, der Schule. Dort gibt es feste Regeln, auf deren Einhaltung fast alle Erzieher und Lehrer sehr großen Wert legen.  Und Kinder, die regelmäßig Regelverstoß verüben, müssen zur Strafe auch schon mal in die „Ecke“ oder bekommen eine Strafarbeit. Manchmal erinnert mich das Vorgehen an Geschichten, die mir meine Eltern aus ihrer Schulzeit erzählen. Dann stelle ich mir die Frage nach dem Zuviel von Autorität. Der beste Weg liegt wahrscheinlich wie so oft, irgendwo in der Mitte.

 

Europas höchste Geburtenrate steht für Kinderfreundlichkeit  

Frankreich ist heute mit 2,1 Kindern pro Frau eines der Länder mit der höchsten Geburtenrate, während Deutschland mit 1,4 Kindern Schlusslicht ist. Die französische Gesellschaft ist sicher nicht so kindzentriert wie die deutsche, dafür haben Kinder dennoch ihren festen Platz. 

Da sind Familien auch schon mal bereit, für ein weiteres Kind ihren Lebensstandard ein wenig herunterzuschrauben. Die Gesellschaft unterstützt arbeitende Mütter, die Betreuungsmöglichkeiten erlauben es, sich neben der Mutterrolle auch durch den Job zu definieren – wenn die Frauen es wünschen.

Ein Erziehungswunderland ist Frankreich aber dennoch noch lange nicht. Und so wundern sich nicht wenige über die Erfolge der französischen Erziehungsmethoden - im Ausland.

 

Immer mehr auf den Instinkt verlassen

Die Journalistin Stephanie Braun lebt mit ihrem Mann und den drei Kindern seit 20 Jahren in Frankreich. Sie hat – entgegen aller Warnungen französischer Freunde – beim Im-Elternbett-schlafen Ausnahmen sehr wohl erlaubt. Ihre Einschätzung: „Bislang entdecke ich noch keine schlimmen Spätfolgen“. Ihre zwei Töchter und ihr Sohn sind heute 7, 14 und 17 Jahre alt. Sie kommen gerne nach Deutschland zum Urlaub – und staunen. 

 

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