"Mama, ich kann das alleine!"

Mit diesen Tipps wird dein Kind selbstständig

Den Nachwuchs auf ein selbstständiges und selbstbestimmtes Leben vorzubereiten – das ist das große Ziel einer jeden Erziehung. Damit es klappt, müssen Mama und Papa vom Babyalter bis zum Auszug daran arbeiten. Das heißt: Geduld aufbringen, fördern ohne zu überfordern, das Selbstbewusstsein stärken und – auch wenn es schwerfällt – immer wieder Abschied nehmen.

Emma ist drei und spielt altersgemäß gerne. Am liebsten vergisst sie die Welt um sich herum und schiebt Plastikpüppchen über den Boden, wenn Mama es eilig hat. So ist zumindest der Eindruck ihrer Eltern. Heute hat Emmas Mutter einen Ausflug geplant. Ihre Freundin ist zu Besuch. Die beiden Frauen wollen los, Emma noch nicht. Denn die Puppen haben sich gerade eine Höhle unterm Schuhregal im Flur gebaut. Emma ist fasziniert von dem Gedanken, dass auch ihr Plüsch-Berhardiner dort einziehen könnte, und macht sich auf die Suche nach ihm.

„Soll ich dir das schnell machen?“

„Mensch, Emma, das ist doch jetzt nicht so wichtig. Du kannst doch nachher weiterspielen. Zieh bitte deine Schuhe an und hol die Jacke.“ Emma überhört die erste Mahnung, wirft aber schon mal einen Blick Richtung Schrank. „Trödel doch nicht so.“ Mamas Stimme wird strenger. Emma rutscht auf dem Boden zu ihren Schuhen, versucht, die Füße reinzuschieben, kommt aber nicht weiter. Die Freundin der Mutter kann kaum hingucken. Ihr erscheint das Schuheanziehen viel zu schwer für eine Dreijährige: „Soll ich dir das mal schnell machen?“ Mama schüttelt den Kopf. Sie öffnet den Klettverschluss, stellt die Kinderschuhe auf den Boden und zieht ihre Freundin aus der Wohnung. „Wir warten draußen auf dich, Emma.“

Dem Kind möglichst wenig abnehmen, aber Hilfe zur Selbsthilfe ist erlaubt

„Warum hilfst du ihr denn nicht?“, fragt die Freundin empört. „Weil sie das alleine kann“, erklärt Emmas Mutter und verteidigt ihr Selbstständigkeits-Konzept. Sie möchte ihrer Tochter so wenig abnehmen wie möglich. Vor allem nichts, was die Kleine längst ohne Mamas Zutun schafft. Ein bisschen Hilfe zur Selbsthilfe (Schuhe aufmachen, damit es leichter geht) darf sein, aber sonst soll Emma ermutigt werden, auf ihre eigenen Fähigkeiten zu vertrauen, statt sich unzulänglich zu fühlen – nach dem Motto „Mama kann sowieso alles besser und schneller“. Tatsächlich stiefelt Emma kurz danach auf die Straße. Mit Jacke und Schuhen. Sie ist bester Laune. Das Experiment ist geglückt. Das Kind hat sein Erfolgserlebnis, und die Großen sind ohne Schimpfen aus dem Haus gekommen.

Erziehung zur Selbstständigkeit ist ein langer Prozess

Die Szene zeigt: Erziehung zur Selbstständigkeit ist ein langer Prozess, der viel Geduld und Strategie erfordert. Schließlich müssen Erwachsene oft den kurzfristig schwierigeren Weg gehen, um ihrem Kind langfristig zum Erfolg zu verhelfen. Eltern entlassen ihre Sprösslinge nicht zu einem Stichtag ins Leben, sondern arbeiten eine ganze Kindheit und Jugend daran, die richtige Balance zwischen Loslassen und Beschützen zu finden. Ob bewusst oder unbewusst – aus Bequemlichkeit, Verantwortungsgefühl, Liebe oder von ganz allein: Bei allem, was wir in Sachen Erziehung tun, geht es immer auch ums Selbstständigwerden.

Ein paar Grundregeln erleichtern die Erziehung zur Selbstständigkeit

So schön die Erfolge dabei sind, sie können auch schmerzlich sein. Denn mit jedem Schritt, den die Kleinen nach vorne gehen, entfernen sie sich ein Stück von den Eltern. Auch Mütter und Väter müssen dabei etwas lernen: nämlich immer wieder Abschied zu nehmen. Das fängt schon früh an. Der erste Schritt aus der Abhängigkeit wird gemacht, wenn eine Mutter mit dem Stillen aufhört und sich vielleicht erstmalig ein paar Tage vom Baby trennen kann. Der Übergang von zu Hause in die Kita, dann in die Schule, später die erste Reise ohne Mama und Papa – gleichgültig, ob es Freude oder Wehmut auslöst, wir kommen nicht drum herum. Wie funktioniert Erziehung zur Selbstständigkeit? Wer sich dabei an ein paar Grundregeln orientiert, bewegt sich im grünen Bereich. Fördert die Selbstständigkeit eurer Kinder, indem ihr diese zehn Punkte von Anfang an beherzigt:

1. Nichts abnehmen, was das Kind schon kann.

„Alleine!“ Sobald das Kind sprechen kann, scheint es von dem Wunsch beseelt zu sein, etwas alleine machen zu dürfen. Ob essen, trinken, ohne fremde Hilfe auf den Lichtschalter drücken, ein Ziel erkrabbeln, einen Turm aus Bauklötzen umwerfen – gebt ihm immer dann die Chance dazu, wenn keine Gefahren drohen und es körperlich in der Lage ist, seinen Wunsch zu erfüllen. Am besten wartet ihr, bis es selbst etwas will. Also nichts aufdrängen oder verlangen.

2. Hilfe zur Selbsthilfe.

Das Kind ist schon ganz nah am Ziel, hat aber noch keinen Erfolg. Statt seinen Versuch im Keim zu ersticken („Dafür bist du noch zu klein“), gebt ihm ein wenig Hilfestellung, sodass es das Gefühl hat, etwas (fast) allein vollbracht zu haben. So erfährt das Kind schon früh, dass es sich lohnt, sich anzustrengen, um etwas zu erreichen.

3. In Entscheidungen einbeziehen.

Was möchtest du heute essen? Was wollen wir für dich einkaufen? Was willst du anziehen? Wenn Kinder in Entscheidungen einbezogen werden, die sie alleine treffen können, ohne sich Gefahren auszusetzen, sollten sie immer nach ihrer Meinung gefragt werden. So lernen sie, wichtige Entscheidungen allein zu treffen.

4. Vertrauen fürs Leben.

„Wir sind da, wenn du uns brauchst.“ Ein Kind benötigt das Gefühl, dass seine Eltern bedingungslos hinter ihm stehen, wenn es sich in kleine Abenteuer begibt. Wer zu Hause Geborgenheit und Sicherheit erfährt, fühlt sich auch draußen stark genug, um sich Herausforderungen zu stellen, getreu dem Sprichwort: „Solange Kinder klein sind, gib ihnen tiefe Wurzeln, wenn sie älter geworden sind, gib ihnen Flügel.“

5. Zeit zum Entdecken lassen.

Auch wenn es im Alltag häufig hektisch ist, nutzt immer wieder Gelegenheiten zum Innehalten. Es muss ja nicht unbedingt auf dem Weg ins Büro sein. Wer aber am Nachmittag oder am Wochenende mit seinem Nachwuchs unterwegs ist, sollte Zeit für Entdeckungen einplanen. Kleine Kinder wollen Neues sehen, Dinge anfassen, probieren, wie sie schmecken, oder herausfinden, wie sie funktionieren. Je mehr Freiheit das Kind dafür bekommt, desto besser wird es selbstständig.

6. Regeln helfen bei der Orientierung.

Ohne „Gesetze“ geht es nicht. Das gilt schon für die Kleinsten. Ob eine Gefahr (zum Beispiel vom heißen Ofen) droht, ob es um sinnvolle Verbote („Nicht alleine über die Straße“) geht – Kinder müssen wissen, dass ihre Freiheit Grenzen hat, wenn die Eltern es ernst meinen. So können sie ein Gefühl für Verlässlichkeit und Verantwortung entwickeln. Idealerweise erkennen sie bald, dass sie mehr Freiheiten genießen dürfen, wenn sie sich an Regeln halten.

7. Vorschläge des Kindes hören.

Oft lehnen Erwachsene die Vorschläge ihrer Kinder ungeprüft ab, weil sie Ausreden dahinter vermuten oder keine Lust haben, sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen. „Keine Zeit, das ist doch albern, so geht das nicht“, heißt es dann. Das Kind wird seine Ideen irgendwann für sich behalten, wenn es von Papa und Mama zu oft abgebügelt wird. Deshalb gilt: Hört zu, wenn euer Kind einen Vorschlag macht! Wenn ihr gute Gründe habt, ihn abzulehnen, solltet ihr das kindgerecht erklären, damit der Nachwuchs diese auch nachvollziehen kann.

8. Auch Unperfektes anerkennen.

Das Kind ist kein Picasso, aber es malt sehr gerne. Voller Stolz zeigt es sein Kunstwerk: „Guck mal, ich habe einen Baum gemalt.“ Hmm, das ist aber wirklich schwer zu erkennen, denkt Mama, und greift selbst zum Stift: „So sieht ein Baum richtig aus.“ Natürlich ist ihr Werk besser, doch das Kind wird davon nicht ermutigt. Im Gegenteil, es fühlt sich schlecht und verliert die Lust am Malen. Besser ist es, wenn die Großen auch Dinge anerkennen, die nicht perfekt sind. Sie müssen das Bild nicht in den Himmel loben, können aber nachfragen: „Interessant, erklär mir dein Bild doch mal.“

9. Probleme selbst lösen lassen.

Streit mit dem besten Kumpel, Ärger in der Schule oder schlechte Laune, weil das Kind seinen Willen nicht durchsetzen konnte – auch kleine Kinder haben manchmal große Probleme. Die sollten sie nicht automatisch an die Eltern abgeben. Stattdessen können Mama und Papa ihnen auf die Sprünge helfen, indem sie nachfragen („Worum habt ihr denn gestritten?“) und Ideen vorschlagen, wie das Kind seine Probleme selbst lösen kann („Wie wäre es, wenn du deinem Kumpel sagst, was dich stört, und ihr euch dann wieder vertragt?“). So lernen die Kinder, wann Kompromisse angesagt sind, wann sie sich behaupten oder auch mal zurückstecken sollten.

10. Schwachpunkte besonders fördern.

Ein Kind zu loben, ist eine gute Sache. Doch ihr solltet es nicht um des Lobens willen bestärken, sondern dabei genau auf seine Fähigkeiten achten. Kann ein Sechsjähriger schon seit zwei Jahren eine Schleife binden, muss das nicht mehr herausgestellt werden. Traut er sich aber an eine Sache heran, vor der er bisher Angst hatte, ist schon der Versuch ein Lob wert. Es ist nämlich schwerer, einen Schwachpunkt zu überwinden als mit Selbstverständlichkeiten Punkte zu machen. 

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