Interview Mit Kindern über Sexualität sprechen

Tipps von Eckhard Schroll, Leiter der Abteilung Sexualaufklärung und Familienplanung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

 

KiNDER: „Papaaa, wo kommen die kleinen Babys her?“ Oft treffen Eltern solche Fragen völlig unvermittelt. Wie reagieren sie am besten? 

Eckhard Schroll: Auf jeden Fall Antworten geben! Das „Wie” hängt vom Alter des Kindes ab. Einem Kindergartenkind braucht man nicht den Geschlechtsakt oder die Geburt erläutern – das will es gar nicht wissen. Kurze Antworten, einfach erklärt, zum Beispiel, dass ein Baby im Bauch heranwächst, genügen. Sechs- oder Siebenjährige wollen dagegen wissen, wie das Baby in den Bauch und wieder herauskommt und erwarten entsprechend ausführliche Antworten.  

 

Findet Sexualaufklärung schon in der Kita statt?

Ja. Das Thema steht auf dem Lehr- beziehungsweise Bildungsplan vieler Bundesländer. Damit Sexualaufklärung gut gelingt, müssen Kindergarten und Elternhaus allerdings Hand in Hand arbeiten.

 

Was sollte ein Kindergarten Kind über Sexualität wissen?

Dass es gute und schlechte Gefühle gibt, dass Schamgefühl etwas ganz Natürliches ist, dass jeder Mensch seine unterschiedlichen Bedürfnisse hat und haben darf. Und: dass man diese respektieren muss. Dazu gehört auch, zu den Bedürfnissen anderer – wie Omas Begrüßungsküsschen – „nein“ zu sagen, wenn man das Küsschen nicht will.

 

Vätern und Müttern fällt es nicht immer leicht, die richtigen Worte zu finden. Welches Vokabular ist angemessen?

Es müssen verständliche, konkrete Begriffe sein. Wenn Eltern beispielsweise von „Geschlecht“ sprechen, kann das Kind damit nichts anfangen. Ich empfehle, Bezeichnungen zu wählen, die leicht über die Lippen kommen – das dürfen auch ruhig verniedlichende, aber niemals verletzende, sein. Denn nur so fasst der Nachwuchs Vertrauen, ganz selbstverständlich über Sexualität zu reden. Kinder merken schnell, wenn Erwachsene Hemmungen haben, etwas auszusprechen, und bekommen so den Eindruck, dass es falsch ist, solche Fragen zu stellen. Mit dem Eintritt in die Grundschule ist es dann an der Zeit, „Penis“ und „Scheide“ zu benennen.

 

Wie auf Doktorspiele reagieren?

Kinder müssen sich ausprobieren, auch in Form von Doktorspielen. Eltern sollten das akzeptieren – auch, dass ihre Kinder dabei allein sein möchten. Wichtig ist, dass sie Mädchen und Jungen Grenzen aufzeigen, und immer eine Auge darauf haben, dass diese auch eingehalten werden.  

 

Wo ist die Grenze bei Doktorspielen?

Wenn ein Kind an Stellen berührt wird, an denen es nicht berührt werden möchte. Oder wenn Gegenstände in Körperöffnungen eingeführt werden. Hier müssen Eltern eingreifen und den Kindern klarmachen, dass die Grenze überschritten ist. 

 

Im Internet gibt es leider keiner Grenzen: Die Kids werden früher oder später mit „Youporn“ oder Pornos auf dem Smartphone konfrontiert. Wie gefährlich ist das?

Wir wissen aus Untersuchungen, dass das auf Kinder keine negativen Auswirkungen hat, die zu Hause eine liebevolle Begleitung hinsichtlich Sexualaufklärung erfahren haben und auch um die pornografische Dimension von Sexualität wissen. Mädchen und Jungen, die das nicht erlebt haben, reagieren auf pornografische Darstellungen oft verwirrt und können sie nicht einordnen. In diesem Fall muss die Sexualaufklärung in der Schule gegensteuern.   

 

Inwiefern kann die Sexualaufklärung in der Schule das leisten?

Indem sie Pornografie thematisiert, die Persönlichkeit der Kinder stärkt, Werte und Normen vermittelt und ein realistisches Bild von Sexualität zeichnet. Wir unterstützen die Schulen mit entsprechenden Materialien wie einem Körperlexikon oder dem Jugendportal www.loveline.de. Bevor die Lehrer diese im Unterricht behandeln, bekommen sie die Eltern übrigens zu Gesicht. 

 

Ist auch sexueller Missbrauch Thema?

Selbstverständlich. Pädagogen und Eltern tragen schließlich die Verantwortung, Kinder davor zu schützen. Dazu gehört, dass sie Mädchen und Jungen dazu erziehen, „nein“ zu sagen, wenn ihnen jemand zu nahe kommt und dass sie darüber sprechen, wenn ihnen so etwas widerfahren ist.

 

Lernen, "nein" zu sagen, ist demnach essenziell?

Genau. Kein guter Weg ist, wenn Eltern gebetsmühlenartig wiederholen, was alles passieren kann – das schürt bloß die Ängste des Kindes. Und Angst ist definitiv kein guter Berater, um sexuellem Missbrauch vorzubeugen.

 

Haben Sie noch einen Tipp für Eltern, wenn es darum geht, ihre Kinder aufzuklären?

Ihre Söhne und Töchter hinsichtlich der Sexualaufklärung altersgerecht zu begleiten. Nur so schafft man eine gute Grundlage, damit sie später in einer Beziehung eine verantwortungsvolle partnerschaftliche Sexualität leben können. 

Interview: Janine Overmann

 

Unser Experte

Eckhard Schroll, Leiter der Abteilung Sexualaufklärung und Familienplanung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), www.bzga.de

 

Kostenloses Infomaterial der BZgA zum Thema "Sexuelle Aufklärung"

Broschüre "Liebevoll begleiten"

Die Broschüre beschreibt die Entwicklung des Kindes anhand beispielhafter Situationen in den verschiedenen Altersphasen. Sie enthält Hinweise, wie Eltern auf die Fragen ihrer Kinder reagieren können und es in seinem Körpergefühl, seiner Bindungs- und Liebesfähigkeit fördern und begleiten können. Wichtige Aspekte wie Schamgefühle und Grenzen werden ebenso angesprochen wie die Rolle der Medien und der Schutz vor sexuellen Übergriffen.

Ein Ratgeber für Eltern zur kindlichen Entwicklung vom 1. bis zum 6. Lebensjahr.

 

"Über Sexualität reden ... Zwischen Einschulung und Pubertät"

Diese Broschüe informiert Eltern, wie sie ihr Kind bei seiner körperlichen Veränderung und seinem wachsenden Interesse an Liebe, Lust und Sexualität in der Zeit zwischen Grundschule und Pubertät unterstützen können. Sie beinhaltet die Darstellung der psychischen und geschlechtlichen Entwicklung des Kindes, sein Wissen über Schwangerschaft und Geburt und beschreibt beispielhafte Situationen in den verschiedenen Altersphasen. Darüber hinaus werden ausführliche Hinweise gegeben, wie Eltern ihr Kind altersgemäß aufklären und es in seiner Beziehungs- und Liebesfähigkeit, aber auch in seiner Identität als Mädchen oder Junge fördern können. Im Anhang finden sich empfehlenswerte Bücher, Broschüren und Internetadressen für Kinder und Eltern.

Ein Ratgeber für Eltern zur kindlichen Sexualentwicklung im Grundschulalter.

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