Erziehung

So viel Strenge muss sein

Autoritär oder Laissez-faire? Streng wie früher oder super-demokratisch wie heute? Die meisten Eltern wollen sich nicht festlegen, sondern einfach das Beste für ihr Kind. Doch wie schafft man das?

Wenn meine Kinder nach Hause kommen, rutschen die Ranzen vom Rücken auf den Fußboden. Die Jacken gleiten hinterher – und zum Finale treten die kleinen Herrschaften auch noch die Straßenschuhe daneben. Ordentlich wegräumen? „Ich muss gleich wieder los – Habe jetzt keine Lust – Mache ich später.“ Ja, ja ... Für mich als Kind wäre das undenkbar gewesen. Da wurde der Schultornister gleich zum Schreibtisch getragen. Die Jacke kam auf den Bügel und die Mütze ins Fach. Über die Regel diskutieren? Sie aufschieben? Sich darüber hinwegsetzen? Das gab es einfach nicht.

Nun waren meine Eltern damals keine pädagogischen Großmeister. Sie sagten, was zu tun ist. Und wir Kinder taten es. Ich habe das in jener Zeit nicht als Einschränkung meiner Freiheit empfunden und frage mich heute oft: Warum läuft‘s bei mir als Mutter nicht mehr so schön einfach? Mit solchen Gedanken bin ich nicht allein. Immer mehr Experten wagen den Blick zurück in die eigene Kinderstube. Es wird öffentlich darüber nachgedacht, ob die Erziehung damals nicht doch Erfolg versprechender war als das, was wir heute unter darunter verstehen. Ein interessanter Ansatz. Doch ist es tatsächlich sinnvoll, seine Kinder in einem Benimm-Kurs anzumelden und vor dem Spiegel das Wörtchen „Nein“ zu üben? 

Klare Regeln und kleine Freiheiten

Eher nicht. Denn zwischen Drill und Laissez-faire gibt es gute Kompromisse. Kinder zu bevormunden, ihre Meinung zu unterdrücken, sie wegzusperren oder gar zu schlagen – das gehört heute genauso in die pädagogische Mottenkiste wie die grenzenlose Freiheit nach dem Motto „Macht doch, was ihr wollt.“ Da haben die Mütter und Väter von heute aus Fehlern der Vergangenheit gelernt. Ein grundsätzlich positiver Schritt nach vorne. 

Also einfach nach Gefühl vorgehen und den Kindern alles ersparen, was einem selbst als Kind missfiel? Das klingt theoretisch ganz einfach, doch in der Umsetzung im Alltag scheitert es oft. Denn meist wissen wir Erwachsenen vor allem, was wir nicht wollen. Also nicht autoritär sein, aber auch nicht einfach alles durchgehen lassen, bis die Kids uns auf der Nase herumtanzen. Wir möchten heute von unseren Kindern geliebt und gleichzeitig respektiert werden; wir wünschen uns klare Regeln genauso wie kleine Freiheiten, die ein Kind braucht, um die Welt zu entdecken. Aber wie schaffen wir das? 

An die Gegebenheit der Gegenwart anpassen

Erziehungsexperten sind sich heute weitgehend einig: Familien sollten durchaus alte Regeln fortführen, sie aber an die Gegebenheiten der Gegenwart anpassen. Ein Beispiel: Der Kumpel-Vater von heute glänzt zum Glück nicht mehr nur durch Abwesenheit. Er tobt mit den Kindern, spielt mit ihnen, erzählt ihnen eine Gute-Nacht-Geschichte und kann danach trotzdem ganz klar zum Ausdruck bringen: „Jetzt brauche ich mal zwei Stunden Ruhe.“ Davor aber schrecken viele zurück, weil sie befürchten, dann genauso so herrisch und streng zu wirken wie früher der eigene Vater, in dessen Gegenwart die Kinder nichts anderes tun durften, als ruhig zu sein. 

 

Solche Kompromisse lassen sich auch in vielen anderen Dingen finden. Am besten geht das auf der Basis von drei Eckpfeilern: Werte bestimmen, Autorität zeigen und authentisch bleiben.

Gemeinsame Werte werden neu und zeitgemäß definiert

Warum soll ich höflich sein? Was ist Loyalität? Wieso muss ich im Haushalt helfen? Früher durften solche Fragen kaum gestellt werden. Die Antwort der Eltern war einfach: „Weil ich das sage. Punkt. Keine Widerrede.“

Heute erklären Eltern ihren Kindern, wie unhöfliche Menschen auf andere wirken. Was es bedeutet, wenn die Hausarbeit nicht verteilt wird, und warum ein Kind in Schwierigkeiten gerät, wenn es sich nicht loyal gegenüber anderen verhält.

Werte werden sinnvoll, wenn die Großen sie den Kleinen nicht einfach überstülpen, sondern die Familie sie gemeinsam erarbeitet. Regeln können auch verändert werden, wenn die Rahmenbedingungen sich ändern. Doch sie dürfen nicht einfach in Vergessenheit geraten. Wenn zum Beispiel kleine Hilfsarbeiten im Haushalt gemeinsam vereinbart wurden, sollten die Erwachsenen auch darauf bestehen, dass die Kinder sie erledigen. 

Kinder dürfen mitreden, aber die Eltern bestimmen

Die meisten Großeltern staunen heute, wenn sie den Alltag in jungen Familien erleben. „Müsst ihr denn wirklich alles ausdiskutieren? So viel Theater um ein Kind – da kommt man ja nie zum Ergebnis.“ In der Tat wirkt es für Oma und Opa oft befremdlich, dass ihre Enkel in den Mittelpunkt der Familien gerückt sind. Gewünscht, geliebt, verwöhnt. Selbst die Meinung der jüngsten Knirpse ist gefragt – und zählt oft mehr als die der Erwachsenen. Noch dazu glauben viele, Grenzsetzung und Liebe ließen sich nicht miteinander vereinbaren. Sätze wie: „Jetzt ist Schluss!“ hört man selten, und wenn doch, bedeutet es noch lange nicht, dass dann auch Schluss ist.

Nachgeben ist leider oft der einfachste Weg. Doch der Preis ist hoch, wenn Eltern nur darauf setzen, dass die Kinder eines Tages so vernünftig sein werden, dass sie von alleine alles richtig machen. Eine solche Einstellung verunsichert die Kleinen. Sie reagieren verwirrt und handeln nach Gutdünken. Eltern sollten sich deshalb den Mut bewahren, im Zweifelsfall doch der Bestimmer zu sein und zu sagen, wo es langgeht – auch, wenn’s schwer fällt. 

Mama und Papa verstellen sich nicht und zeigen echte Gefühle

Aus lauter Angst, etwas falsch zu machen, reagieren viele Eltern heute nicht mehr nach Bauchgefühl, sondern sie verstellen sich. Sprechen plötzlich mit gekünstelter Stimme, um besonders lieb zu wirken. Erklären viel zu viel, um das Kind nicht zu überfahren. Oder sie unterdrücken Gefühle wie zum Beispiel Wut, um niemandem weh zu tun. Man möchte ja demokratisch, modern und zeitgemäß daher kommen. Das geht oft bis zur Infantilität: Mütter kleiden sich wie ihre Töchter; Väter steigen dem Sohn zuliebe auf den Tretroller. Da fällt es schwer, unverkrampft aufzutreten. Doch genau das wünschen Kinder sich. 

Eltern sollten sich deshalb auf das konzentrieren, was sie sind: Mütter und Väter, die ihrem Nachwuchs einen Leitfaden geben. Sie müssen dafür keine Spielkameraden und keine Freunde sein, sondern nur ganz fest zu ihrer Rolle stehen. Niemand braucht dabei Perfektion. Gute Eltern gestehen auch mal Fehler ein, bleiben dabei aber selbstbewusst und unverkrampft und merken dann schnell: So klappt Erziehung am besten. 

Zeitlos gut

Es gibt viele Dinge, die lange Tradition haben und auch heute noch Orientierung bieten – und zwar mit zeitgemäßen Zutaten:

Viel Zeit füreinander Gespräche führen, zusammen etwas erledigen, Besuch empfangen, sich um andere kümmern, gemeinsam essen – das brauchen Familien heute genauso wie früher. 

Familienzusammenhalt fällt schwerer, weil die meisten Sippen nicht mehr in einem Ort wohnen. Doch Netzwerkpflege klappt auch über größere Distanzen. Feiern Sie Familienfeste, laden Sie Verwandte ein. Die Kontakte geben Kindern Halt. 

Gemeinsamkeit In vielen Familien hockt jeder vor seinem eigenen Bildschirm. Das ist zwar bequem, weil man keine Kompromisse suchen muss. Doch den Kindern geht’s besser, wenn Familien es auch heute noch so halten wie früher: Ein TV-Gerät, eine gemeinsame Sendung, und dann wird darüber gesprochen. 

Weniger ist manchmal mehr. Aus finanziellen Gründen hatten die Eltern und Großeltern von heute einst viel weniger Spielzeug als ihre Kinder jetzt. Konsum hielt sich in Grenzen – und ein Spielzeug wurde höher eingeschätzt, phantasievoller bespielt und lag seltener in der Ecke. Das beflügelt Kinder statt sie zu lähmen.  

Raus in die Natur Der gute alte Familienausflug hat nicht ausgedient. Wer seinen Kindern auch heute noch echte Naturerlebnisse gönnt, zum Wandern und Picknicken in den Wald geht, merkt schnell: Das tut großen und kleinen Leuten gut und ist prima fürs Familienklima.  

 

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