Geschwister Eifersüchtig auf das Baby

Wenn das Geschwisterkind zur Welt kommt, geht für die Erstgeborenen manchmal die Welt unter: Wie Eltern am besten mit der Eifersucht der entthronten Prinzen und Prinzessinnen umgehen, wenn das neue Baby da ist.

 

Bis zur Geburt seiner kleinen Schwester war Finn der artigste Junge, den man sich denken kann. Nur manchmal zornig, selten laut, niemals rabiat. Ein richtiger kleiner Engel, mit seinen blonden Löckchen und dem sonnigen Wesen. Doch dann kam Anna. Und Finn mutierte zum Monster, das seine stillende  Mutter und das Neugeborene mit Spielzeugautos bewarf, auf den Teppich pinkelte und gegen die Wiege trat.

Viele Erstgeborenen leiden unter dem "Entthronungstrauma"

Was war passiert? Finn hatte das erlitten, was Psychotherapeuten das „Entthronungstrauma“ der Erstgeborenen nennen. Während der kleine Junge von Geburt an stets die unangefochtene Nummer eins gewesen war, schubste ihn seine kleine Schwester mir-nichts-dir-nichts vom Königsthron der Familie. All die Aufmerksamkeit, die ihm Eltern, Großeltern, Onkel und Tanten bis dato geschenkt hatten, musste er von nun an mit dem kleinen, schreienden Bündel namens Anna teilen.

Keine einfache Sache für einen Zweieinhalbjährigen. Auch wenn lange nicht alle Erstgeborenen so aggressiv wie Finn auf die Geburt eines kleinen Geschwisterkindes reagieren: Die Eifersucht auf das Neugeborene bleibt fast nie aus – und hat sogar ihre Berechtigung. „Die Eifersucht ist evolutionär sinnvoll, damit das Erstgeborene überhaupt überleben kann. Das Kind signalisiert damit, dass es auch weiterhin Aufmerksamkeit von den Eltern braucht, wahrgenommen und respektiert werden möchte“, sagt der Schweizer Entwicklungspsychologe Professor Jürg Frick.

Der an der Pädagogischen Hochschule in Zürich lehrende Wissenschaftler warnt davor, Rivalität und die damit verbundene Eifersucht als per se schlecht zu verurteilen. Vielmehr liegen Wut und Liebe im Kinderzimmer naturgemäß nah beieinander. „Indianer sind entweder auf dem Kriegspfad oder rauchen die Friedenspfeife“, bemerkte einst Kurt Tucholsky, „Geschwister können beides.“ In einem gesunden Maß ist Eifersucht auf Geschwister sogar ein Entwicklungsmotor, etwa dann, wenn ein Geschwister dem anderen nachstrebt.

 

Das Geschwisterkind einbeziehen

Sobald jedoch Gewalt mit im Spiel ist, wird die Eifersucht zum Problem, auf feindselige Attacken des großen Geschwisterkindes müssen die Eltern reagieren. Nur wie? „Schimpfen bringt da nur wenig“, so Professor Frick, der auch Kurse zum Thema Geschwisterrivalität für Eltern und Lehrer gibt. Sein Tipp: „Kommen Sie mit dem eifersüchtigen Kind ins Gespräch! Nehmen Sie es in den Arm, fragen Sie es nach seinen Ängsten, versichern Sie ihm, dass Sie es lieb haben.“ Das bewirke viel mehr, als dem Erstgeborenen mit erhobenem Zeigerfinger vorzuschreiben, seinem Geschwisterkind ab sofort kein Haar mehr zu krümmen.

Am wirksamsten jedoch sei es, einer übertriebenen Eifersucht bereits vor der Geburt des nächsten Babys vorzubeugen. „Das große Kind muss wissen, dass es einen festen Platz in der Familie hat, sicher und geborgen ist, dass es geliebt wird“, sagt Frick. Wenn das Geschwisterkind dann erst einmal da ist, sollten die Eltern das Erstgeborene möglichst viel mit einbeziehen, etwa in die Pflege des Babys. Es kann beim Wickeln helfen, den Po des kleinen Geschwisters eincremen, der stillenden Mama eine Flasche Wasser bringen. Auch ein Zweijähriger kann schon eine Menge mithelfen – und sollte dafür ordentlich gelobt werden!

„Wichtig ist, dass das Erstgeborene in seiner Rolle als ältestes Kind gewürdigt wird und niemals das Gefühl bekommt, ein Störfaktor zu sein“, sagt Professor Frick. Zudem täten die Eltern gut daran, sich in ihr Kind hineinzuversetzen und die fast unweigerlich aufkeimende Eifersucht auch zu verstehen. „Stellen Sie sich vor, Ihr Partner bringt eine  einfach“, so Frick. Selbst wenn das erstgeborene Kind eigentlich keinen Grund dazu hat, sich entthront zu fühlen: Zwischen dem vierten und dem 13. Lebensjahr verbringen Eltern nämlich durchschnittlich 3.000 Stunden mehr „qualitativ hochwertige“ Zeit mit ihrem erst- als mit jedem später geborenen Kind, wie eine US-Studie ergeben hat.

 

3,5 Mal pro Stunde Krach

Und trotzdem ist sie da, die Eifersucht. Und sie wird immer dann besonders heftig, wenn Eltern ihre Kinder zu häufig aneinander messen. „Vergleiche durch die Eltern sind die Hauptursache für massive Eifersuchtsszenen zwischen Geschwistern“, so Frick. Daneben spielen natürlich auch Altersabstand und Geschlecht der Kinder eine wichtige Rolle. Wie Forschungen belegen, schürt ein geringer Altersabstand die Eifersucht tendenziell stärker als ein großer Altersabstand. Auch rivalisieren gleichgeschlechtliche Geschwister meist stärker miteinander als Bruder und Schwester.

Am wenigsten Reibereien gibt es dem Entwicklungspsychologen, Professor Hartmut Kasten zufolge, wenn die Familie aus großem Bruder und kleiner Schwester besteht, die mit einem Altersabstand von etwa drei Jahren zur Welt kommen. Dennoch: Eifersucht, Rivalität und Streit wird es immer geben im Kinderzimmer – und das nicht nur, wenn gerade ein Geschwisterchen geboren wurde. Einer Untersuchung zufolge bekommen Geschwister im Alter zwischen drei und sieben Jahren genau 3,5 Mal pro Stunde (!) Krach. Im Alter zwischen zwei und vier Jahren geraten Geschwister sogar alle zehn Minuten aneinander.

Der Dauerkrach kann Eltern oft zur Weißglut bringen – für die Kinder hingegen sind die Kabbeleien im Kinderzimmer ein wichtiges Training. „Der Schatz an Gefühlen, Denkmustern und Handlungsstrategien, den wir mit Geschwistern entwickeln, wird zum Grundmuster für den Umgang mit der Welt“, so Frick. Einzelkinder, die zu Hause keine ebenbürtigen Sparringpartner besitzen, suchen sich meist gleichaltrige Freunde, mit denen sie  geschwisterähnliche Erfahrungen durchleben können.

Fazit: Im ersten Moment mag es schrecklich schmerzen, wenn ein neues Baby das Erstgeborene vom Familienthron fegt. Langfristig jedoch bereichern Geschwister das Leben ungemein, auch wenn sie es nicht immer einfacher machen. Der vor Eifersucht tobende Finn wird dies spätestens in der Pubertät begreifen – wenn seine kleine Schwester Anna ihm bei den Hausaufgaben hilft, ein Deo schenkt und mit einem Schwarm fescher Freundinnen nach Hause kommt.

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