Vorsicht vor falschen Konsequenzen

Gute Strafen, schlechte Strafen

Strafe klingt nach Gewalt, Erniedrigung und schwarzer Pädagogik. Das Wort ist heute in der Erziehung verpönt. Deshalb wollen viele Eltern am liebsten gar keine Konsequenzen mehr ziehen – und tun ihren Kindern trotzdem keinen Gefallen. Lest hier, wie man mit sinnvollen Strafen den goldenen Mittelweg findet.

Annegret ist bei Verwandten zu Besuch. Ihr zweijähriger Sohn Jan hat am Tisch einen Trotzanfall. Er wirft den Kuchen der Schwägerin auf den Boden. „Magst du noch ein bisschen Saft?“, säuselt Annegret, um ihn abzulen­ken. Sie lächelt, will sich ihre Wut über Jans Auftritt nicht anmerken lassen. Jan schlägt ihr die Tasse aus der Hand. „Man muss als Mama Geduld haben“, erklärt Annegret sanft und bringt das Kind aus dem Zimmer. Als der Junge sich drau­ßen hinwirft und strampelt, schlägt sie ihm ins Gesicht. „Ein kleiner Klaps. Das braucht Jan hin und wieder“, erklärt sie später der Familie. Sie habe sich danach sofort wieder mit Jan vertragen und ei­nen Deal gemacht. Ab morgen, so habe es der Kleine versprochen, will er ein lieber Junge sein, und dann bekommt er zur Belohnung ein Spielzeugauto. 

Was sollen Eltern tun, wenn sich Kinder danebenbenehmen?

Annegret denkt viel über Erziehung nach. Sie möchte alles richtig machen. Grenzen aufzeigen, keinen Tyrannen großziehen, Vorbild sein und kind­gerechte Kompromisse in Konfliktsitua­tionen finden. Theoretisch richtig – und trotzdem läuft in Sachen Strafen bei ihr einiges falsch. Schläge sind als Erzie­hungsmittel indiskutabel. Jan ist noch zu klein, um sich so zu benehmen, wie seine Mutter es sich wünscht. Das Lieber­-Junge­-sein­-Versprechen ist so abstrakt, dass er es gar nicht einhalten kann, und die in Aussicht gestellte Belohnung ist hier deplaziert.

Mit ihren Schwierigkeiten steht Anne­gret nicht allein da. Eltern sind heute zunehmend verunsichert. Was sollen sie tun, wenn sich das Kind danebenbe­nimmt, wenn es provoziert, verbotene Dinge anstellt, absichtlich etwas kaputt macht, bockig wird, nicht aufhört zu schreien und offenbar nicht in der Lage ist, auf gutes Zureden angemessen zu reagieren? 

Unangemessene Strafe: „Dann hat Mami dich nicht mehr lieb”

„Da müsst ihr eben konsequent sein“, empfehlen andere Eltern und meiden das Wort "Strafe" ganz bewusst. Doch durch die Hintertür kehren die verpön­ten Strafen dann doch wieder in den Alltag ein. Sie tarnen sich nur hinter ande­ren Namen. Was einst Einsperren war, nennt sich heute „bewusste Auszeit“, die frühere Beschämung vor der Gruppe in Form von In­-die-­Ecke­-Setzen erinnert an den modernen „Stillen Stuhl“, der Zap­pelkinder beruhigen soll. Schläge sind dann nur „ein kleiner Klaps“, der „ja be­kanntlich noch keinem geschadet hat“. 

Dass jede Form von körperlicher Gewalt tabu ist, wissen die meisten Eltern. Viele schlagen ihre Kinder aber trotzdem. Auch heute noch. Dabei ist nicht nur körperliche Ge­walt verboten. Auch Demütigungen, Schlechtmachen oder das Kind zu isolieren, indem man tagelang nicht mit ihm spricht, gehören zu Recht in die pädagogische Mottenkiste. Die Drohung „Dann hat Mami dich nicht mehr lieb“, die heute häufig noch verwendet wird, sollte ebenfalls aus dem Strafenkatalog gestrichen werden, weil sie das Kind als Person verletzt und nicht sein Verhalten bestraft. Liebesentzug ist unkonkret und erzeugt Angst. 

Vier von zehn Eltern schlagen ihre Kinder auch heute noch

Jahrhundertelang galten harte Strafen als probates Mittel in der Erziehung. In früheren Zeiten wurde nicht lange gefa­ckelt. Machte ein Kind nicht, was Mütter und Väter von ihm verlangten, wurde es bestraft. Mit Schlägen, Einsperren, Straf­arbeiten oder Erniedrigungen. Auch wenn das inzwischen zum Glück vor­ bei ist, geht es an der Erziehungsfront heute keineswegs so harmonisch zu, wie Familien es sich wünschen und nach außen gerne demonstrieren. Obwohl in Deutschland seit mehr als 15 Jahren kein Kind mehr geschlagen werden darf, müssen 1,6 Millionen Kinder jedes Jahr heftige Prügel ertragen. In diese Zahl ist der berüchtigte „kleine Klaps auf den Po“ noch nicht einmal miteingerechnet.

Im Rah­men einer repräsentativen Umfrage des Forsa­-Instituts zeigte sich, dass Gewalt gegen Kinder zwar rückläufig ist, dass aber vier von zehn Müttern und Vätern ihre Kinder immer noch schlagen, um sie zu bestrafen. Jungen und Sprösslin­ge aus kinderreichen Familien trifft es übrigens besonders häufig. 

Erwachsene müssen flexibel und sehr feinfühlig reagieren

Für Eltern ist es eine dauerhafte Gratwanderung zwischen Machen­lassen („Unser Kind soll sich frei, selbstständig und glücklich entwickeln“) und Bestra­fen („Unser Kind darf uns nicht auf der Nase herumtanzen“). Nicht jede Kon­sequenz ist eine Misshandlung. Es gibt auch sinnvolle Strafen, die Erwachsene guten Gewissens einsetzen dürfen. Diese Strafen müssen angemessen, so gerecht wie möglich, gewaltfrei, für das Kind nachvollziehbar und umsetzbar sein. Dafür müssen die Eltern in der Lage sein, flexibel und feinfühlig zu reagieren. 

Hier die wichtigsten Regeln:

Ursachenbekämpfung

Erwachsene sollten nach dem Warum fra­gen, wenn sie mit ihrem Kind unzufrieden sind. Bestenfalls überlegen sie, ob sie die Ursachen beseitigen können, um gar nicht erst über Strafen nachdenken zu müssen. Zum Beispiel: Ein Kind schreibt in der Schule schlechte Noten. Statt Strafen in Form von Fernseh- oder Handy­verbot wäre Hilfe beim Lernen besser.

 

Chancen zur Wiedergutmachung

Am besten lernen Kinder, wenn sie die Folgen ihrer Fehltritte sofort spüren. Zum Beispiel: Obwohl die Eltern mehr­mals mahnen „Kick nicht in der Küche mit dem Ball herum“, schießt ein Sieben­jähriger mit seinem Fußball eine Tasse vom Tisch. Jetzt muss er beim Auffegen der Scherben helfen und von seinem Taschengeld eine neue Tasse kaufen.

Für Kleinkinder und Babys

sind Strafen grundsätzlich tabu. Unter Dreijährige sind einfach noch zu klein, um daraus zu lernen. Erwachsene müs­sen sie vor Gefahren schützen, indem sie diese von ihnen fernhalten. Auch in der Trotzphase machen Bestrafungen alles nur noch schlimmer. Erst mit vier oder fünf Jahren sind Kinder in der Lage, Strafen zu verstehen und ihr Verhalten deshalb zu ändern.

 

Sparsam einsetzen

Damit Strafen wirkungsvoll bleiben, dür­fen sie nur selten zum Einsatz kommen. Und auch nur, wenn das Kind tatsächlich mit Vorsatz eine Regel gebrochen hat oder wenn andere Lösungen gescheitert sind. Versehen, Missgeschicke oder Un­fälle werden gar nicht bestraft. Wer zu viel, zu hart oder unangemessen bestraft wird, verliert sein Vertrauen und seinen Lebensmut.

Verständlichkeit

Ein Kind muss wissen, was erlaubt und was verboten ist. Eltern sollten ihm erklären, was bei Regelverstößen pas­siert. Sie können das Kind auch daran erinnern, wenn es sich trotzdem nicht daran hält. Gut, wenn die Familie ge­meinsam einen Maßnahmenkatalog bei Regelverstößen entwickelt.

Umsetzbarkeit

„Sei ein liebes Kind – Ab morgen be­nimmst du dich besser – Mach nie wie­der Mist.“ Solche Forderungen können Kinder nicht erfüllen – und deshalb auch nicht bestraft werden, wenn sie sich nicht daran halten. Das Gleiche gilt für Konsequenzen, die Eltern ausspre­chen. Drohungen wie „Wir fahren nicht in den Urlaub, wenn du nicht artig bist!“ helfen niemandem, da sie ohnehin nicht umgesetzt werden. 

Am Ende vertragen sich alle wieder

Wenn ein Kind seinen Fehler im Rah­men seiner Möglichkeiten wiedergutgemacht hat, muss eine Versöhnung mög­lich sein. Erwachsene sollten sich nicht nachtragend zeigen. Wenn sich alle wieder vertragen, muss das Kind kein schlechtes Gewissen mehr haben, weil es seine Strafe ja verbüßt hat. So kann die Konsequenz sogar entlastend wirken. Kinder sollten früh ermuntert werden, ihre Gefühle zu zeigen und darüber zu sprechen. Denn so lernen sie am besten, mit Emotionen umzugehen. Wer auch ein bisschen Frust ertragen kann, ohne gleich auszurasten oder aufzugeben, kommt im Leben weiter. 

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