Wie oft Eltern etwas verbieten 30 x Nein am Tag

Selbstversuche zeigen, dass Eltern knapp drei dutzend Mal ihren Kindern etwas verbieten. Jeden Tag. Ein bisschen Selbstkontrolle kann helfen, die Erziehung positiver zu gestalten.

 

Nein, es ist noch keine Aufstehzeit!

Stopp, Nutella gibt’s nur am Wochenende!

Nein, morgens essen wir kein Eis!

Zieh dich jetzt an, spielen können wir jetzt nicht!

Hör auf, Quatsch zu machen!

Nein, die Schuhbänder lässt du nicht offen!

Nein, nur eine Puppe kommt mit!

Halt, nicht auf der Straße radeln!

Nein, heute gibt‘s keine Gummibärchen!

Du hast genug Malbücher!

Nein, klettere nicht so hoch in den Baum!

Stopp, schaukel nicht so wild!

Nein, wir müssen jetzt nach Hause!

Nein, lass das – die Hände nicht am Pullover abwaschen!

Stopp, sitzen bleiben, wir anderen essen noch!

Bitte nicht mit dem Löffel auf den Tisch hauen!

Nein, jetzt ist Schluss mit Fernsehen!

Nein, es ist längst Schlafenszeit!

Nein, eine Geschichte reicht zum Vorlesen!

Nein, Mama kommt nicht noch mal – schlaf jetzt!

Es ist erst halb fünf, wir stehen noch nicht auf! 

 

 

Viele "Neins" sind oft unnötig

Bin ich so schlimm? So schlimm, wie sich das anhört? Dauernd sage ich 'Nein'. 'Hör auf'. 'Stopp'. Wie fremd die eigene Stimme klingt: nach Kasernenhof und trauriger Kindheit”, so beschreibt der Autor Marc Baumann seine Erfahrungen mit den Sprüchen, die er einen Tag lang zu seiner vierjährigen Tochter gesagt hat. Für das Magazin der Süddeutschen Zeitung hatte der Journalist seine eigenes Verhalten hinterfragt und einfach mal mit einem Smartphone aufgezeichnet, was er so sagt. 

Baumann war erstaunt, eigentlich sogar erschrocken, über das Ergebnis. „30 mal 'Nein' gesagt und fast 50 Verbote ausgesprochen – an einem normalen Tag, an dem weder ich schlechte Laune hatte noch mein Kind eigentlich besonders wild gewesen wäre.” 

Nun ist der Münchner Vater Baumann nicht allein mit diesem Verhalten. Jeder Elternteil kennt das von sich. Ganz oft wird im Supermarkt, im Museum, auf dem Spielplatz geschimpft, ermahnt, gemaßregelt und besser gewusst. Dabei stelle man sich vor, man selber wäre vier Jahre alt und 105 Zentimeter groß. Und dann steht da ein Vater, 180 Zentimeter hoch, tiefe Stimme, die Nerven strapaziert, weil wieder so lange diskutiert wird vor dem Kleiderschrank. Und dieser allmächtige Papa will einfach nicht verstehen, dass man das blaue Topkleid will – egal, ob es zu kalt ist, heute ist Kleid-Tag.

Mit ein wenig Abstand und in die Lage eines Außenstehenden versetzt, denkt man: „Mensch, lass sie doch. Egal, wie das aussieht. Sie mag es”. Die Nein-Sätze sind oft unnötig oder fragwürdig begründet. Wie die Regel: kein Eis am Vormittag. Warum soll Eis nur nachmittags Sinn machen? Die Ernährungswissenschaft schreibt es jedenfalls nicht vor. Oder wenn das Kind mit dem Skateboard zum Kindergarten fahren will, dann kommt das harsche "Nein". Einfach nur, weil der Papa spät dran ist. 

 

Sinnvolle Verbote

Es gibt natürlich sinnvolle Verbote: Nicht so schnell radeln vor der stark befahrenen Straßenkreuzung. Dennoch bleibt die Frage, welche Regeln Kinder zu befolgen haben und wie streng man sein muss ist, weitgehend ungeklärt. Es gibt zwei Extreme: die antiautoritäre Erziehung und die Methoden der strengen asiatischen Tiger-Mutter. Dazwischen ist viel Spielraum. Jedes Erziehungsbuch beschreibt eine andere Regel. Nimmt man noch die Forendiskussionen dazu, könnte man problemlos die nächsten 14 Jahre nur über das Für und Wider nachlesen, und das Kind würde von allein volljährig. 

„Niemand weiß, wie perfekte Erziehung geht”, schreibt der berühmte Kinderpsychologe Jesper Juul in seinem Bestseller „Nein aus Liebe: klare Eltern – starke Kinder”. Selbst die besten Eltern machen pro Tag 20 Fehler, so Juul. 

Das ist beängstigend, und auch beruhigend. „Wichtig ist, habe ich gelernt, seine Verbote mal zu hinterfragen, ein Tonband hilft”, beschreibt Nein-Vater Marc Baumann seine Erfahrungen. Besonders einprägsam war für ihn folgendes Schlüsselerlebnis: „Ein Kollege hat beim Mittagessen erzählt, dass er seinen zweijährigen Sohn gefragt habe: ‚Und wie heißt du?’ Der Sohn antwortete schlicht: ‚Nein’.“

 

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