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Diagnose und Therapie

Epilepsie bei Kindern

Fehlfunktionen des Gehirns können bereits bei Babys und Kleinkindern unkontrollierbare Krampfanfälle verursachen. Mit mehr oder weniger schweren Folgen. Was epileptische Anfälle ausmacht und welche Maßnahmen helfen können.

Mit drei Jahren bekam Leon die Diagnose Epilepsie. Dabei hatte er bereits mit vier Monaten die ersten Anfälle, die der Kinderarzt jedoch nicht richtig diagnostizierte. Das Zusammenzucken und nach vorne Schleudern mit Kopf und Oberkörper wurde als Reaktion eines hochsensiblen Kindes gedeutet. Bevor eine neurologische Untersuchung endlich Gewissheit brachte, stürzte Leon nach einem Anfall schwer und verletzte sich dabei am Kopf. Ein EEG befand: benigne myoklonische Epilepsie des Kindesalters! Eine Erkrankung mit angeblich guter Prognose. Doch auch die oft gut ansprechenden Medikamente halfen nicht und Leons Zustand verschlechterte sich immer mehr.

Bis zu 100 Anfälle am Tag schüttelten Leon und Stürze lösten weitere Anfallserien aus. Essen und Trinken fiel ihm ebenso schwer wie Klettern, Toben und Einschlafen. Nur noch mit Helm unterwegs, waren Sprachfähigkeit und Entwicklung rückläufig. Zudem wurde der kleine Patient aggressiv und ängstlich. Irgendwann kündigte sogar der Kindergarten seinen Platz und seine Mutter musste sich für ihn von ihrer Arbeit freistellen lassen. Da niemand mehr mit ihm spielen wollte, erfuhr Leon zu allem Überfluss eine soziale Ausgrenzung.

Erleichterung brachte schließlich die Behandlung mit einer aufwändigen ketogenen Diät, bei der gesunde Fette und Eiweiß die Kohlenhydrate ersetzen. Oft schlägt diese Therapie nicht an, ihm aber half sie: Leons Anfälle gingen innerhalb von drei Monaten zurück. Mit sechs Jahren ist er heute anfallsfrei. Seine Eltern sind überglücklich, dass er nun endlich gesund ist.

Was ist Epilepsie?

Unter Epilepsie (auch "Fallsucht") versteht man krampfartiges Leiden, ausgelöst durch eine Fehlfunktion des Gehirns. Bei einem epileptischen Anfall entladen sich Nervenzellen elektrisch und feuern gleichzeitig Impulse ab. Solche vorübergehenden Fehlfunktionen können ganz unterschiedliche Ursachen und Auswirkungen haben.

Prinzipiell kann ein epileptischer Anfall in jedem Alter auftreten. Das Risiko zu erkranken liegt bei etwa vier Prozent. Bei Erwachsenen verstärkt im Alter, aber auch schon Babys im Mutterleib sind betroffen.

Formen der Epilepsie

Bei generalisierten Anfällen der Epilepsie wird das ganze Gehirn erfasst. Symptome reichen von verdrehten Augen und Bewusstseinsstörungen, verkrampften Gliedmaßen (tonische Anfälle) über Zuckungen großer Muskelgruppen (klonische Anfälle) und Erbrechen bis zur Bewusstlosigkeit (Grand-Mal-Anfall).

Fokale Anfälle hingegen beschränken sich auf die Überreaktion eines begrenzten Hirnareals mit Auswirkungen wie Muskelzuckungen oder Sehschwäche. Bei komplex-fokalen Anfällen kommt es zudem zur vorübergehenden  Bewusstlosigkeit. Ein epileptischer Krampfanfall kann wenige Sekunden bis zu mehreren Minuten dauern.

Wodurch entstehen Epilepsien?

Anfälle ohne erkennbare Ursache passieren einfach aus dem Nichts heraus. Trigger als Auslöser können aber auch etwa flackerndes Licht, Geräusche oder Schlafmangel sein. Weitere Ursachen für epileptische Anfälle reichen von genetischen Veranlagungen (idiopathische Anfälle) über Hirnverletzungen bis zu Grunderkrankungen wie Hirnhautentzündung oder Stoffwechselstörung. Oft bleibt die Ursache auch ungeklärt.

Welche Folgen hat ein Anfall?

Da bei einem epileptischen Anfall sämtliche Hirnzellen maximal aktiv sind, liegt ein Ausnahmezustand vor. Durch den anstrengenden "Kurzschluss" kann es zu Verhaltens- und Befindlichkeitsstörungen kommen. Gefährlich wird es, wenn der Anfall zu Stürzen, Bewusstlosigkeit und Verletzungen führt. Das Gehirn selber wird nur durch besonders lang andauernde oder häufige Anfälle geschädigt. Experten wissen: Epilepsie kann behandelt, aber nicht geheilt werden. Da Kinder sich noch nicht selbst kontrollieren können, ist hier höchste Aufmerksamkeit geboten.  

Epileptische Anfälle bei Babys

Kommt es im Zeitraum von 48 Stunden nach der Geburt beim Säugling zu einem epileptischen Anfall, weist das auf eine Funktionsstörung des Gehirns hin. Solche Neugeborenenanfälle passieren bei etwa jeder zehnten Frühgeburt. Meistens spielt Sauerstoffmangel im Gehirn vor, während oder nach der Geburt eine Rolle. Zudem können Traumata, Hirninfarkte, Infektionen, Fehlbildungen oder Stoffwechselstörungen ausschlaggebend sein. Eine frühzeitige Therapie ist so wichtig wie notwendig. Während sich etwa zwei Drittel der Patienten normal entwickeln, tritt bei einem Drittel eine chronische Epilepsie auf.

Frühe myoklonische Epilepsien

Zu den schweren Verläufen, die zum frühen Tode oder gravierenden geistigen und körperlichen Behinderungen führen, zählen bei Säuglingen bestimmte myokolonische Epilepsien mit unwillkürlichen Muskelzuckungen (Spasmen).

Dazu gehört die frühe myoklonische Enzephalopathie, die bereits in den ersten Lebenstagen beginnt. Hierbei kommt es zu anfallartigen Serien von Spasmen beider Körperhälften, die auf genetische Defekte oder Stoffwechselstörungen zurückzuführen sind. 

Das genetisch bedingte Dravet-Syndrom tritt im ersten Lebensjahr auf. Dabei kommt es zu fiebrigen Krämpfen mit Muskelzuckungen und Bewusstseinspausen, sogenannten Absencen.

Das seltene Ohtahara-Syndrom zeigt im EEG ein typisches Entladungsmuster der Hirnströme (Suppression Bursts) und äußerst sich ab den ersten Lebenstagen in Muskelkrämpfen. Die Ursache liegt in Fehlbildungen des Gehirns. 

Das West-Syndrom tritt in Folge einer Hirnschädigung zwischen dem dritten und 12. Lebensmonat auf. Die "Blick-Nick-Salaam-Krämpfe" (BNS) äußern sich in ruckartigem Beugen von Kopf und Rumpf und Bewegung mit den Armen. Die Anfallserien passieren oft direkt nach dem Aufwachen oder vor dem Einschlafen. 

Absence-Epilepsie

Im Schulkindalter zwischen fünf und acht Jahren kann die genetisch bedingte Epilepsie mit Bewusstseinspausen auftreten. In den bis zu 100 Absencen täglich nimmt das Kind plötzlich für kurze Zeit seine Umgebung nicht mehr wahr. Bei einem Drittel kommen die Absencen zum Stillstand, bei einem Drittel bleiben sie, ein Drittel entwickelt andere Epilepsie-Formen. 

Epileptische Fieberkrämpfe

Diese häufigste Form epileptischer Anfälle können bei Kindern zwischen drei Monaten und fünf Jahren auftreten. Einfache Fieberkrämpfe kommen nur einmal in 24 Stunden vor und dauern bis zu drei Minuten bei rasch ansteigender Körpertemperatur. Komplexe Fieberanfälle treten häufiger auf, dauern länger als 15 Minuten und sind medikamentös zu behandeln. Neben der Genetik können auch Infekte die Anfälle auslösen. Bei vier Prozent der Kindern kommt es später zu anderen Epilepsieformen.

Kindheits-Syndrome mit guten Prognosen

Beim Doose-Syndrom, einer Epilepsie mit myoklonischen-astatischen Anfällen bei Kindern zwischen sechs Monaten und sieben Jahren, folgt auf Muskelzuckungen ein Verlust der Körperspannung, der zu Stürzen führt. 

Die Rolando-Epilepsie zwischen dem dritten und 13. Lebensjahr ist die häufigste fokale Anfallsform des Kindesalters. Die Anfälle mit Bewusstseinsstörungen und Missempfindungen im Gesicht treten meist nachts auf und gehen in generalisierte tonisch-klonische Krämpfe über. 

Als seltene fokal-generalisierte Epilepsie gilt das Landau-Kleffner-Syndrom, das sich im Alter zwischen fünf und sieben Jahren zeigen kann. Die betroffenen Kinder entwickeln Sprachstörungen und reagieren nicht auf Sprachreize. Oft zeigen sich neben Krampfanfällen auch Störungen in Verhalten und geistiger Entwicklung.

Beim Panayiotopoulos-Syndrom ist das vegetative Nervensystem betroffen. Die Anfälle dauern oft über Stunden, gefolgt von Erbrechen und Bewusstlosigkeit.

Die Epilepsie-Symptome aller Syndrome verflüchtigen sich mit der Pubertät. Die meisten Betroffenen können ohne neurologische Schäden ein normales Leben führen. 

Sofortmaßnahmen, wenn das Kind krampft

- Bei einer Konvulsion (Krampfanfall) das Kind sofort in Seitenlage bringen und warme Kleidung ausziehen.

- Zur Vermeidung von Verletzungen scharfkantige Gegenstände entfernen.

- Beim ersten Krampfanfall oder einer Dauer von über 15 Minuten Notarzt und Krankenwagen rufen.

- Während des Krampfes dem Kind nichts zwischen die Zähne schieben, nicht die Zunge festhalten und keine Flüssigkeiten oder Medikamente oral verabreichen.

- Wenn das Kind nicht atmet: Mund-zu-Mund-Beatmung starten (nur, wenn es gerade nicht krampft!).

- Fieber messen und ggf. fiebersenkendes Zäpfchen geben.

- Ruhe bewahren und beim Kind bleiben, bis es wieder bei Bewusstsein ist.

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Welche Therapien können helfen?

Ein epileptischer Anfall ist immer Ausdruck einer in dem Moment gestörten Hirnfunktion. Daher sind eine fachärztliche Untersuchung und Beratung wesentlich! Notfallmedikamente wirken bei Anfällen über drei Minuten krampflösend. Antiepileptika können Anfallsfreiheit erreichen, wenn sie über einen längeren Zeitraum eingenommen werden, weiß der Berliner Epilepsie-Experte Dr. Axel Panzer zu berichten. Neben Medikamenten gibt es auch andere Therapieansätze.

Bei Leon führte die „ketogene Diät“ zum Erfolg, bei der durch die vermehrte Gabe gesunder Fette Glukoseersatz gebildet wird. Auch wird mittels chirurgischer Eingriffe versucht, krampfauslösende Teile des Gehirns zu entfernen. Zudem kann auch ein implantierter Hirnschrittmacher helfen, der über eine Elektrode den Organe regulierenden Vagusnerv stimuliert. 

Das ist wichtig im Umgang mit Epilepsie-Kindern

Kinder mit epileptischen Anfällen benötigen höchste Aufmerksamkeit. Beim Baden dürfen sie auf keinen Fall unbeaufsichtigt bleiben. Neben umfassendem Wissen über die Krankheit ist jedoch eine gewisse Gelassenheit wichtig, betont Kinderneurologe Dr. Panzer. Wesentlich ist die Unterstützung durch die Familie sowie eine gute Integration in Kita und Schule. Panik ist kontraproduktiv, größtmögliche Normalität hilfreich. Schon Kinder müssen lernen, mit der Krankheit umzugehen. Mit den heute möglichen Therapieansätzen ist in zwei von drei Fällen Anfallsfreiheit zu erreichen.

Unser Experte:

Dr. med. Axel Panzer ist ärtzlicher Leiter des Epilepsiezentrums und der Neuropädiatrie Westend der DRK-Kliniken Berlin.

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Unsere Autorin

Antonia Müller

Schon als Schülerin hat Antonia Müller Bücher verschlungen, Theater gespielt, Geschichten geschrieben und Hörspiele vertont. Auf Germanistikstudium und Textschmiede folgten Redaktionsjobs für Internet, TV und Verlage.

Zwölf Jahre Kreation von erfolgreichen Ideen und Texten in der Werbung runden ihr Profil als Story Teller ab. Für Junior Medien schreibt sie heute Wissenswertes über Familie, Kind und Kegel. Was noch fehlt, ist ihre erste Romanveröffentlichung.

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