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Was Aufklärung alles verhindern kann

Geschlechtskrankheiten bei Jugendlichen

Sex ist heute überall. Trotzdem haben die meisten Jugendlichen noch wenig von sexuell übertragbaren Infektionen gehört. Und so sind diese wieder auf dem Vormarsch.

„Dein Ex juckt dich noch immer? Dann ab zum Arzt“ steht auf einem Plakat. Auf einem anderen: „Brennt’s im Schritt?“ Es ist eine Kampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, um über sexuell übertragbare Krankheiten zu informieren – HIV beziehungsweise AIDS, Herpes genitalis, Chlamydien, Tripper oder Syphilis. Sie werden meist durch Geschlechtsverkehr – in seltenen ­Fällen auch durch Küssen, Petting oder Blutkontakte – weitergegeben. Die Kampagne hängt an Hauswänden und ploppt im Internet immer mal auf. Die Bilder sind comicartig gezeichnet und echt witzig, so sollen sie junge Leute ansprechen. Denn vor allem diese Altersgruppe weiß wenig über die Krankheiten.

„In der Schule oder im Internet kommen Informationen zu Infektionen durch Sex immer noch zu kurz“, bedauert Norbert Brockmeyer aus dem medizinischen Kompetenz-Netz der Knappschaft. Der Professor für Dermatologie und Allergologie leitet das „Walk in Ruhr“ (kurz WiR), das Zentrum für sexuelle Gesundheit und Medizin in Bochum. Das WiR wurde als Modellprojekt des Bundes­gesundheitsministeriums eingestuft, seine Evaluierung wird durch Mittel des Ministeriums finanziert. Es ­wurde gegründet, um über sexuell übertragbare Infektionen aufzuklären und um Anlaufstelle für Menschen zu sein, die den Verdacht haben, sich infiziert zu haben. Sie können hier einen Test machen, sich beraten lassen und zur Behandlung gehen.

Mehr Aufklärung, weniger Ansteckung

Brockmeyers Team geht auch an Schulen, meist in siebte oder achte Klassen, und spricht mit den Teenies über die Ansteckungsgefahr. Wenn die Aufklärung nicht Lehrer übernehmen, sind die Jugendlichen offener und ­trauen sich, auch intimere Fragen zu stellen. „Ich trenne nach einer Anfangs­runde immer Mädchen und Jungs, dadurch entsteht eine ganz andere Dynamik“, sagt Brockmeyer. Meist sind die Jugendlichen in den Kursen älter als 14 Jahre. Genau der richtige Zeitpunkt, denn in diesem ­Alter beginnen die ersten Infek­tionen. Bei jungen Frauen ist im Durchschnitt der „Infektions-Peak“, also die meisten Infek­tionen oder höchste Prävalenz, mit 20 Jahren und bei jungen Männern mit 25, so Brockmeyer.

Kondome? Klar! Aber warum noch mal?

„Bei uns waren Geschlechtskrankheiten noch kein Thema in der Schule“, sagt Enno Wittlich. Der 15-Jährige geht an einem Münchner Gymnasium in die achte Klasse. „Auch in meinem Freundeskreis sprechen wir eigentlich nie darüber. Klar wissen wir, dass man mit einem Kondom verhüten sollte, aber an Infektionen denkt dabei niemand.“ Mit seiner Mutter hat Enno lediglich mal über eine Impfung gegen das HP-Virus gesprochen. Auch in den sozialen Medien oder im Fernsehen scheinen Geschlechtskrankheiten – abseits von flapsigen Textzeilen in Rap-Songs – nie vorzukommen. Enno erzählt, dass er nur ein einziges Mal in einer RTL-Soap von Chlamydien hörte. „Was das genau ist, weiß ich aber nicht.“

Wie soll er auch. Zwar ist Sex im Internet und in sozialen Medien omnipräsent. Die Jugendlichen schicken sich eindeutig freizügige Handyfotos (nennt man „Sexting“). Dabei geht es aber nie um den eigentlichen Akt, geschweige denn um die Ansteckung mit Viren, sondern eher um Sexiness. Also um tolles Aussehen und Bewundertwerden. „Mit meinen Freundinnen mache ich oft sexy Fotos, die ich dann auch an einige Leute verschicke“, sagt die 16-jährige Schülerin Juliette Marot (Name von der Redaktion geändert). „Aber über Sex selbst oder Verhütung sprechen wir eigentlich nicht. Das ist uns dann irgendwie doch zu peinlich.“

HPV-Impfung: nicht nur für Mädchen!

Aber wer nicht Bescheid weiß, kann auch nicht vorsorgen. Und so sind ansteckende Geschlechtskrankheiten wieder auf dem Vormarsch: Chlamydien, Gonorrhoe, Herpes genitalis, Humane Papillomviren (HPV) und sogar Syphilis. Nur die HIV-Infektionsraten sind in den letzten drei Jahren deutlich gesunken, insbesondere bei Männern, die Sex mit Männern haben. „Bei einer Studie, die Menschen bis 25 Jahre untersuchte, fanden die Ärzte Infektions­raten von bis zu 30 Prozent durch HPV“, sagt Brockmeyer. Besonders tragisch, da es eine Impfung gibt. Inzwischen empfiehlt die Ständige Impfkommission auch eine Impfung für Jungs zwischen 9 und 14 Jahren, da auch Jungen zunehmend Tumore an Anus, Hals und Penis bekommen. Krankenkassen übernehmen in der Regel die Kosten in Höhe von rund 500 Euro vollständig.

Das Tückische ist, dass viele ­Geschlechtskrankheiten erst einmal keine Symptome hervorrufen. Und so trägt man die Erreger weiter oder steckt sich – wie in 50 Prozent der Fälle – wechselseitig immer wieder beim Partner an. Wird eine Infektion jedoch frühzeitig entdeckt, kann sie in den meisten Fällen mit Antibiotika oder anderen Medikamenten behandelt werden. Treten erst einmal Symp­tome auf, sind diese wirklich unangenehm: Ausfluss, schmerzhafte und auch schmerzlose genitale Geschwüre, Schwellungen in der Leistengegend, Unterbauchschmerzen. Die Folgen ­einer Geschlechtskrankheit können das gesamte Leben verändern: Durch HP-Viren können Genitalwarzen und nach Jahren Gebärmutterhalskrebs entstehen, Chlamydien können zu Unfruchtbarkeit führen, und Genitalherpes trägt man lebenslang in sich.

Sexuell übertragbare Infektionen sollten daher schon frühzeitig in jeder Schulklasse besprochen werden, fordert Norbert Brockmeyer. Auch Enno Wittlich wünscht sich mehr Aufklärung: „Ich fände es schon gut, wenn über Geschlechtskrankheiten mehr geredet werden würde“, sagt der 15-jährige Gymnasiast. „Ich möchte ja schon wissen, wie ich mich und andere schützen kann.“ Das Ziel der Aufklärungskampagnen der Bundesregierung ist nun, stärker in sozialen Medien wie You­Tube und Instagram präsent zu sein. Mit coolen Spots und Kampagnen. Denn nur so erreicht man die Jugendlichen heute.

Info und Hilfe:

Symptome und Ursachen
Wer Genaueres über Chlamydien, Gonokokken oder Feigwarzen wissen will und wie man eine Infizierung vermeidet, kann sich auf der Website der Apotheken Umschau übersichtlich informieren.

Geschlechtskrankheiten 
Chlamydien, Gonorrhoe, Hepatitis B, Hepatitis, Herpes genitalis, HIV und Aids, Humane Papilloma-Viren, Syphilis (Lues), Trichimonaden-Infektion: Informationen zu diesen Krankheiten sowie Tipps zur Vermeidung einer Ansteckung gibt es auf auf der Website von Pro Familia.

Lesen über Krankheiten
Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bietet kostenlose Broschüren zu sexuell übertragbaren Krankheiten an.

HIV-Test selbst machen
Inzwischen kann sich jeder in der Apotheke einen Selbsttest besorgen, der das HI-Virus im Blut nachweist. Wie dieser Test funktioniert und wo man sich bei einem positiven Ergebnis Hilfe holen kann, zeigt die AIDS-Hilfe.

Recht auf Schutz
Jeder Mensch sollte sich vor sexuell übertragbaren Krankheiten schützen dürfen. Wie man sein Recht auf Auf­klärung in der Schule, bei Beratungsstellen oder beim Arzt einfordert, erklärt Pro Familia.

Nummer gegen Kummer
Beim Sorgentelefon können Kinder und Jugendliche aber auch Eltern kostenlos anrufen und Fragen aller Art ganz offen stellen. Wer nicht so gern über seine Sorgen redet, kann auch die anonyme Online-Beratung in Anspruch nehmen. Dafür muss man sich zuvor auf der Homepage registrieren.

 

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