Bildung Wird mein Kind schlau genug?

Klar, unsere Kinder sollen es später gut haben. Schlau sein, die Schule schaffen und eine erfüllende Karriere machen. Die Grundlagen dafür werden in den ersten Lebensjahren gelegt. Wenn Eltern ihre Kinder weder vernachlässigen noch überfordern, sondern sich auf ihre Intuition verlassen, tun sie das Beste für ihr Kind.

Die Schere klafft weit auseinander. Auf der einen Seite gibt es immer mehr Kinder, die kaum Fürsorge erfahren und dringend Förderung brauchen. Auf der anderen Seite übertreiben Eltern es mit Lernprogrammen für Kleinkinder, um bloß nichts zu verpassen. Wie findet man nun das richtige Maß? Was ist sinnvoll? Was lasse ich besser sein? Mütter und Väter stehen immer wieder vor solchen Fragen. Denn die Wissenschaft konnte inzwischen belegen, dass die wichtigsten Grundlagen für die spätere Intelligenz schon im Baby- und Kindergartenalter gelegt werden

Grundschullehrer in der ersten Klasse unterrichten heute Schulanfänger, deren  Entwicklungsunterschiede bis zu drei Jahre auseinanderliegen. Kommen zwei gleichaltrige Kitakinder in die Schule, kann es gut sein, dass eins dem anderen um diese Zeit voraus ist. Manche kleinen Schlauköpfe rechnen munter mit Zahlen zwischen eins und zwanzig; andere kennen noch keinen Buchstaben.

Amerikanische Forscher haben mit der Studie „Die frühe Katastrophe“ mit Kindern aus verschiedenen Milieus ermittelt, dass ein gut umsorgtes Kind aus einer gebildeten Familie in den ersten drei Lebensjahren 30 Millionen Wörter mehr hört als ein vernachlässigtes. So eine Kluft ist später kaum mehr aufzuholen.

Die Herkunft bestimmt auch weiterhin die Zukunft - und die Bildungschancen

Die Herkunft bestimmt also weiterhin die Zukunft. Auch in Deutschland gilt das noch immer. Die Universitäten Dortmund und Jena erstellten für die Bertelsmannstiftung eine Studie, die zu dem Ergebnis kommt: „Der Bildungserfolg, gemessen in Kompetenzen von Neuntklässlern in Mathematik, bleibt weiterhin stark von der sozialen Herkunft abhängig.“ Das heißt: Wer aus schlechten Verhältnissen stammt, hat geringere Chancen auf höhere Bildung

Der Einfluss der Eltern auf die Lernfreude der Kinder ist offenbar so groß, dass keine Kita und keine immer wieder reformierten Bildungspläne das ausgleichen können. Es geht dabei nicht in erster Linie um frühes Schreiben oder um das Beherrschen der Grundrechenarten – denn das ist lernbar, und dafür ist die Schule da. Entscheidend ist die Fähigkeit, etwas wahrzunehmen und es sich anzueignen. Die entsteht bereits im Mutterleib und wird danach vor allem im Austausch mit der Mutter und dem Vater weiterentwickelt. 

Nach der Geburt bilden sich Verbindungen zwischen Nervenzellen

Anhand von Hirnstrommessungen bei Babys lässt sich feststellen, dass schon Ungeborene Laute wahrnehmen, die sie später identifizieren können. Nach der Geburt werden Nervenzellen miteinander verbunden. Wenn Eltern ihren Babys viel Aufmerksamkeit, Zuneigung und Anregungen geben, bilden sich besonders viele Verbindungen. Bei vernachlässigten Kindern hingegen bleibt die Hirnrinde dünner. Allerdings ist nicht alles von Umwelt und Elternhaus geprägt. Etwa 20 Prozent ihrer Intelligenz erben Kinder. 

Effektiv lernen funktioniert nur, wenn man den Stoff versteht

Je früher das Gehirn „gefüttert“ wird, desto besser kann es später seine Leistungsfähigkeit steigern. Auch der Umgang mit Gleichaltrigen fördert die Entwicklung. Wer schon in der Kita mit anderen zusammenarbeiten, deren Gefühle wahrnehmen und berücksichtigen kann, der kommt auch im Berufsleben schneller weiter.  

Wie lernen Kinder am besten? Alles, was ein Kind erfährt, muss es verarbeiten. Damit das neu erworbene Wissen vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis gelangt, kommen Schüler um Auswendiglernen, Wiederholen und Vertiefen nicht herum. Sie lernen aber nur effektiv, wenn sie den Stoff auch verstehen. Alles andere wäre reines Pauken, das nicht nachhaltig hilft. Leichter fällt das Lernen, wenn es mit Sprüchen, Reimen, Gedichten oder Liedern unterstützt wird.

Doch ganz ohne Anstrengung eht es nicht. Für eine Studie der Universität Regensburg mussten sich Kinder im Grundschulalter und Erwachsene drei Listen mit Begriffen merken. Ein Teil der Gruppe bekam die Listen ein zweites Mal, die anderen sollten sich so viel wie möglich im ersten Durchgang merken. Danach wurde eine vierte Liste verteilt, die niemand ein zweites Mal zu Gesicht bekam. Das Ergebnis: Erwachsene und Kinder zwischen acht und neun Jahre, die ohne Zusatzchance direkt aus dem Gedächtnis wiedergaben, hatten die besten Ergebnisse und schnitten vor allem in der letzten Runde gut ab. Die Testform hatte ihre Lernfähigkeit verbessert. Bei jüngeren Kindern war der Effekt noch nicht zu sehen. Was bedeutet das fürs Lernen? Wenn es gelingt, Kinder zu motivieren, Inhalte eigenständig wiederzugeben, fangen sie an, sich das Gehörte oder Gelesene selbst zu erarbeiten. Sie verstehen es besser, können es besser wiedergeben – und haben es damit gelernt.

Wer sich ein bisschen quält, lernt besser

Es klingt nicht nach Kuschelpädagogik, lässt sich aber nicht ändern: Wer sich ein bisschen quält, lernt besser. Zum Beispiel bei Vokabeln. Je mehr das Kind tun muss, desto effektiver arbeitet es. Das heißt: Nicht einfach eine Vokabel mit ihrer Übersetzung angucken und versuchen, sie auswendig zu lernen, sondern nur das deutsche Wort nehmen und es in der fremden Sprache aufschreiben. Was sollten Eltern tun, die sich gut um ihr Kind kümmern, es aber nicht mit Früh-Chinesisch oder Geigen-Stunden drillen wollen? Zum Glück gibt’s ein paar Maßnahmen, die Erwachsene meist instinktiv richtig machen:

Richtig dosiert loben

Ihren Namen schreiben? Das findet eine Sechsjährige babyleicht. Wird sie dafür übermäßig gelobt, nimmt sie die Anerkennung zwar zur kurzfristigen Stärkung des Selbstbewusstseins mit, kommt aber nicht weiter. Denn sie erfährt nicht, dass es lohnt, sich zu verbessern. Also ist es besser, das Kind an eine schwierigere Aufgabe heranzuführen und den Versuch zu loben, auch wenn er scheitert. Wer merkt, dass allein gute Bemühungen schon zählen, wird auf längere Sicht weiterkommen und mehr lernen. Wer hingegen nur wiederholt, was er ohnehin schon kann, untergräbt die eigene Lernfähigkeit.    

Fragen stellen erlaubt

„Mama, ich habe da mal eine Frage!“ Willkommen in der Welt der schlauen Kinder. Nachfragen ist die beste Methode, um sich Wissen anzueignen. Deshalb sollten Eltern es fördern. Auch wenn die Kleinen mit Warum-Fragen nerven, dürfen sie nicht unterbunden werden. Erwachsene merken meist schnell, ob das Kind nur zum Zeitvertreib „warum” fragt oder ob es tatsächlich ein wirklich großes Wissensbedürfnis hat.

Auf die Qualität kommt es an

Nicht die Dauer des Zusammenseins zählt, sondern die Intensität und die Gefühle zwischen Eltern und Kindern bestimmen die Wirkung. Verbringen Familien viele Stunden miteinander und sind dabei nur gestresst, wirkt das negativ aufs Lernverhalten. Ein gutes Miteinander hingegen zeigt schon Wirkung, wenn die Großen nur eine Stunde mit den Kleinen verbringen.

Forschen lassen

Kinder brauchen Gelegenheiten, zu experimentieren, zu forschen und Dingen auf den Grund zu gehen. Erwachsene sollten darauf achten, dass ihr Nachwuchs dazu Gelegenheiten hat. Dabei dürfen die Großen ruhig Anregungen geben, sollten nicht bevormunden.

Die Kraft der positiven Gefühle

Wenn ein Kind die Erfahrung macht, dass ihm etwas durch eigene Anstrengung gelingt, springt sein inneres Belohnungssystem an. Es werden Botenstoffe ausgeschüttet, die zu Glücksgefühlen führen. Diese positive Freude macht Lust auf mehr und motiviert zum Lernen aus eigenem Antrieb. Ganz anders ist das bei Angst. Gerät ein Kind unter Druck entwickelt es Abwehrmechanismen und kann nur begrenzt lernen im Sinne von Konditionierung. Statt kreativer Freude bestimmen dann Sorge und Angst das Handeln. Der Lernprozess verschlechtert sich. 

Viel sprechen

Mit den Kindern reden, beobachten, wie sie es aufnehmen, zuhören, darauf eingehen – je genauer die Kommunikation ist, desto besser können die Kinder später lernen. Bekommen sie hingegen nur kurze Befehle, die Gehorsam statt einer Antwort verlangen, bleiben die kommunikativen Fähigkeiten auf der Strecke. 

TV-Konsum reduzieren

Kinder, die mehrere Stunden am Tag fernsehen, tun sich mit dem Lernen schwerer. Denn TV-Konsum beeinträchtigt die Kommunikation. Ohne Austausch mit den Eltern wird die Lernfähigkeit nicht gefördert.

Erwartungen haben

Ob hohe Erwartungen an die Kinder gut oder schlecht sind, sei dahin gestellt. Kalifornische Wissenschaftler fanden jedenfalls heraus, dass Kinder, deren Eltern viel von ihnen erwarten, auch viel schaffen. Denn grundsätzlich streben Kinder fast immer danach, die Wünsche der Eltern zu erfüllen. Wenn die Erwartungen machbar sind, kann das förderlich sein.

Alleine machen lassen

Schon Kleinkinder verspüren den Wunsch, etwas ganz allein zu schaffen. Dazu sollten sie so oft wie möglich die Gelegenheit haben. Denn Erfolge machen selbstbewusst. Das bezieht sich nicht nur auf körperliche Herausforderungen. Auch Entscheidungen sollten Mädchen und Jungen ihrem Alter entsprechend alleine treffen dürfen.

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