"Die Hemmschwelle im Netz ist niedriger"

Hate Speech: So schützt du dein Kind

Hate Speech, zu deutsch: „Hassrede“, ist in aller Munde. Mediencoach Kristin Langer erklärt, was sich dahinter verbirgt und wie Eltern ihre Kinder schützen.

wirEltern.de: Was versteht man unter „Hate Speech“?

Kristin Langer: Gemeint sind sprachliche Ausdrucksweisen, die Personen oder Gruppen gezielt und in äußerst aggressiver Weise verunglimpfen, angreifen, herabsetzen oder ihnen gegenüber zu Gewalt aufrufen – zum Beispiel wegen ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung oder Herkunft. Manchmal genügt auch schlicht eine andere Meinung, um Zielscheibe von sogenannten „Hatern“ zu werden. Hate Speech kommt in geschriebener Form, als Bild und Video vor. Sie findet auch „offline“ statt, ist aber vor allem in der digitalen Welt verbreitet. 

 

Warum?

Weil die Hemmschwelle im Netz niedriger ist. Denn anders als bei Face-to-Face-Kommunikation bin ich hier anonym und kann mich spontan äußern, ohne dass derjenige, an den sich meine Botschaft richtet, darauf unmittelbar reagieren kann. Das macht es natürlich einfach, jemanden zu beschimpfen. 

 

Dass die Sprache von Kindern und Jugendlichen ein Stück weit verroht ist, ist kein neues Phänomen – das aber inzwischen eine neue Dimension erreicht hat?

Ich beobachte schon, dass Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene, im Umgang mit Sprache oft sehr unbedacht sind und sich keine Gedanken machen, was Worte tatsächlich aussagen – und vor allem: Welche Wirkung sie auf andere haben können. Problematisch ist, wenn sich dieser nachlässige Umgang mit Sprache etabliert und zur Gewohnheit wird.

 

Umso wichtiger ist es, frühzeitig gegenzusteuern. Wird Hate Speech bereits in der Grundschule thematisiert?

Da es sich um eine relativ neue Entwicklung handelt, derzeit noch nicht, zumindest nicht flächendeckend. Aber ich weiß, dass die Lehrer schon ab der ersten Klasse Wert auf einen fairen Umgang miteinander legen und entsprechende Verhaltensregeln, Kommunikation eingeschlossen, mit den Schülern verabreden. Auch Mütter und Väter können zu Hause eine Kultur des fairen Miteinanders vorleben. Dazu gehört, sich über Sprache, deren Bedeutung und Wirkung austauschen.  

 

Wann sollten Eltern mit ihren Kindern über Hasskommentare sprechen?

Wenn das Kind ein Smartphone besitzt, mit dem es ins Internet geht, Messengerdienste nutzt etc., muss es die Spielregeln kennen. Es muss wissen, was es schreiben darf und was nicht, ob es ein Foto hochladen und teilen darf, dass es seine Daten nicht blindlinks weitergibt und wie es User blockiert.

 

Das ist ganz schön viel für ein Grundschulkind.

Eben. Auch wenn schon viele Erstklässler ein Smartphone besitzen, empfehlen wir, Abc-Schützen allenfalls mit einem Notfall-Handy auszustatten. Aus unserer Sicht ist ein eigenes Smartphone ab zehn oder elf Jahre vollkommen ausreichend. In diesem Alter ist ein Kind in der Regel auch eher in der Lage, mit Hasstiraden umzugehen. Wenn es trotzdem ein Smartphone zur Einschulung sein muss, sollten Eltern auf jeden Fall entsprechende Sicherheitseinstellungen am Gerät vornehmen, um das Risiko so gering wie möglich zu halten. Und selbstverständlich sollten sich Grundschulkinder nur in altersgerechten und geschützten Netzwerken austauschen.

 

Wie sollen sie sich verhalten, wenn sie Zielscheibe von Hassbotschaften werden?

Schnellstmöglich mit den Eltern reden. Das setzt natürlich voraus, dass Kinder wissen, dass Papa und Mama dafür ein offenes Ohr haben. Im nächsten Schritt sollte man die Attacke dem Betreiber und jugendschutz.net melden und gegebenenfalls Anzeige erstatten. Auch schadet es nicht, die Eltern von Freunden und Klassenkameraden des Kindes zu informieren. 

 

Und was können Eltern tun, wenn sie erfahren, dass der Sohn oder die Tochter Hate Speech verbreitet?

Das kommt auf die Situation an. Sie können ihr Kind direkt damit konfrontieren, in der Art „Das und das ist mir zugetragen worden, stimmt das?“ oder allgemein nachfragen, wie sich ihr Kind mit anderen austauscht. In jedem Fall sollten Eltern den Motiven auf den Grund gehen. Will sich das Kind vor seinen Freunden beweisen? Oder ist Hate Speech in der Clique gerade en vogue und es unterliegt dem Gruppenzwang? Wenn man hier allein nicht weiterkommt, hilft eine Erziehungsberatungsstelle. 

 

Ist es nicht am einfachsten, sich zu schützen, indem man sich nicht an Diskussionen im WWW beteiligt, nicht kommentiert etc.?

Klar, wenn ich mich raushalte, werde ich nicht attackiert. Wenn die Abstinenz allerdings bedeutet, sich nicht mit dem Phänomen selbst  auseinanderzusetzen, halte ich das nicht für den richtigen Weg – die digitale Welt ist schließlich fester Bestandteil unseres Lebens. Eltern und ihr Nachwuchs sollten sich gemeinsam informieren, zum Beispiel auf Seiten wie no-hate-speech.de, die sich gegen Hassrede stark machen. Und: Sie sollten im Gespräch bleiben

 

Ist Hate Speech strafbar?

Wer – offline oder online – Symbole, Zeichen und Bilder verfassungswidriger Organisationen benutzt (z. B. Hakenkreuz, IS-Fahne), Menschen beleidigt, zu Hass und Gewalt gegen Personen oder Gruppen aufruft („Volksverhetzung“) oder Gewalt verherrlicht, macht sich strafbar. Um das Recht in sozialen Netzwerken besser durchzusetzen, hat Bundesjustizminister Heiko Maas einen Gesetzesentwurf vorgelegt („Netzwerkdurchsetzungsgesetz“), der Facebook, Instagram & Co. verpflichtet,  strafbare Inhalte binnen 24 Stunden zu löschen. Das „Facebook-Gesetz“ stößt aaber auf große Kritik, da es die Meinungsfreiheit einschränken könnte.

 

Unsere Expertin

Kristin Langer, Mediencoach bei der Initiative „SCHAU HIN!”, freie Dozentin sowie Referentin für die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen, www.schau-hin.info

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