Legasthenie und Dyskalkulie bei Kindern Buchstabensalat und Zahlenrätsel

Straßenschilder entziffern, den eigenen Namen schreiben, die Sonntagsbrötchen bezahlen – ganz alltägliche Dinge. Eigentlich. Circa fünf Prozent der Bevölkerung bereiten Handlungen wie diese Kopfzerbrechen. Wörter tanzen durcheinander, Buchstaben sehen sich zum Verwechseln ähnlich und Zahlen erscheinen als unverständliche Schnörkel. Wenn Lesen, Schreiben und Rechnen kein Kinderspiel, sondern eine Lebensaufgabe ist.

Sonntagnachmittag. Familie Hüsken sitzt am Tisch und spielt. Jonas würfelt eine Fünf. Der Achtjährige starrt auf das Spielbrett. „Fünf“, ruft seine jüngere Schwester Nina. Jonas seufzt. Er konnte die Zahl nicht so schnell erfassen. Jonas hat die Rechenstörung Dyskalkulie.

Während Melissas Klassenkameraden fleißig schreiben, will es der Siebenjährigen einfach nicht gelingen. Mit verkrampftem Handgelenk versucht sie etwas zu malen, das den Wörtern an der Tafel ähnelt. Dabei weiß sie gar nicht, was sie bedeuten. Melissa hat Legasthenie.

Rot, rod, roht?

Faul und unkonzentriert: Manche Kinder müssen sich so betiteln lassen, wenn es in der Schule nicht klappt. Bei den ersten Lernschwierigkeiten reagieren die meisten Eltern ähnlich – das Kind soll üben, üben, üben. Gemeinsame Nachmittage über den Hausaufgaben voller Verzweiflung, Tränen und Unverständnis sind keine Seltenheit. Was ist an der Rechnung 2+4 nicht zu verstehen? Wieso schreibt das Kind dasselbe Wort dreimal unterschiedlich? Wenn sich auch nach stundenlangem Pauken kein Erfolg einstellt, stehen Familien vor einem Rätsel.

Langer Weg zur Diagnose

Hinter den Problemen kann eine Teilleistungsstörung wie Legasthenie oder Dyskalkulie stecken. Die Ursachen liegen meist in den Genen. Sogar Hochbegabte sind davon betroffen – die Störungen sind nämlich kein Zeichen mangelnder Intelligenz oder das Ergebnis von Vernachlässigung. Bis zur Diagnose haben Familien oft eine anstrengende Zeit hinter sich. „Viele Kinder rutschen in den Grundschulen einfach durch. Leider ist die Konsequenz, dass sie eine Schulempfehlung erhalten, die unter ihrer allgemeinen Begabung liegt“, sagt Annette Höinghaus vom Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e.V.

Die Hintergründe

Derzeit läuft eine europäische Studie, in der die Ursachen der Legasthenie erforscht werden. Professor Dr. Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Klinikum der Universität München, koordiniert das Projekt: „Die Ursachen sind vordergründig genetisch. Ist ein Elternteil betroffen, haben Kinder ein vierfach erhöhtes Risiko, ebenfalls eine Legasthenie zu entwickeln.“

Ein weiterer Faktor: Die Hirnregionen, die für die Verarbeitung von Sprache zuständig sind, sind bei den Betroffenen weniger und erst verspätet aktiviert. Bei einigen Kindern resultiert die Lese-Rechtschreibstörung auch aus einer Sprachentwicklungsstörung, „denn Sprachkompetenz ist eine absolut notwendige Basis für das Lernen“, bekräftigt Professor Dr. Waldemar von Suchodoletz, der an der Klinik die Abteilung für Entwicklungsfragen leitet.

Die unbekannte Zweite

Die Dyskalkulie ist längst nicht so bekannt. Auch die Forschung in diesem Bereich liegt noch zurück. „Erste Befunde zeigen, dass Personen mit einer Rechenstörung bestimmte Gehirnareale, die wir beim Rechnen benutzen, weniger stark aktivieren. Wir wissen heute, dass bereits Babys ganz automatisch die Anzahl von Objekten wahrnehmen. Menschen mit Dyskalkulie bleibt der Einstieg in die Welt der Zahlen von Anfang an verwehrt“, erläutert Professorin Dr. Karin Landerl vom Psychologischen Institut der Universität Tübingen. Das macht sich auch im Alltag bemerkbar: Mengenangaben, die Uhrzeit oder der Umgang mit Geld bereiten ebenfalls Probleme.

Diagnose als Befreiung

Viele Kinder fallen erst in der Schule auf. Andere schon vorher. So wie Simon und Felix Hödtke. „Wir hatten schon immer das Gefühl, dass etwas nicht stimmt“, sagt Irmgard Hödtke. Als Felix in die Schule kam, merkten seine Eltern schnell, dass ihr Sohn große Schwierigkeiten hatte. Felix konnte sich keine Buchstaben merken.

Als die Diagnose Legasthenie schließlich stand, empfanden das seine Eltern als Befreiung. „Endlich hatten wir Gewissheit“, sagt Irmgard Hödtke. „Bei Felix kleinerem Bruder Simon wussten wir dann schon, was uns erwartet.“ Für den Neunjährigen ist die Situation allerdings noch schwieriger: Er ist sowohl von einer Lese-Rechtschreib- als auch von einer Rechenstörung betroffen.

Familie Hilden ließ ebenfalls beide Töchter testen, nachdem die Ältere nach dreieinhalb Jahren Grundschule nicht richtig lesen konnte. Durch den Vortrag einer Lerntherapeutin ging Anja Hilden ein Licht auf. „Mir fiel es wie Schuppen von den Augen. Nachdem die Legasthenie bei Hannah diagnostiziert wurde, haben wir uns gefragt, warum das in der Schule so lange unbemerkt geblieben ist.“ Die Probleme der kleinen Schwester Judith standen dadurch in einem anderen Licht: Sie konnte im Mathematikunterricht keine Textaufgaben lösen – auch sie hat Legasthenie.

"Zum Glück können wir uns eine effiziente Therapie leisten. Familien, die diese Belastung nicht stemmen können, erfahren eine doppelte Diskriminierung: Die Kinder haben noch weniger Chancen, eine erfolgreiche Schulzeit zu durchleben“, betont Bernd Hilden.

Das Problem angehen

Eine Heilung gibt es nicht. In den Griff bekommen – das ist mit spezieller Förderung möglich. Meist wird sie von privaten Instituten oder Praxen angeboten. „Die Betroffenen sind ganz normale Kinder wie alle anderen auch, mit Stärken und Schwächen“, sagt die Lerntherapeutin Ilona Dany.
Im Rahmen einer integrativen Lerntherapie hilft sie Kindern wie Judith, Simon und Felix, ihre Defizite aufzuarbeiten.
Die Therapie setzt auf die Stärken der Kinder, damit sie von Anfang an Erfolgserlebnisse erfahren. In der Regel kommen die Betroffenen einmal pro Woche und arbeiten mit der Therapeutin allein oder in der Zweiergruppe.

„Wir versuchen die Kinder zunächst in eine positive Lernstruktur zu führen. Viele verbinden mit dem Thema Schule nur Angst und Druck,“ betont die Vorsitzende des Fachverbands für integrative Lerntherapie, Inge Kempf-Kurth.
In den Sitzungen wird gemalt, geschrieben, gerechnet, gebastelt, der Computer genutzt – alles mit dem Ziel, den Kindern den Weg zum eigenständigen Lernen zu weisen.

Schulalltag

Im Umgang mit betroffenen Kindern gibt es in den Schulgesetzen der einzelnen Bundesländer keine einheitlichen Regelungen. Die so genannten „Nachteilsausgleiche“ und Fördermöglichkeiten für Schüler mit „besonderen Schwierigkeiten“ weichen stark voneinander ab. Mündliche statt schriftlichen Prüfungen, mehr Zeit bei Tests, eine schwächere Gewichtung oder ein Aussetzen der Rechtschreibleistungsbewertung – in einigen Bundesländern erfahren Kinder diese Erleichterungen.

Dies gilt allerdings nur für Legasthenie – für Dyskalkulie gibt es kaum geregelte Unterstützung. Laut den „Grundsätzen zur Förderung von Schülerinnen und Schülern mit besonderen Schwierigkeiten im Lesen und Rechtschreiben oder Rechnen“ der Kultusministerkonferenz von 2007 könne die Rechenstörung nicht mit der Lese-Rechtschreibschwäche gleichgesetzt werden.

Dementsprechend werde sie bei einer Leistungsbewertung auch nicht in gleicher Weise berücksichtigt. Das kritisiert Annette Höinghaus vom Bundesverband für Legasthenie und Dyskalkulie. Es sei eine Missachtung der Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie zur Diagnostik des Störungsbildes.
Ohnehin gehen ihr die schulischen Regelungen längst nicht weit genug. „Betroffene werden in unserem Schulsystem diskriminiert. In den skandinavischen Ländern gibt es sehr viel mehr Hilfe. Davon können wir hier nur träumen“.

INFO: Kontaktadressen

Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e.V.
Tel. 0700-285 285 285
www.bvl-legasthenie.de

FiL Fachverband für integrative Lerntherapie e.V.
Tel. 05401-3659404
www.lerntherapie-fil.de
 

ABI Aktion Bildungsinformation e.V.
www.abi-ev.de
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Aktion Bildungsinformation e.V.

Alte Poststr. 5
70173 Stuttgart
Tel.: 0711/22 02 16 - 30 (Zentrale)

BVL (Bundesverband für Legasthenie und Dyskalkulie e.V.)
www.bvl-legasthenie.de
Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e. V.

Postfach 11 07

30011 Hannover

Tel: 07 00/31 87 38 11

Fax: 05 11/31 87 39 11
E-Mail: beratung@bvl-legasthenie.de

Adressen: Lerntherapie

DUDEN Institut für Lerntherapie
http://www.duden-paetec.de/
DUDEN PAETEC Institut für Lerntherapie, seit 1992 integrative Lerntherapie zur Überwindung von Lernstörungen bei Rechenschwäche, Lese-Rechtschreib-Schwäche und Englisch-Schwäche.
Zentrale der DUDEN PAETEC Institute für Lerntherapie
Bouchéstr. 12 // Haus 11
12435 Berlin
Tel: 030 /5 33 118 22
Fax: 030 /5 33 118 29

Fachverband für integrative Lerntherapie e.V.
www.lerntherapie-fil.de
Fachverband für integrative Lerntherapie e.V. (FiL), 1989 gegründet, umfasst über 600 Mitglieder: überwiegend praktizierende Lerntherapeuten sowie interessierte Fachleute aus benachbarten Berufsgruppen.
FiL Fachverband für integrative Lerntherapie e.V.
Geschäftsstelle
Magdalenenstraße 36
D-49080 Osnabrück
Tel.: 05 41/3 50 47 83
Fax: 05 41/9 33 89 57
E-Mail: lernfil@aol.com

Legasthenietrainier
www.legasthenietrainer.de
Die Seite nennt diplomierte Legasthenietrainer nach den Kriterien des EÖDL (Erster Österreichischer Dachverband Legasthenie) in Deutschland, welche nach den Richtlinien der European Dyslexia Association (eda) ausgebildet werden und wurden
Feldmarschall Conrad Platz 7

9020 Klagenfurt
Tel.: 0043 /46 35 56 60

Fax: 0043 /46 35 56 60,
E-Mail: office@legasthenie.com

Lehrinstitut für Orthographie & Schreibtechnik
www.losdirekt.de
1982 gegründet, arbeitet inzwischen an mehr als 160 Standorten in Deutschland. Ziel der LOS-Aktivitäten ist, lese-/rechtschreibschwache Schüler gezielt zu fördern.
LOS-Zentrale
Lortzingstraße 20

66111 Saarbrücken

Tel.: 0681 /93 67 80

Fax: 0681 /93 67 81 07

E-Mail: Dienst-AG@t-online.de


LegaKids

www.legakids.net

Internet-Seite für von Legasthenie betroffene Kinder. Lustige und spannende Geschichten von Lega und Steni, die gegen das böse Lese- und Rechtschreibmonster LURS kämpfen.
info@LegaKids.net
Dr. Britta Büchner, Michael Kortländer 

Bothmerstraße 20
80634 München
Tel. 089 /130 136 00

Fax 089 /13 93 73 83

E-Mail: forum@legakids.net

Judith Hilden, (zehn Jahre), hat eine Lese-Rechtschreibstörung.

Judith Hilden, 10 Jahre (Foto: Wim Wöber)
Judith Hilden, 10 Jahre (Foto: Wim Wöber)

"Ich kann nicht so gut lesen und schreiben wie andere Kinder. In der Schule gibt es Aufgaben, bei denen wir falsche Wörter erkennen müssen. Das kann ich nicht gut, weil ich selbst nicht alles richtig schreibe. Aber ich habe mich daran gewöhnt.
Seitdem ich zur Lerntherapie gehe, bin ich in der Schule besser geworden. Früher habe ich auch immer den ganzen Tag für meine Hausaufgaben gebraucht. Das war richtig anstrengend. Jetzt geht es schneller.
Falls ich nicht weiterkomme, frage ich Oma oder Opa, ob sie mir helfen können. Einmal in der Woche besuche ich eine pensionierte Lehrerin. Wir machen schöne Übungen: Ich male zum Beispiel bunte Kreise, Kringel und Schwünge. Meine Hand und mein Handgelenk werden dadurch lockerer, das hilft mir beim Schreiben.
Wenn ich Zeit habe, höre ich gerne Hörbücher, am liebsten Fantasy-Geschichten. Das finde ich besser als Lesen."

Felix Hödtke, (13 Jahre), hat eine Lese-Rechtschreibstörung.

Felix Hödtke, 13 Jahre (Foto: Wim Wöber)
Felix Hödtke, 13 Jahre (Foto: Wim Wöber)

"Ich finde es gut zu wissen, dass meine Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben einen Grund haben und ich nichts dafür kann.
Als ich in der ersten Klasse war, hat meine Mutter gemerkt, dass ich nicht richtig mitkomme. Mir ist das gar nicht aufgefallen, erst später.
Früher haben sich meine Eltern schon gefreut, wenn ich in einem Aufsatz überhaupt mal zwei Sätze geschrieben habe.
Das hat sich zum Glück geändert: In Deutsch bin ich besser geworden und schaffe jetzt die Tests. Englisch finde ich viel schwieriger. Dafür muss ich mehr tun. Die Grammatik ist in Ordnung, aber mit den Vokabeln habe ich Probleme. Manche Wörter werden ganz anders geschrieben, als sie ausgesprochen werden. Das ist schwer.
In Mathe klappt es dafür echt super. Rechnen kann ich und es macht mir Spaß. Darüber freue ich mich."

Simon Hödtke, (neun Jahre), hat eine Lese-Rechtschreib- und eine Rechenstörung.

Simon Hödtke, 9 Jahre (Foto: Wim Wöber)
Simon Hödtke, 9 Jahre (Foto: Wim Wöber)

"Mich nervt das schon mit dem Lesen und Schreiben.
Na ja, manchmal finde ich das aber auch irgendwie cool. Diktate und Aufsätze kann ich nämlich gar nicht so mitschreiben wie die anderen Kinder in meiner Klasse. Aber dafür muss ich dann andere Sachen üben.
Unser ältester Bruder hat auch eine Lese-Rechtschreibstörung. Bei ihm ist das aber nicht so schlimm wie bei mir.
Und dann ist da noch die Sache mit Mathe. Rechnen ist echt schwierig. Mal klappt es und dann wieder überhaupt nicht.
Mit Hilfsmitteln ist es einfacher: Wenn ich ein Malbrett benutze, an dem ich etwas abzählen kann, rechne ich gut. Oder ich zähle an den Fingern, das geht auch."

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