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Lernen lernen
Warum Lernpausen so wichtig sind

Hand aufs Herz: An welche Dinge, die du in der Schule gelernt hast, erinnerst du dich heute noch? Wo ist das ganze Gelernte hin? Unsere Autorin Silke macht sich auf die Suche.

Endoplasmatisches Retikulum. Ich muss nicht einmal googlen, wie man das schreibt. Ich werde diese beiden Worte, ihre Bedeutung und deren Funktion wohl nie mehr vergessen – auch wenn ich sie seit der 11. Klasse kein einziges Mal gebrauchen konnte.

Ich habe mich schon oft gefragt, weshalb sich ausgerechnet diese Lerneinheit aus dem Biologie-Unterricht so sehr in mein Gedächtnis gebrannt hat. Als ich mir im Ski-Urlaub in La Plagne einmal beide Handgelenke gebrochen habe, hätte ich einiges dafür gegeben, mich an die französischen Vokabeln aus dem Kapitel "Im Krankenhaus" zu erinnern.

Aber da war nichts mehr. Alles weg. Dabei erinnere ich mich noch genau an die Nacht vor dem angekündigten Vokabel-Test, in der ich mir viereinhalb Stunden am Stück die Vokabel-Liste in mein Gehirn hämmerte, immer und immer wieder, bis alle Worte saßen.

"Lernen" und "Behalten" sind verschiedene Dinge

Gabriel Gelman ist der Gründer des Sprachenlern-Portals Sprachheld.de. Ihn überrascht es nicht, dass aus meinem nächtlichen Vokabel-Pauk-Marathon nichts hängen geblieben ist: "Gelerntes muss angewendet werden, um dauerhaft hängen zu bleiben", erklärt er mir im Interview.

Konkret bedeutet das: In mein Kurzzeitgedächtnis haben es die französischen Krankenhaus-Vokabeln gerade noch geschafft. Den Platz im Langzeitgedächtnis habe ich ihnen jedoch verbaut, indem ich mich seit der durchgelernten Nacht nie wieder mit ihnen auseinandergesetzt oder sie tatsächlich angewendet habe – sei es beim Schreiben eines Textes oder in der Unterhaltung mit Franzosen.

Wer lernt, braucht Pausen

Doch laut Sprachexperte Gabriel Gelman habe ich den ersten Fehler bereits vorher begangen: beim Lernen selbst. Denn das reine "Pauken" von Vokabeln ist nicht wirklich effektiv, schon gar nicht viereinhalb Stunden am Stück. "Beim traditionellen Vokabellernen ist meistens die Effektivität schon nach weniger als einer Stunde deutlich gemindert", erläutert Gabriel Gelman. 

Das gilt auch für den motiviertesten Schüler: "Alles baut sich irgendwann ab", erklärt der Sprachexperte, "selbst Spaß." Sein Tipp: "Wenn man merkt, dass die Lust nachlässt, sollte man am besten etwas anderes machen, zum Beispiel für ein anderes Fach lernen – oder gleich eine Pause einlegen." Die sind laut Gabriel Gelman besonders wichtig, denn: "Gelerntes muss auch verarbeitet werden können."

Nicht für die Schule lernen, sondern fürs Leben

Sarah Schütze ist Klassenlehrerin an einer schleswig-holsteinischen Waldorfschule. Sie erläutert mir die Wichtigkeit von Lernpausen anhand einer einfachen Metapher: der innere Atem des Unterrichts. "Das Lernen ist das Einatmen des Lernstoffes, das Wahrnehmen von etwas Neuem", beschreibt sie. "Es ist wichtig, auch loszulassen: das Erlernte anzuwenden – also auszuatmen." Beides muss laut Sarah Schütze im Gleichgewicht sein. "Immer nur einzuatmen und nie auszuatmen ist nicht nur nicht gut", erklärt sie, "es geht ganz einfach nicht!"

Die Schultage an der Waldorfschule sind deshalb geprägt durch ganz bewusste "Atempausen" innerhalb der einzelnen Unterrichtseinheiten: 20 Minuten "Erzählzeit" stehen pro Tag auf dem Programm. In dem Unterricht von Sarah Schütze werden diese begleitet durch aufwändige Tafelbilder, passend zur aktuellen Jahreszeit oder dem Märchen, das sie ihren Schülern erzählt: "Die Kinder dürfen und sollen sich da reinträumen, um die Zeit bewusst wahrzunehmen und zu erleben", erklärt Sarah Schütze.

Abwechslung hilft beim Lernen

Auch Sprachexperte Gabriel Gelman empfiehlt, regelmäßig einen Wechsel zwischen den einzelnen Medien einzulegen. Das muss bei älteren Schülern keine 20-minütige Erzähleinheit sein – gerade in Prüfungsphasen fehlt für so eine ausgiebige Pause auch einfach die Zeit. "Aber allein der Wechsel vom Lesen zum Hören hilft dem Gehirn, am Ball zu bleiben", erklärt der Experte.

Das liegt vor allem am Wechsel der Lern-Intensität: "Höre ich ein Hörbuch, nehme ich das Gehörte eher nebenher auf", so Gabriel Gelman. "Im Vergleich zum konzentrierten Vokabel-Lernen stellt schon das eine willkommene Abwechslung für das Gehirn dar." Für jüngere Schüler sind Lernspiele eine schöne Alternative: Bei Karten- oder Würfelspielen nehmen Kinder Inhalte auf, ohne überhaupt das Gefühl vom "Lernen" zu haben.

Manches bleibt für immer

Ich muss zugeben: All das ergibt schon in der Theorie sehr viel mehr Sinn als das stupide Vokabel-Pauken, dass ich so oft praktiziert habe. Was bleibt, ist die Frage, weshalb sich ausgerechnet das Endoplasmatische Retikulum einen ewigen Platz in meiner inneren Bibliothek erkämpft hat. Vielleicht war es die Tatsache, dass der Bio-Unterricht  das erste Fach war, in dem wir in Gruppen arbeiten durften (Stichwort: Abwechslung).

Oder es lag daran, dass meine beste Freundin Teil dieser Gruppe war (Ich hatte also auch noch Spaß beim Lernen). Und dann erinnere ich noch sehr genau, dass mein Bio-Lehrer tatsächlich der einzige war, der darauf bestand, dass wir in der großen Pause zwischen seinen beiden Stunde alle "raus an die Luft" gehen und mal "so richtig durchatmen". 

Vermutlich ist der Mix aus alledem Schuld daran, dass mich das Wissen um das Endoplasmatische Retikulum mein Leben lang begleiten wird. Schade nur, dass mich diese Erkenntnis erst mit 35 Jahren ereilt. Wie großartig wäre es gewesen, wenn ich schon in der Schulzeit hätte Einfluss darauf nehmen können, welche Inhalte ich wirklich fürs Leben lerne – und welche nur für die nächste Klassenarbeit.

Richtiges Lernen beibringen

Mein Sohn kommt dieses Jahr in die Vorschule. Im Gegensatz zu meiner Schule damals, in der es Pausen von 5, 10 und 15 Minuten Länge gab, legt seine Einrichtung nach den ersten 90 Minuten Unterricht bereits eine halbstündige Spielpause für alle Altersgruppen ein.

Eine erste gute Voraussetzung schonmal dafür, dass ihm der Spaß am Lernen lange erhalten bleibt. Mit etwas Glück kommen noch liebe Mitschüler und kompetente Lehrer dazu. Und sollte er in Bio einmal Schwierigkeiten haben: Was das Endoplasmatische Retikulum ist, kann ich ihm ja zum Glück immer noch selbst erklären

Welche Lerntypen gibt es?

  1. Der audititive Lerntyp
    Der auditive Lerntyp lernt am besten über das Hören und Sprechen. Beim Lesen bewegt er oft unbewusst die Lippen mit oder spricht laut vor sich her. Auditive Lerntypen haben eine gute Auffassungsgabe. Gedichte oder ganze Hörspiele kann er schnell auswendig aufsagen.

  2. Der visuelle Lerntyp
    Der visuelle Lerntyp nimmt Informationen besonders gut auf, wenn er sich im wahrsten Sinne ein Bild dazu machen kann: Er fertig gern Skizzen oder Notizen an, arbeitet sehr genau und ordentlich. Auch die Sprache des visuellen Lerntyps ist sehr bildreich.

  3. Der motorische Lerntyp
    Der motorische Lerntyp packt am liebsten selbst an: Versuche und Experimente gehören zu den Lerneinheiten, die bei diesem Lerntyp am meisten Eindruck hinterlassen. Er benutzt seine Hände auch gerne beim Erzählen oder nutzt seine Finger zum Rechnen.

  4. Der kommunikative Lerntyp
    Der kommunikative Lerntyp ist ein guter Redner und hervorragender Zuhörer. Er geht gerne in den Austausch mit anderen, gestaltet aktiv den Unterricht mit, stellt durchdachte Fragen und diskutiert engagiert mit.

Du erkennst dich oder dein Kind in mehreren dieser Beschreibungen wieder? Kein Wunder: Die meisten Menschen sind nicht zu 100% ein einziger Lerntyp. Mischtypen sind oft die Realität, die wenigsten Schüler lassen sich isoliert in eine Schublade stecken.

Über unseren Experten

Gabriel Gelman ist Gründer des Sprachlern-Portals Sprachheld.de. Auf der Website gibt der Experte Tipps zum Sprechen, Verstehen und Sich-Selbst-Motivieren.

Dabei beantwortet er immer wieder die Frage: Was unterscheidet erfolgreiche Sprachlerner ("Sprachhelden") von solchen, die selbst nach vielen Jahren immer noch nicht die gewünschte Fremdsprache beherrschen? Sein Video "Der Unterschied zwischen erfolgreichen und erfolglosen Sprachlernen" gibt einen anschaulichen Eindruck dazu.

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