Wer schreibt, der bleibt

Müssen Kinder das Schreiben mit der Hand heute noch lernen?

Viele Abc-Schützen in spe können kaum erwarten, es zu lernen. Aber: Ist Schreibenlernen heute noch zeitgemäß – oder doch eher Zeitverschwendung?

Mit der Hand schreiben. Tun wir im Alltag kaum noch. Kommunikation funktioniert heute, indem wir "in die Tasten hauen“ oder auf einem Display hin und her wischen. Müssen Kinder angesichts der voranschreitenden Digitalisierung also das Schreiben von Hand überhaupt noch lernen? Unbedingt, sagen Experten. Denn es ist maßgeblich für die kognitive Entwicklung von Kindern. Eine motorische Höchstleistung, die Verknüpfungen und Prozesse im Gehirn auslöst, die beim Tippen auf dem Tablet oder Smartphone nicht stattfinden. Kurzum: Wenn wir einen Buchstaben oder eine Zahl mit dem Stift aufs Papier bringen, ist unser Gehirn viel stärker gefordert. Zudem belegen Studien, dass wir ein Thema durch handschriftliche Notizen besser erfassen und es uns besser merken können. Der Grund: Während des Schreibens setzt sich das Gehirn mit dem geschriebenen Inhalt auseinander und speichert das Wissen so nachhaltig im Gedächtnis ab – ein großer Vorteil fürs Lernen also.

Buchstabe für Buchstabe oder nach Gehör: Wie Grundschüler schreiben lernen

Bereits in der Kita oder Vorschule werden zukünftige Erstklässler anhand spielerischer Übungen an die Welt der Buchstaben herangeführt. Viele können schon vor der Einschulung Buchstaben, eine Zahl, erste Wörter oder sogar ihren eigenen Namen schreiben. Die didaktische Methode, mit der sie die Schriftsprache in der Grundschule erlernen, ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich – und Entscheidung der Schule. Mit welcher sie besser schreiben lernen, darüber streiten Experten seit Jahren. Eine – besonders umstrittene – Methode ist "Lesen durch Schreiben". Sie geht auf den Schweizer Pädagogen Jürgen Reichen zurück. Reichens Ansatz: Die Schüler sollen ein Wort mithilfe einer Anlauttabelle so schreiben, wie sie es hören, zum Beispiel: "Moagen gen wia in den Tso" ("Morgen gehen wir in den Zoo"). Die richtige Rechtschreibung spielt erst mal keine Rolle. Der Lehrer korrigiert keine Fehler, um die Schreiblust der Abc-Schützen nicht auszubremsen. So können Kinder zwar schon binnen kurzer Zeit Wörter und eigene Geschichten zu Papier bringen, häufig aber eben mit Fehlern in der Rechtschreibung. Für die Schüler ist es schwer, sich die einmal angewöhnte falsche Schreibweise wieder abzugewöhnen. Hamburg und Baden-Württemberg haben "Lesen durch Schreiben" deshalb bereits verboten, andere Bundesländer wollen nachziehen.

Eine weitere Lernmethode ist die "Fibelmethode". Dabei lernen Kinder einzelne Buchstaben und setzen diese zu einem Wort zusammen. Zunächst einfache Wörter, die man so schreibt, wie man sie spricht (beispielsweise "Affe" oder "Sonne"). Umlaute, Doppelvokale und andere sprachliche Besonderheiten folgen dann später. Die Lehrer achten von Anfang an darauf, dass die Kinder richtig schreiben. Um ihren Schülern die Schriftsprache beizubringen, bedienen sie sich in der Regel einer Mischung aus verschiedenen Methoden

Druckschrift statt Schreibschrift?

Erstklässler lernen in Deutschland zunächst die Druckschrift. Im zweiten Schritt erwerben sie eine Schreibschrift, aus der sie dann im weiteren Verlauf ihre individuelle Handschrift entwickeln sollen. Welche Schriftart gelehrt wird,  ist – wie auch bei den Methoden – Ländersache. Die Grundschulen haben die Wahl zwischen drei verschiedenen Schreibschriften – und: der Grundschrift, eine unverbundene Schrift aus Druckbuchstaben ohne Schleifen und Häkchen. Das Grundschrift-Konzept sieht einen direkten Übergang von der Druckschrift zur persönlichen Handschrift vor. Grundschulen entscheiden sich immer häufiger gegen eine Schreib- und für die Grundschrift. Kritiker, darunter auch Bestseller-Autorin Cornelia Funke, sehen das mit Sorge – und die Schreibschrift als Kulturgut bedroht. Damit diese nicht wie in Finnland abgeschafft wird, haben einige sogar die Aktion "Rettet die Schreibschrift" ins Leben gerufen – und Susanne Eisenmann, Präsidentin der Kultusministerkonferenz, im vergangenen November 15.100 Unterschriften übergeben. Inwiefern es tatsächlich nachteilig ist, dass Kinder keine Schreibschrift mehr lernen, darüber herrscht Uneinigkeit.

Laut Lehrplanvorgabe der Kultusministerkonferenz sollen Kinder jedenfalls bis zum Ende der vierten Klasse eine "lesbare Handschrift flüssig schreiben". Fakt ist: Nur wenn sich die Hand geschmeidig und automatisch bewegt, kann eine flüssige Schrift entstehen. Bei der Automatisierung von Schreibbewegungen geht es – unabhängig von der ausgewählten Schriftart – darum, körperlich zu erfahren, auf welche Bewegungsabläufe es ankommt. Und: ein Gefühl für Geschwindigkeit, Beschleunigung, Größenskalierung und Druck beim Schreiben zu entwickeln. So entstehen dann die Buchstaben – und mit zunehmender Routine auch längere und anspruchsvollere Texte.

Übung macht den Meister

Auf dem Weg dorthin kannst du dein Kind unterstützen. Am besten ohne Druck und dröges Buchstabenüben, denn das verdirbt nur den Spaß am Schreiben. Stattdessen mit kindgerechten Übungsheften für das entsprechende Alter – und: ganz alltäglichen Dingen wie Gemüse schnippeln, Teig kneten und Knetmännchen formen. Das trainiert nämlich die Schreibmotorik. Und eine gute Schreibmotorik ist wichtig, damit ein Kind mit flüssigen, unverkrampften Bewegungen ohne Druck schreibt. 

Schreiben lernen? Mach ich mit links!

Dein Kind ist Linkshänder? Dann zieht es den Stift nicht wie Rechtshänder, sondern schiebt ihn in Schreibrichtung. Das gilt es zu beachten:

  • Nicht versuchen, dein Kind auf die rechte Hand umzuschulen.
  • Die Schreibhaltung: Das Blatt nach rechts kippen, die schreibende Hand liegt unter dem Geschriebenen, schreiben "von unten".
  • Lockere und entspannte Stifthaltung: Schreibhilfen, die man auf den Stift aufsteckt, helfen beim Erlernen der richtigen Stifthaltung ohne Verkrampfungen und Extremstellungen der Finger.
  • Es gibt zahlreiche Produkte speziell für Linkshänder. In jedem Fall sinnvoll: ein Linkshänder-Füller sowie eine -Schere.
  • Dem Lehrer mitteilen, dass dein Kind Linkshänder ist.
  • Der beste Sitzplatz im Klassenzimmer ist an einem Zweiertisch auf der linken Seite.
Welches Schreibgerät ist das richtige?

Die Schule teilt dir mit, welches Schreibgerät dein Kind verwenden soll. Die ersten Schreibversuche unternehmen Erstklässler für gewöhnlich mit einem Bleistift. Einen Füllhalter benutzen sie erst, wenn sie das flüssige Schreiben beherrschen. Schreibgeräte für Schulanfänger sind inzwischen Hightech-Produkte, die über raffinierte Gadgets verfügen, um das Schreibenlernen bestmöglich zu unterstützen. Der Hersteller Pelikan beispielsweise setzt mit "griffix" auf ein vierstufiges, aufeinander aufbauendes Schreiblernsystem mit vier Stiften – einen für jede Phase des Schreiblernprozesses. Ein Wachsschreiber fördert beim Übergang vom Malen zum Schreiben die korrekte Schreibhaltung, anschließend trainiert ein Bleistift präzises Schreiben und bereitet auf das Schreiben mit Tinte vor, ein Tintenschreiber fördert schwungvolle, flüssige Schreibbewegungen, ein Füllhalter unterstützt das Kind schließlich beim formgerechten und schönen Schreiben. Die Griffmulden sind bei allen vier Modellen identisch und so geformt, dass das Kind immer die richtige Stifthaltung einnimmt. Tipp: Damit dein Kind das Schreibgerät findet, das am besten zu ihm passt, lass es vor dem Kauf verschiedene ausprobieren!

Unsere Expertin

Dr. Marianela Diaz Meyer, Leiterin des Schreibmotorik Instituts e. V., Heroldsberg, www.schreibmotorik-institut.com

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