Warum es ohne Sport nicht geht "Bewegung ist ein Muss!"

Studien zufolge leiden Kinder zunehmend unter Haltungsschäden und Unbeweglichkeit. Dr. Dieter Breithecker, Leiter der Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltungs- und Bewegungsförderung e. V., über Ursachen und Maßnahmen.

wireltern.de: Herr Dr. Breithecker, stimmt es, dass sich Kinder heutzutage zu wenig bewegen?
Dr. Breithecker: Bewegung ist für Menschen aller Alterstufen lebensnotwendig, insbesondere für Kinder als Heranwachsende. Leider bewegen sie sich immer weniger. Studien zufolge beträgt die  durchschnittliche tägliche Bewegungszeit gerade einmal 60 Minuten. Im Sitzen verbringen die Kinder dagegen ganze zehn Stunden. Wünschenswert wären drei Stunden Bewegungszeit am Tag. Und was besonders problematisch ist: Kinder bewegen sich immer weniger in Naturräumen, also im Wald, im Garten, an der frischen Luft.

Woran liegt das?
Eltern lassen ihre Kinder nicht mehr gern unbeaufsichtigt im Freien spielen. Das ist verständlich. Leider binden die Erwachsenen den Nachwuchs auf diese Weise immer mehr an das Zuhause. Und dort locken natürlich Medien wie Fernseher und Computer.
   
Warum ist Bewegung so wichtig für Kinder?
Sport, aber besser noch vielseitige Bewegung wie Klettern, Balancieren, Springen und Hüpfen ist wichtig, um das Heranwachsen von körperlichen, geistigen und psychischen Entwicklungsprozessen zu unterstützen. Bewegung eröffnet Möglichkeiten der Welt zu begegnen. Es geht um Einsicht in Zusammenhänge, die Erkenntnis von Ursache und Wirkung und das Erfahren der eigenen Wirksamkeit. Bewegung ist also ein absolutes Muss und sollte täglich stattfinden!

Welche Förderung ist nötig?
Der „Motor“ der Entwicklung ist die kindliche Neugier und der unsagbare Hunger nach vielfältiger Bewegung: Von Geburt an erfahren Kinder ihre Umwelt über Bewegung. Ihre Umgebung sollte daher reich an vielfältigen Anregungen für fantasievolle und selbstbestimmte Bewegungsformen sein. Je mehr Freiheit die Kinder haben ihre Umgebung zu erkunden, desto besser können sich die entwicklungsphysiologischen Voraussetzungen für Gesundheit, Lernen und Denken, Kreativität und psychosoziales Wohlbefinden entfalten.

Welche Folgen hat Bewegungsmangel?
Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen sowie schulärztliche Einschulungsuntersuchungen belegen eine deutliche Zunahme von Haltungs- und Bewegungsauffälligkeiten sowie auch psychosomatischen Beschwerden. Das belegen auszugsweise folgende Zahlen:

  • 43 Prozent der Grundschüler in der vierten Klasse leiden unter Kopf- und Rückenschmerzen.
  • Verhaltensauffälligkeiten nehmen bereits im Grundschulalter deutlich zu.
  • 48 Prozent der 11- bis 14-jährigen weisen bereits Haltungsstörungen auf.
  • Die Anzahl der übergewichtigen Kinder hat sich in den letzten 20 Jahren verdoppelt.
  • Seit 1995 ist ein Rückgang der Fitness bei 10- bis 14-Jährigen um mehr als 10 Prozent zu beobachten.
  • Viele Unfälle im Kindesalter sind auf ungeschicktes Bewegungsverhalten zurückzuführen.


Welchen Einfluss kann Sport auf die Psyche eines Kindes haben?
Kinder bewegen sich, weil sie Spaß haben wollen! Das prägt ihre emotionale Entwicklung. Bewegung vermittelt ihnen Gefühle wie Lust und Freude, andererseits lernen die Kinder, auch mit Misserfolg und Enttäuschung umzugehen. Sich bewegen erleichtert die Stressbewältigung,  fördert das soziale Miteinander und ein positives Körperbewusstsein. Zudem unterstützt regelmäßige Bewegung die Entwicklung von Selbstständigkeit, Selbstsicherheit und Selbstvertrauen.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Bewegung und Lernfähigkeit?
Neueste Untersuchungen von Neurophysiologen bestätigen das. Bewegungen, bei denen der Körper mit viel Sauerstoff versorgt wird, zum Beispiel Fahrrad fahren, haben einen positiven Effekt auf die Funktionstüchtigkeit des Gehirns – und somit auch auf den Prozess des Lernens. Das Gleiche trifft auch für koordinative Aufgabenstellungen wie Balancieren oder Ballspiele zu. Generell gilt: Bewegung unterstützt die Entwicklung des Zentralnervensystems. Sie ermöglicht eine Auseinandersetzung mit der Umwelt und damit das „Be-Greifen“ und das „Er-Fassen“ von Zusammenhängen. Nicht zuletzt fördert Bewegung Aufmerksamkeit und Konzentration und steigert die Lern- und Leistungsfähigkeit.

Was halten Sie vom Konzept der Bewegungskindergärten?
Das Konzept ist sehr positiv zu bewerten. Grundsätzlich müsste jeder Kindergarten ein Bewegungskindergarten sein! Speziell in diesem Altersabschnitt muss Bewegung ein grundlegendes pädagogisches Prinzip darstellen. Allerdings braucht es dazu auch gut geschulte Erzieherinnen.

Was muss sich in Bezug auf Bewegung in den Schulen, insbesondere in den Grundschulen, ändern?
In Grundschulen muss mehr Bewegung neben dem regulären Sportunterricht stattfinden. Kinder können in dem Alter nicht länger als maximal fünf Minuten still sitzen – Kippeln auf den Stühlen ist ein Ausdruck davon. Lernen sollte in Verbindung mit Bewegung stattfinden. Deswegen brauchen Kinder regelmäßige „Bewegungspausen“!

Wie könnte mehr Bewegung in den Schulalltag integriert werden?
Auf den Pausenhöfen oder auch in den Korridorbereichen der Schulen sollten offene Bewegungsarrangements für spontanes Bewegen vorhanden sein. Sportunterricht müsste mindestens drei Mal in der Woche angeboten werden. Wichtig ist, dass hier auch nur qualifizierte Sportlehrer unterrichten dürfen. Und: Schüler brauchen Pädagogen, die Gruppenunterricht, Freiarbeit und dynamische Unterrichtsorganisationsformen anwenden.

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