Oh, wie schön ist Panama! Zu Besuch im Bewegungskindergarten

Gerade mal eine Stunde bewegen sich Kinder pro Tag – erschreckende Ergebnisse der KiGGS-Studie des Robert Koch-Institutes. „So wenig?“, fragen die Kinder der Kindertagesstätte „Panama“ in Kerpen bei Köln. Denn hier werden die Weichen für ein bewegtes Leben schon früh gestellt. Ein Blick hinter die Kulissen.

Wehende Haare, nackte Füße, rote Wangen: Eine Gruppe Kinder flitzt fröhlich durch das Foyer – jedoch nicht ohne dabei noch einen Schlenker über die grüne Podestlandschaft zu unternehmen oder das bunte Klettergerüst zu erobern. Mittendrin steht Petra Bremke. „Bei uns geht kein Kind einfach durch das Foyer, hier ist Bewegung quasi vorprogrammiert,“ sagt die kommissarische Leiterin der KiTa und lächelt verschmitzt. „Dank unserer Fußbodenheizung können die Kinder auch barfuß laufen, wenn sie möchten. Das ist schließlich aus orthopädischer Sicht die gesündeste Art, sich fortzubewegen.“ Eine These, die Dr. Karin Martin vom Institut für Motorik und Bewegungstechnik der Sporthochschule Köln bestätigt. Laufen Kinder zu wenig barfuß, verlieren sie die Greiffähigkeit. Zudem können sie eine Sichelhaltung in den Füßen entwickeln, die zu Knie- und Hüftschäden führt. „Wichtig ist, dass Erzieher auch auf die richtige Fußstellung und Körperhaltung der Kinder achten.“

„Wann werfen wir die Stühle raus?“

Wer in der KiTa Panama nach Tischen und Stühlen sucht, wird nicht so leicht fündig. „Als die Entscheidung für ein neues pädagogisches Konzept klar war, haben wir einen Großteil unseres Mobiliars hinausgeworfen. Die klassischen Gruppenräume mussten Funktionsbereichen weichen, bei denen Bewegung und Wahrnehmung im Vordergrund stehen“, schildert Petra Bremke. Das Team konnte es kaum erwarten und packte tatkräftig mit an. Resultat: Ein Kinderparadies mit vielfältigen Bewegungsbaustellen und Anreizen für die kindliche Entwicklung.

Bewegung macht fit und schlau

Foto: Wim Wöber

Ben will rutschen, Thomas Fußball spielen und Lena auf die Hügel laufen: Auch ein großzügiges Außengelände mit unzähligen Möglichkeiten zum Spielen gehört zum Bewegungsbereich der KiTa. „Das Spiel im Freien ist das, was vielen Kindern fehlt. Eltern lassen ihren Nachwuchs heute ungern auf der Straße spielen, das ist verständlich. Wir geben Kindern die Möglichkeit, ihren Bewegungsdrang auszuleben“, sagt  Petra Bremke.

Dass sich die Kindergeneration von heute immer weniger in Naturräumen bewegt, stellt auch Dr. Dieter Breithecker fest. Der Leiter der Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltungs- und Bewegungsförderung e.V. empfindet dies als besonders problematisch. „Bewegung muss täglich stattfinden und das möglichst viel in der Natur.“

Der Geist profitiert davon: Bewegungen, bei denen der Körper mit viel Sauerstoff versorgt wird oder die die koordinativen Fähigkeiten fördern, haben einen positiven Effekt auf die Funktionstüchtigkeit des Gehirns – und somit auch auf den Lernprozess.

Also: Bewegung ist und macht schlau! Und wer sich viel bewegt, der hat auch Hunger. „Wir bieten den Kindern täglich gesunde Nahrung, das ist wichtig. Die Ernährung leistet einen großen Beitrag zur natürlichen Entwicklung der Kinder“, erzählt Petra Bremke.,

Motorische Fähigkeiten stärken

Fotos: Wim Wöber

„Mein Sohn ist viel selbstsicherer geworden. Das gesamte Konzept stimmt einfach, es tut ihm gut, sich viel zu bewegen“, sagt Manuela Roggow, Mutter des dreijährigen Luis. Munter trabt besagter Knirps aus der Turnhalle, mit einem Klettergerüst, einer Kletterwand und unterschiedlichsten Materialien zur Bewegungsförderung lockt. Ein Großteil des Budgets verwendet Petra Bremke für die Anschaffung von zusätzlichen Utensilien. „Im Moment haben wir eine Landschaft aus einer Matte und Keilen aufgebaut, auf der die Kinder mit ihrem Gleichgewicht experimentieren können. Hier haben wir die Möglichkeit, immer wieder andere Konstruktionen aufzubauen, an denen motorische Fähigkeiten geübt werden sollen,“ erläutert sie. Viele Unfälle im Kindesalter seien auf ungeschicktes Bewegungsverhalten zurückzuführen, so Dr. Dieter Breithecker. Es ist nicht verwunderlich, dass die Unfälle in der KiTa Panama zurückgegangen sind.

Die Welt mit allen Sinnen entdecken

Fühlen, riechen, hören: Ihre Welt erfahren Kinder vor allem über Bewegungs- und Sinneseindrücke. Diesem Bedürfnis begegnen sie im Sinnesraum. Dort finden sie viele Materialien vor, die an ihre Sinne appellieren und ihre Wahrnehmung schulen. Wenn Julia und Mia sich genug durch das Geruchsmemory geschnüffelt oder die Tastsäckchen erfühlt haben, können sie den Rückzugsraum mit Wasserbett nutzen. Durch Musik und verschiedene Lichtinstallationen werden hier ihre auditiven und visuellen Fähigkeiten angeregt. Und kreativ sind die kleinen Panamarianer natürlich auch: In den weiteren Einheiten der Einrichtung ist Platz zum Spielen, Werkeln und Basteln.

Jeder in seinem Tempo

Foto: Wim Wöber

„Die Kinder wissen meist, was ihre Bedürfnisse sind. Im Rahmen unseres offenen Konzepts können sie entscheiden, wie sie ihren Tag gestalten wollen,“ sagt Petra Bremke. Zu den Offerten zählen auch die Besuche im Schwimmbad oder in einer Schulturnhalle. Realisiert werden diese in Kooperation mit dem ortsansässigen Schwimm- und Sportverein Kerpen (SSK).

Auch in Sachen Feinmotorik erhalten die Kinder Förderung: Erzieherin Petra Franz hat eine Zusatzausbildung in Psychomotorik und arbeitet gern mit Alltagsgegenständen. „Mit einfachen Materialien wie Zeitungen, Becher oder Korken lernen die Kinder Fingerfertigkeiten und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Dafür muss man jedes Kind in seinem eigenen Tempo machen lassen.“

Besonders spannend: Die Kinder können sogar ihren Führerschein machen – für das vierrädrige Rollbrett. Machen die Kinder Unsinn damit, kassiert Petra Bremke den Führerschein ein. „Es gibt ganz klare Regeln für alle Bereiche unserer Einrichtung, damit das Miteinander auch funktionieren kann.“

Zertifikat „anerkannter Bewegungskindergarten“

Es erscheint logisch, dass der Landessportbund die KiTa Panama im Jahr 2006  mit dem Zertifikat „anerkannter Bewegungskindergarten“ ausgezeichnet hat. Eine der Voraussetzung dafür: eine enge Kooperation mit einem Sportverein. Auch die Ausbildung der 15 Erzieher spielt eine Rolle. Fast alle bringen eine Zusatzausbildung für Bewegungserziehung oder Psychomotorik mit.

Hauptsache bewegen!

„Bewegung ist besonders für Heranwachsende ein absolutes Muss. Sie unterstützt die Entwicklung körperlicher, geistiger und physischer Prozesse. Grundsätzlich müsste jeder Kindergarten ein Bewegungskindergarten sein,“ fasst Dr. Dieter Breithecker zusammen. 

Die Folgen mangelnder Bewegung sind bekannt: Fast 50 Prozent der Elf- bis Vierzehnjährigen weisen Haltungsstörungen auf und die Anzahl der übergewichtigen Kinder hat sich in den letzten 20 Jahren verdoppelt. Dabei gibt es keine Bewegungsart, die für Kinder ungeeignet ist: „Für komplexe Dinge fehlt ab und an die Reife. Es ist aber stets eine Frage des „Wie“ und nicht des „Was““, sagt Privatdozentin Dr. Dr. Christine Graf vom Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin der Sporthochschule Köln.

Aspekte, über die sich die Kinder in der KiTa Panama keine Sorgen machen müssen – mit ihrer Anmeldung in einem Bewegungskindergarten haben ihre Eltern schon den ersten Schritt für eine bewegte Zukunft getan.

Gabriele Wagner

Experteninterview

Dr. Dieter Breithecker
Dr. Dieter Breithecker

„Bewegung fördert ein positives Körperbewusstsein!“, sagt Dr. Dieter Breithecker, Leiter der Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltungs- und Bewegungsförderung e.V.

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