Dein wirEltern-Newsletter

Alles über die Themen Schwangerschaft, Erziehung & Gesundheit

Ein Appell

Keine Panik vorm Sportunterricht

Unsere Autorin Silke wurde im Sportunterricht stets als letzte ins Team gewählt. Trotzdem hat sie keinerlei negative Erinnerungen an den Schulsport. 20 Jahre später schreibt sie einen Appell: Daran, den Noten auf dem Zeugnis nicht allzu viel Wichtigkeit beizumessen.

Liebe Eltern,

erinnert ihr auch an die Ehrenurkunde, die man bei den Bundesjugendspielen überreicht bekam? Dieses wichtig wirkende Dokument mit dem geprägten Siegel? Man konnte es ausklappen und dann prangte in der Mitte der eigene Name nebst der erzielten Punktzahl. Erinnert ihr euch?

Ich hatte nie so eine Urkunde. Alle meine Freundinnen schon. Immer. Bei mir aber reichte es Jahr für Jahr nur für die "Siegerurkunde". Keine Ahnung, wie viele (oder wie wenig) Punkte man dafür erreichen musste. Besonders hoch war die Hürde nicht, denn es fühlte sich eher wie ein Teilnahmezertifikat denn wie eine Auszeichnung an.

Ich war nicht einmal enttäuscht. Ich meine: Ich konnte ja noch nicht einmal den Aufschwung am Heck (kann ich übrigens bis heute nicht). Ich kann nicht weit werfen und nicht hoch springen, nicht schnell sprinten und nur schlecht fangen. Und beim Bodenturnen, während meine Freundinnen ihre "Kür" ausarbeiteten, übte ich fleißig die Rolle rückwärts. Immerhin.

Und trotzdem. Heute, etwa 20 Jahre später, bin ich ein richtig sportlicher Mensch. War ich schon immer. Eben außerhalb der Schule. Nachmittags habe ich Volleyball gespielt und Tennis, bin Langstreckenlaufen gegangen und habe sogar Einrad fahren gelernt. Alles Dinge, die – zumindest an meiner Schule – in der Form nicht angeboten wurden. (Bis auf das Volleyballspielen. Doch gerade als der Kurs endlich auf dem Stundenplan stand, brach ich mir beide Handgelenke – das ist eine andere Geschichte.)

Magazin SCHULE im Abo

Das Magazin SCHULE ist kompetenter Ratgeber und verständnisvoller Begleiter für Eltern von Schulkindern.

Mehr Infos

Als vor einigen Wochen die Diskussion rund um das Thema Völkerball im Schulsport hochkam, fielen viele Einleitungen der Zeitungsartikel ähnlich aus: "Der Schulsport kann sehr, sehr, sehr demütigend sein" schrieb sueddeutsche.de, und faz.net betitelte den Sportunterricht für mache Schüler sogar als "Albtraum". Sonderbarerweise trifft keine dieser Behauptungen auf mich zu. Und das, obwohl die Bundesjugendspiele keineswegs mein einziges Manko in Sachen Schulsport waren. Ich wurde in jede Mannschaft als letzte gewählt – wer will schon eine im Team haben, die weder schnell laufen noch gut werfen kann? Ganz egal um welche Sportart es geht. Und ja, natürlich war ich auch im Völkerball immer diejenige, die als eine der allerersten abgeworfen wurde und dann (meist erfolglos) versuchte, sich wieder ins Spiel zu bringen.

Ich habe es geschafft, mir von meinen objektiv gesehen schlechten sportlichen Leistungen im Schulunterricht nicht die Freude am Sport vermiesen zu lassen. (Genauso wie mir die oft langweilige Lektüre inklusive zermürbender Analyse im Deutsch-LK nicht die Freude am Lesen nehmen konnte.) Das lag vor allem auch daran, dass meine Eltern mir nie Vorwürfe machten. Im Gegenteil: Meine popelige Siegerurkunde wurde jedes Jahr aufs Neue gefeiert wie Olympisches Gold. Und genau deshalb wäre ich auch nie auf die Idee gekommen, das Angebot der Schule zu hinterfragen. Mich gar hinzustellen und einzufordern: "Schafft die Bundesjugendspiele ab! Das ist demütigend!" Ganz einfach, weil mich meine schlechte sportliche Leistung in diesem Rahmen nicht gedemütigt hat. Sie war mir schlicht egal. Meinen Freunden (die mit der Ehrenurkunde) übrigens auch. Jeder Wettbewerb und jede Sportart bringt nun einmal Gewinner und Verlierer hervor. Ich war halt oft der Verlierer. Na und?

Um das klarzustellen: Mir ist bewusst, dass ein Sport wie Völkerball, in dem es darum geht, andere mit einem Ball abzuwerfen, noch eine andere Dimension aufwirft. Meiner Meinung nach hat eine Schule, an der Schüler dies ausnutzen, jedoch andere Problemfelder als das Sportangebot. Denn ein Verbot der Sportart verlagert das Problem nur auf eine andere Spielfläche, und sei es eine digitale. Wem das Thema Völkerball weiterhin sauer aufstößt, empfehle ich das Interview mit Petra Schulze auf zeit.de. Laut der Sportlehrerin ist der Vorgang des Gewähltwerdens (oder eben nicht) in eine Mannschaft deutlich demütigender als ein Sport wie Völkerball. Und dafür, dass selbst die Letztgewählten leidenschaftliche Sportler werden können, bin ich der lebende Beweis.

Übrigens: Im Abitur hatte ich eine 1 in Physik. Hat mich nur nie wieder jemand nach gefragt. Genauso wenig wie nach meiner Sportnote.

Eure Letztgewählte.

kinder! im Abo

kinder! setzt sich intensiv mit den erzieherischen und unterhaltenden Themen auseinander, die Eltern und Kinder interessieren und beschäftigen.

Mehr Infos
Profilbild

Unsere Autorin

Silke Schröckert

Silke Schröckert wollte Journalistin werden, seit sie im Alter von acht Jahren das erste Mal Lois Lane in "Superman" gesehen hatte. Mit 23 wurde sie Chefredakteurin eines Kinderzeitschriftenverlages.

Heute ist Silke spezialisiert auf Familienthemen und textet für Kinder- und Comic-Magazine. Das freut vor allem Sohn Tom und Tochter Mina. Auf ihrer eigenen Seite schreibt sie für die Generation Großeltern. Bei wireltern.de nimmt sie sich aktuellen Themen aus Sicht einer Zweifach-Mama an.

Teile diesen Artikel:

]