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Zahlenspiele

Mathe macht Spaß

Wenn Eltern das Rechnen in den Alltag integrieren, verliert die Welt der Zahlen schnell ihren Schrecken.

 

Christoph Selter ist Mathematikprofessor und weiß genau, was Kindern den Zugang zu Addition, Divison & Co. erleichtert: „Jungen und Mädchen müssen die Welt der Zahlen aktiv, also durch eigenes Handeln entdecken.“ Väter und Mütter können dabei wichtige Hilfestellung leisten: „Das Beste, was Eltern tun können, ist, ihre Kinder in all das einzubeziehen, was im Alltag an Mathe passiert“, erklärt Professor Selter, der an der Technischen Universität Dortmund zukünftige Mathelehrer ausbildet und erforscht, wie Unterricht aussehen muss, damit Kinder am Ende ihrer Schulzeit Mathe sicher beherrschen. Eltern rät Selter: „Lassen Sie Ihr Kind beim Einkaufen helfen: ‚Hol doch bitte 5 Birnen!’ Oder beim Bezahlen, Tisch decken, Kochen und Backen: ‚Schau, hier steht die 500, so viel Gramm Mehl brauchen wir – wiegst du die Menge ab?’“

 

Lernen im Alltag

Was es bringt, bereits Vierjährige etwa beim Einkaufen mitmachen zu lassen, weiß auch der Kinderarzt Dr. Rupert Dernick: „Die Kinder lernen, sich Aufträge zu merken und trainieren damit ihr Gedächtnis. Sie üben sich im Umgang mit Zahlwörtern und deren Bedeutung für echte Mengen. Dieses Wissen hilft ihnen später, Mengen schnell zu erfassen.“

Sein Fördertipp für Vorschulkinder und Erstklässler: „Wenn Eltern und Kind beim Treppensteigen im Gleichschritt Stufe für Stufe erklimmen und dabei vorwärts und später auch rückwärts zählen, lernt das Kind eine Menge über Mathematik. Ein Beispiel: Sie gehen: 7+3, also 8, 9, 10. Oder Sie gehen: 7-3, also 6, 5, 4. So wird klar: Bei plus geht’s rauf – zum Nachfolger. Bei minus geht’s runter – zum Vorgänger.“ Die Erwachsenen sollten aus „Mathe im Alltag“ jedoch keinen Lehrgang und auch kein „Event“ machen, meint Prof. Selter. Effektiver sei es, einfach nur zu tun, was natürlich ist und zur jeweiligen Situation passe. „Wenn ein Kind ‚Die Männers lieften nach Hause’ sagt, beginnen Eltern ja auch keine Grammatikstunde. Sie sagen nur ‚Genau, die Männer liefen nach Hause’.“

Natürliche Situationen sind solche, die nicht von Erwachsenen künstlich erzeugt werden: Eltern sollten ihr Kind also nicht völlig sinnfrei rausschicken, um alle Blumen zu vermessen – es sei denn, der Nachwuchs will unbedingt erforschen, wie groß Tulpen & Co. in der Regel werden.

 

Zusammenhänge erkennen

Die vielleicht noch fehlerhaften Rechenkünste ihres Sprösslings gilt es für Eltern, sensibel zu thematisieren: „Wenn ein Fünfjähriger mutmaßt, dass 3 + 4 = 6 ist, müssen Eltern nicht gleich ‚falsch’ rufen“, sagt Professor Selter. „Kinder denken anders: anders als Erwachsene, anders als wir es vermuten, anders als andere Kinder.“ Die Alternative: „Fragen Sie: ‚Wie bist du darauf gekommen?’“, schlägt Selter vor. Aus der Antwort können die Großen einiges lernen, zum Beispiel, dass das, was nach Blödsinn klang, doch ziemlich schlau gedacht war.

Damit Kinder ein Gespür für Zahlen entwickeln, „müssen Erwachsene ihnen sinnvolle Fragen stellen und die Kinder das dazugehörige Wissen selbst entdecken lassen“, bringt Selter es auf den Punkt.
Wie stark es auf das „Wie“ des Mathelernens ankommt, zeigte auch eine englische Studie: Durch aktiv entdeckendes Lernen entwickelten selbst lernschwache Kinder immer wieder Fähigkeiten, die sonst nur Hochbegabten zugeschrieben werden.

Wer Kindern also hilft, selbstständig und spielerisch Zusammenhänge zwischen Zahlen zu entdecken und wer sich daran erfreut, wenn sie Spaß am Zählen offenbaren, ist auf dem besten Weg, ihnen Mathe leicht und schmackhaft zu machen.

 

Interview: „Mit einem Augenzwinkern“

Viele Eltern kennen das: Nachmittag für Nachmittag trainieren sie mit ihrem Sprössling Rechenaufgaben – ohne einschneidenden Erfolg. Was Kindern hilft, Mathematik wirklich zu begreifen, erklärt die Diplom-Psychologin Helena Harms.
 

wireltern.de: Frau Harms, wie bringen Eltern Spaß und Spannung ins „Mathe-Üben“?
Helena Harms: Die besten Methoden und Spiele nützen nichts, wenn wir Erwachsenen überzeugt sind, dass Lernen schwer sein muss. Insofern rate ich Eltern: Stellen Sie sich wirklich auf ein Spiel ein und greifen Sie Übungsaufgaben mit einem Augenzwinkern aus dem Leben: „Von meinen 10 Gummibärchen sind nur noch 6 da. Wer war das?“ Und: „Wie viel hat er genommen?“ Oder erzählen Sie eine Rechengeschichte, in der Ihr Kind und seine besten Freunde die Hauptpersonen sind: „Jana und Mia gingen in die Stadt. Mia kaufte ...“ Die meisten Kinder lieben es, so ins Geschehen einbezogen zu werden.

Und wenn das Üben trotzdem schwerfällt?
Schwierigkeiten beim Üben bedeuten meistens, dass an der falschen Stelle geübt wird. Die richtige finden Sie, indem Sie klären, woran es bei Ihrem Kind grundsätzlich hapert. Kann ein Kind etwa Aufgaben im 20er-Bereich nur mit den Fingern lösen, wird es sich beim Rechnen bis 100 immer wieder verzählen. Das „Fingerrechnen“ ohne Zahlenbild im Kopf ist dann seine Schwachstelle, an der gearbeitet werden muss – und das möglichst spielerisch, zum Beispiel mit einem „Zahlen-Lotto“. Wichtig: Planen Sie täglich nur zehn bis 15 Minuten für das Üben ein. Bleiben Sie in dieser Zeit gelassen und verrechnen Sie sich ruhig einmal selbst! Das animiert Kinder nämlich dazu, mitzurechnen. Außerdem lernen sie dadurch, dass es völlig normal ist, Fehler zu machen.

Was brauchen Kinder, die regelmäßig Probleme mit Mathe haben?
Manche Kinder sehen in der 25 keine zwei vollen 10er-Säcke und 5 lose Murmeln, sondern nur eine unklare Mischung aus 2 und 5. Wie sollen diese Kinder 25+64 ausrechnen? Das geht nur nach Erwachsenenregeln, die ihnen sinnlos erscheinen. Entsprechend umständlich rechnen sie Schritt für Schritt und können, weil ihnen das Verständnis fürs Ganze fehlt, ihre Rechenergebnisse nie überprüfen. Diese Kinder brauchen Hilfe beim Erforschen von Rechenregeln und Erfolgserlebnisse. Erfolge bringen neues Selbstvertrauen. Kinder, die schon gemerkt haben, dass sie sich mit Mathe schwertun, müssen außerdem viele Male erfahren, dass Fehlermachen keine Katastrophe darstellt, sondern zum Rechnenlernen einfach dazugehört. Erst durch Fehler merken wir, dass wir etwas nicht verstanden haben. Also stellen wir Fragen, die zu einem besseren Verständnis führen.

Rechenregeln erforschen – wie geht das?
Zum Beispiel so: Nehmen Sie Spielgeld in verschiedenen Farben und legen Sie Ihrem Kind drei rote und fünf grüne Münzen vor. Wie viele sind das? Acht, richtig! Und dann stellen Sie die Forschungsaufgabe: Gibt es noch mehr Möglichkeiten eine 8 aus zwei Münzfarben zu legen? Wie viele gibt es insgesamt? Notieren Sie alles Herausgefundene. Sind alle Varianten gefunden? Es sind übrigens sieben! Was Ihr Kind dabei lernt? Wie Zahlen sich zusammensetzen: Eine 8 kann in 4 und 4 zerlegt werden, aber auch in 1 und 7 ...

 

Brennpunkt: Hausaufgabenkontrolle

 

„Das ist falsch“, sagen Eltern oft. Sollten sie aber nicht! „Denken Sie einmal daran, wie Sie sich fühlen würden, hielte man Ihnen ständig vor, was Sie im Beruf oder im Alltag alles falsch machen“, sagt Mathematikprofessor Christoph Selter. Der Experte rät, den Kindern positive Rückmeldungen zu geben: „Sagen Sie Ihrem Kind zuerst, was es schon gut gemacht hat. Danach können Sie ansprechen, was noch verbessert werden muss. Zu Fehlern fragen Sie: ‚Wie bist du auf diese Lösung gekommen?’“. Wichtig ist, dem Kind aufmerksam zuzuhören und gemeinsam zu überlegen, ob das Ergebnis stimmen kann. Klappt das nicht im Kopf, können großer und kleiner Rechenkünstler zusammen Beweise sammeln – also die Aufgaben mit Bauklötzen oder Nudeln nachstellen.

 

Buchtipps

Helena Harms: „Spielend rechnen lernen: Zahlenspaß für Grundschulkinder und ihre Eltern“, Ernst Reinhardt Verlag 2008, 12,90 Euro.

Rupert Dernick und Werner Tiki Küstenmacher: „Topfit für die Schule – durch kreatives Lernen im Familienalltag“ Kösel 2008, 15,95 Euro.

Günter M. Ziegler: „Darf ich Zahlen? Geschichten aus der Mathematik“, Piper 2011, 9,95 Euro.

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