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Helen Walsh

Warum sollten junge Mütter Hilfe annehmen, Helen Walsh?

Die erste Zeit mit Baby hatte sich Autorin Helen Walsh (35) ganz anders vorgestellt. Statt auf Mallorca unter Zitronenbäumen zu träumen, litt sie unter Erschöpfungszuständen und depressiven Stimmungen. Erst durch Hilfe von außen kam sie wieder aus dem Tief.

Junge Familie: Wie hatten Sie sich die erste Zeit mit Ihrem Baby erträumt?
Helen Walsh: Mein Mann und ich wollten mit unserem Sohn den ganzen Sommer auf Mallorca verbringen. Die Finca war schon angemietet, und ich malte mir während der Schwangerschaft aus, dass ich glücklich und zufrieden mit meinem Baby unter einem Zitronenbaum im Schatten sitzen würde.

Doch die Realität sah anders aus ...
Ja, die ersten Wochen und Monate nach der Geburt waren für mich eine ganz düstere Erfahrung. Mein Sohn hat nur sehr unregelmäßig für längere Zeit geschlafen, und wenn er wach war, wollte er ständig gestillt werden. Da er viel gespuckt hat, hatte er oft Hunger. Ich selbst bin daher kaum zum Schlafen gekommen, ich war völlig erschöpft und unglaublich übermüdet. Meine Stimmung war beinahe schon depressiv. An einen Flug ins Ausland war da gar nicht zu denken. Ich war froh um jeden Tag, den ich halbwegs gemeistert habe.

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie Hilfe brauchen?
Eigentlich war mir ziemlich schnell klar, dass ich ein großes Problem habe. Aber es hat Wochen gedauert, bis ich mit meinem Partner und meiner Familie darüber reden konnte.

Warum haben Sie so lange gezögert?
Es war mir zutiefst peinlich, dass ich mit dem Babyalltag nicht zurechtkam. Ich hatte diesen süßen kleinen Sohn, warum sollte ich da unglücklich sein? Ich hatte das Gefühl, dass alle von mir erwarteten, glücklich zu sein. Ich wollte einfach nicht als schlechte Mutter abgestempelt werden.

Wie wurde Ihnen geholfen?
Als ich mich nach vier Monaten endlich meiner Ärztin anvertraute, bestand sie darauf, dass ich sofort mit dem Stillen aufhöre, damit ich endlich mal wieder eine Nacht am Stück schlafen kann.

Und, haben Sie den Rat angenommen?
Ja, es gab keinen anderen Weg. Zum Glück haben mein Mann und meine Mutter sich spontan dazu bereit erklärt, nachts abwechselnd unserem Sohn das Fläschchen zu geben. Sie haben beide gesehen, dass ich völlig am Ende war. Doch solange ich gestillt hatte, konnten sie mir den Job ja nicht abnehmen. Nach der ersten durchgeschlafenen Nacht habe ich vor Glück geweint, ich fühlte mich so unglaublich viel besser. Es ist wirklich Wahnsinn, was Schlafmangel aus einem Menschen machen kann.

Ist es Ihnen schwergefallen, mit dem Stillen aufzuhören?
Ja, das war für mich ziemlich hart, denn ich hatte mir vorgenommen, meinen Sohn wenigstens ein halbes Jahr lang zu stillen. Als er seinen ersten Husten hatte, gab ich mir die Schuld daran. Hätte ich weiter gestillt, wäre sein Immunsystem vielleicht besser gewesen. Doch was nützt es dem Baby, dass es gestillt wird, wenn sich die Mutter dabei völlig verausgabt?

Sie haben Ihre Erfahrungen in einem Roman verarbeitet, was hat Sie dazu bewogen?
Ich war unglaublich wütend darüber, dass nicht einmal junge Mütter untereinander wirklich offen darüber reden, wie anstrengend die erste Zeit mit Baby sein kann. Als ich das Buch veröffentlicht hatte, war das, als ob ein Damm gebrochen wäre. Ich habe Tausende von Briefen und E-Mails bekommen von anderen Frauen, denen es genauso ging wie mir. Selbst Großmütter waren dabei, die mir gedankt haben, dass ich so offen und ehrlich über das Muttersein geschrieben habe.

Was würde Ihrer Erfahrung nach jungen Müttern helfen?
Ich wünsche mir, dass schon in den Vorbereitungskursen ehrlich darüber gesprochen wird, wie hart der Alltag mit Baby sein kann. Und vor allem, dass es für alle Mütter die Möglichkeit gibt, Kinderfrauen für die Nächte zu buchen. Damit sie die Chance haben, ihr Schlafdefizit auszugleichen. Wer keinen Partner hat oder keine Großeltern, die einspringen, ist sonst verloren. Schlafentzug ist die effektivste Form der Folter. Manchmal braucht es nur eine ungestörte Nacht, damit man wieder die Energie hat weiterzumachen. Bei mir hat das auch geholfen: Als ich endlich genug Schlaf bekam, war ich auch wieder zuversichtlich, dass ich alles im Griff habe.

Zur Person

Helen Walsh (35), lebt mit Mann und Sohn (4) in England. Ihre Erfahrungen nach der Geburt ihres Babys hat sie in ihrem Roman „Ich will schlafen“ (Kiepenheuer und Witsch Verlag, 19,99 Euro) verarbeitet.

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