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Joachim Masannek

Wollen die wilden Kerle Kinder erziehen, Herr Masannek?

Autor und Regisseur der „Wilden Kerle“ Joachim Masannek (52) über das Erwachsenwerden und Werte in der Kindheit.

KiNDER: Wie kamen Sie dazu, Kinderbücher zu schreiben?
Joachim Masannek: An der Filmhochschule habe ich in den 80ern Kinderfilme gemacht. Später wurde mir gesagt, das ginge in Deutschland nicht, die großen Kinderfilme kommen aus Schweden oder aus der Tschechoslowakei. Damals habe ich eine Fußballmannschaft, die „Wilden Kerle“ gegründet und trainiert – da sich meine Söhne eine Mannschaft wünschten, die genauso gefürchtet ist wie der FC Bayern. Unsere Mannschaft hatte ein eigenes Logo, einen eigenen Ball etc., inspiriert vom Kinderbuch „Wo die wilden Kerle wohnen“. Ich hatte schon als Drehbuchautor gearbeitet und durch diese Mannschaft kam ich darauf, über „meine“ wilden Kerle zu schreiben. Meine Kinder hatten keinen Bezug zu anderen Kinderbüchern, die haben ihnen nicht gefallen. Aber sie mochten Geschichten, in denen sie selbst vorkamen. Der Vater eines Mannschaftskollegen war Filmproduzent, und so ergab sich auch für die Filme eine Zusammenarbeit.

Haben Ihre Söhne dann wirklich alle Ihrer „Wilden Kerle“-Bücher gelesen?
Der Ältere schon, der Jüngere nicht. Sie haben beide generell nicht gerne gelesen, sondern sich lieber Hörbücher oder Filme besorgt. Dem Jüngeren habe ich die ersten zwei Bände vorgelesen, dann wurde ihm die ganze „Wilde Kerle“-Welt zu viel. Aber beide haben begeistert in den Filmen mitgespielt. Das war für sie ganz wichtig, auch wegen der Freundschaften, die dadurch entstanden sind.

Mögen Ihre Söhne die Schauspielerei noch immer? Glauben Sie, sie werden beruflich in Ihre Fußstapfen treten?
Beim ersten Casting waren sie ganz aufgeregt, dass sie genommen wurden. Und für die Zeit war es auch gut, aber danach wollten sie wieder etwas anderes machen. Ich glaube nicht, dass sie in meine Fußstapfen treten werden. Der Ältere studiert Architektur und Bauingenieurswesen, der Jüngere macht gerade eine Weltreise und hat sich bisher fürs Bankgeschäft interessiert. Das Filmgeschäft war ihnen zu unsicher.

Sind die „wilden Kerle“ Vorbilder für Kinder?
Ich finde schon. Jetzt zum 14. Band und dem Start der Zeichentrickreihe gebe ich viele Lesungen. Da kennen alle die Filme, als wären sie gestern erst im Kino gewesen. Es stört auch niemanden, dass die Darsteller so alt geworden sind. Kinder wollen in Filmen eigentlich keine Kinder sehen, denn sie sehen sich selbst genauso wichtig wie Erwachsene. Die „wilden Kerle“ handeln immer vom Erwachsenwerden. Es geht um Angst und Schwächen und darum, diese einzugestehen und daraus zu lernen. Die Kinder merken dann, dass sie mit ihren Schwächen eigentlich stärker sind, als wenn sie diese verbergen würden.

Interessieren sich eigentlich auch Mädchen für die Wilden Kerle?
Ja, es gab einen richtigen Groupie-Effekt: Als wir getourt sind, standen 1.000e Mädels vor den Kinos und haben gekreischt. Auf Facebook habe ich etwa 1.000 Freunde – die meisten sind Mädchen, die die Adressen meiner Söhne haben wollen. Die Mädels (im Gegensatz zu ihren Müttern) stört das nicht, dass die Jungs inzwischen älter sind. Die Zielgruppe lag bei den Jungs zwischen vier und elf Jahren, bei den Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren. Es war gar nicht so einfach, Filme für vier bis 17-Jährige zu machen!

Wollen Sie Kinder mit Ihren Büchern erziehen? Welchen Einfluss hoffen Sie, auf Ihr Publikum/Ihre Leser zu haben?
Es geht immer darum, dass man zu seinen Ängsten und Schwächen stehen soll und ruhig Fehler machen darf, die man auch wieder gut machen kann. Aber es geht eben auch darum, dass man Konsequenzen tragen muss. Bestes Beispiel: Fußball. Wenn man aus Versehen jemanden foult, kann man trotzdem eine rote Karte bekommen. In unserer Welt werden Kinder zu oft in der Hinsicht verwöhnt, dass die Eltern nicht konsequent sein wollen. Dadurch kriegen sie Angst vor Konsequenzen, statt zu lernen, Konsequenzen auszuhalten. Wir lassen die Kinder heute nicht mehr fallen, sondern fangen sie auf. Das führt dazu, dass sie eine ungeheure Angst vorm Fallen entwickeln. Dabei sollten sie viel eher lernen: „Ich schaffe es, das wieder gut zu machen, ich kann das meistern.“ Wenn man Konsequenzen trägt, übernimmt man Verantwortung. Das ist erwachsen, und danach streben Kinder ja auch. Die „Wilden Kerle“ erziehen sich selber, denn sie haben ihre eigenen Regeln mit Konsequenzen. Wenn einer austritt, ist er ein Verräter. Die Kinder müssen sich mit Trennung auseinandersetzen und damit, dass man nicht dauerhaft aneinander gefesselt ist.

Gefallen Ihnen die „Wilden Kerle“ als Bücher oder als Filme besser?
An den Büchern mag ich gerne, dass jeder mal der Held und die Hauptperson sein kann. Außerdem muss ich nicht auf die Kosten achten. An den Filmen mag ich lieber, dass die Geschichten viel detaillierter erzählt und emotionaler sind. Wenn ich das im Roman gemacht hätte, wäre das Buch dreimal so dick geworden, das geht nicht. Beim Film arbeitet man mehr im Team und kann so bessere Ergebnisse erreichen als bei einem Buch.

Als Kinderbuchautor muss man ein gutes Einfühlungsvermögen haben. Sind Sie selbst noch ein großes Kind?
Ich habe mein ganzes Leben lang darauf gewartet, dass sich etwas ändert und ich weiß „Jetzt bin ich erwachsen“. Das ist aber nicht passiert. Ich glaube, in unserer Gesellschaft fehlen die Initiierungsriten. Bei uns gibt es nur den Schulabschluss und den Führerschein. Sonst verschwimmen die Grenzen von Kindheit und Erwachsensein immer mehr. Kinder dürfen heute viel früher Dinge, die ursprünglich Erwachsenen vorbehalten waren. Das ist nicht gut. Die Kinder sehnen sich danach zu wissen, wann sie erwachsen sind. Ich bin erst durch meine Kinder erwachsen geworden. Es war bei mir das erste Mal, dass ich für jemanden, den ich liebe und der von mir abhängig ist, die Verantwortung übernommen habe.

Begrenzen Sie den Medienkonsum Ihrer Kinder oder halten Sie ihn im Gegenteil für sehr wichtig?
Meine Söhne hatten früher keine Gameboys und haben auch nicht ferngesehen. Wir haben nur Videos ausgewählt, zum Beispiel „Die Sendung mit der Maus“ und die „Augsburger Puppenkiste“. Die Kinder haben frei aus ihrer eigenen Fantasie heraus gespielt. Als Jugendliche hatten sie dann etwas Nachholbedarf, aber das war zum Glück nur eine Phase. Mein älterer Sohn weigert sich inzwischen stark gegen die digitale Welt, regt sich über Leute auf, die nur bei Facebook existieren und fotografiert wieder analog. Auch bei den „Wilde Kerle“-Filmen gab es keine Handys und keine Computer. Die meisten Menschen denken, die Welt, in der sie leben, sei nichts wert, daher flüchten sie sich in ihre elektronischen Fantasiewelten. Dem will ich entgegenwirken. Wir brauchen wieder mehr Alltagshelden, die stolz auf das sind, was sie tun. Um überzeugend und glaubwürdig zu sein, muss man das den Kindern vorleben.

Verraten Sie uns etwas über Ihr neues Projekt.
Jetzt im Sommer mache ich nach vier Jahren endlich wieder einen Film: „V8“ – der handelt von der Lieblingsbeschäftigung der Deutschen neben Fußball – Autos. Eine Welt, in der Kinder sich aus Schrott und Rasenmähermotoren Autos bauen und damit Rennen gegeneinander fahren. Sie träumen davon, mal auf eine echte Rennstrecke zu kommen. Zu dem Film wird es auch wieder eine Buchreihe geben. Die Kinder sollen dabei lernen, dass die Kraft aus ihnen selbst kommt und sie selbst Dinge erschaffen können, ohne dass sie dafür Facebook & Co. brauchen.

Zur Person

Joachim Masannek, Autor und Regisseur der „Wilden Kerle“ lebt mit seiner Lebensgefährtin Michelle, seiner zehn Monate alten Tochter Ann Jolie und dem Hund Jack in München. Seine beiden Söhne Marlon (21) und Leon (19) aus erster Ehe sind vor Kurzem ausgezogen. Wenn er nicht gerade schreibt oder Filme dreht, geht der Drehbuchautor mit seinem Hund an die frische Luft oder fährt mit seinem alten Ford Mustang V8 durchs ländliche Bayern. Nach wie vor trainiert er den „Wilde Kerle“-Nachwuchs auf dem Bolzplatz. Im April 2012 ist der der 14. Band der „Wilden Kerle“ erschienen.

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