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Richard David Precht

Haben Kinder Lust auf Philosophie, Herr Precht?

Richard David Precht (47) erklärt, warum Langeweile großartig ist und was Philosophie und Spaziergänge gemeinsam haben.

KiNDER: Wenn Ihr achtjähriger Sohn Sie mit Fragen löchert, wissen Sie dann eigentlich immer eine Antwort?

Richard David Precht: Ja, aber nicht immer im Sinne einer verbindlichen Antwort. Manchmal ist es ja auch spannend, aus einer schwierigen Frage ein Geheimnis zu machen. Dann sage ich: „Ja, das ist natürlich eine sehr spannende Frage, darüber haben andere kluge Leute auch schon mal nachgedacht.“ Und dann erzähle ich ihm die Geschichte von jemandem, der sich damit beschäftigt hat. Da kommt am Ende keine definitive Antwort raus, aber wir kommen ein Stück weiter. Philosophie ist wie ein Spaziergang. Ein Ziel erreicht man nicht, man kommt wieder da an, wo man losgegangen ist. Trotzdem macht das Spaß.   

Das stimmt, für Kinder ist es ja oft eine helle Freude, uns Erwachsenen Fragen zu stellen, auf die wir keine Antwort wissen. Sind Kinder von Natur aus kleine Philosophen?
Ja, aber nicht systematisch. Ganz viele Fragen, die Kinder stellen, sind keine philosophischen Fragen, sondern schnöde kleine Wissensfragen. Und irgendwann dazwischen kommt dann mal eine Frage, die erstaunlich philosophisch ist.    

Wie früh interessieren sich Kinder eigentlich für philosophische Fragen zu Moral, Schönheit oder Gerechtigkeit?
Das ist je nach Frage ganz unterschiedlich. Nehmen wir mal die Moral. Die allerersten Fragen tauchen etwa mit fünf Jahren auf. Da haben Kinder bereits ein Gefühl dafür, was sie für sich selbst als unfair empfinden. Und davon ausgehend beginnt der Sprung von der gefühlten Moral hin zu den allerersten moralischen Überlegungen.  

In Ihrem aktuellen Buch „Warum gibt es alles und nicht nichts“ lautet eine Schlussfolgerung: Man muss gar nicht alles wissen, um ein glückliches Leben zu führen. Ist das eine Botschaft an Eltern, ihre Kinder auch einfach mal spielen zu lassen?
Solange die Kinder Fragen stellen, ist es natürlich gut, darauf einzugehen. Aber wir haben heute ja die Tendenz, die Kinder nach allen Regeln der Kunst zu fördern. Wenn ich jedoch überall, wo ich den zarten Keim eines Interesses wittere, ein Förderprogramm starte, und das Kind morgens zum Reitunterricht fahre, mittags zum Ballett und abends zum Französisch, dann gehe ich ein hohes Risiko ein, dass aus dem Kind nichts wird.  

Warum?
So ein volles Programm tötet die Kreativität. Kreativität entsteht aus Neugier und manchmal auch aus Langeweile. Und aus der Hartnäckigkeit, etwas selbst zu verfolgen, ohne dass man gleich an die Hand genommen wird.   

Zur frühkindlichen Bildung gehört es aber auch, Musik zu machen. Das regt doch die Kreativität an.
Natürlich ist es gut, mit Musik in Berührung zu kommen. Aber ein „In- Berührung-Kommen” ist immer noch etwas anderes, als ein Förderprogramm. Ein Beispiel: In meiner Kindheit mussten wir alle ein Instrument lernen. Bei uns fünf Kindern hat das nur bei zweien angeschlagen. Mir hat diese Art von Förderung eigentlich nur jede Menge Frust gebracht. Deshalb würde ich nicht sagen, Musik um jeden Preis. Bewegung halte ich etwa für sehr wichtig, aber ich sage auch nicht: Sportverein um jeden Preis. Wir haben heute manchmal das Gefühl, Kinder bräuchten ein Maximum an Anregungen, um kreativ zu werden. Das ist falsch. Dahinter steht die alte Vorstellung, das Gehirn sei ein Muskel, und wenn ich den frühzeitig trainiere, bilden sich gute Muskeln aus. Aber das Gehirn ist kein Muskel. Das Gehirn funktioniert ganz anders.   

Sie sagen, dass Kinder, deren Eltern es auf eine perfekte Frühförderung anlegen, bestimmt langweilige Menschen werden.
Vermutlich ja. Denn Förderung hat oft den Nachteil, dass die Kinder dabei nicht unter Gleichaltrigen sind. Denken Sie etwa an Klavier- oder Geigenunterricht. Die Zeit, die ich Kindern durch Förderung wegnehme, geht auf Kosten des Sozialverhaltens. Aber ein großer Teil dessen, was man später im Leben braucht, lernt man in der Auseinandersetzung mit anderen. Mit einer intensiven Förderung züchtet man Einzelgänger. Die sind dann  vielleicht gebildet. Aber nicht unbedingt glücklich.

In Ihrem Buch erlebt der Leser Ihren Sohn Oskar als neugierigen und interessierten Gesprächspartner. Hören Sie von ihm auch mal: „Papa, ich hab jetzt keine Lust, darüber nachzudenken?“
Ja, das ist oft so, wenn ich ihn aus der Schule abhole. Dann ist er erst mal bedient. Er ist dann überhaupt nicht neugierig und braucht eine Stunde für sich. Denn leider sind unsere Schulen im Regelfall Orte, an denen Kindern ihre Begeisterungsfähigkeit und ihre Neugier ausgetrieben werden. Unser Schulsystem ist grauenhaft.

In welcher Hinsicht?
Da gibt es viele Probleme, auf die wir Antworten finden müssen. Das größte Problem ist aber, dass wir zu wenige gute Lehrer haben. Und das finde ich auch nachvollziehbar. Denn die meisten wirklich guten Leute wollen keine Lehrer werden. Am Schlimmsten ist das in den Naturwissenschaften. Wenn da jemand richtig gut ist, dann kann er am europäischen Kernforschungszentrum CERN arbeiten und Raketen bauen oder Teilchenbeschleuniger. Dann geht er doch nicht in die Schule und bringt Kindern das archimedische Gesetz bei.

Haben Sie eine Idee, die das Problem lösen würde?
Man könnte verstärkt Leute aus der Praxis an die Schulen holen. Experten sollten einfach mal ein Jahr lang unterrichten, wenn sie Lust dazu haben und begabt dafür sind. Also richtige Freaks, die den Kindern mit Begeisterung von ihren Sachen erzählen.

Erziehungsbücher verkaufen sich gut, im Internet sind die Foren voll von Rat suchenden Müttern und Vätern. Ist den Eltern das Bauchgefühl in Sachen Erziehung verloren gegangen?
Ich denke nicht. Den Grund dafür sehe ich woanders: Kinder spielen heute eine viel größere Rolle. Eltern empfanden ihren Nachwuchs früher nicht in dem Maße als sinnstiftend, wie sie das heute tun. Das liegt daran, dass wir meistens später Kinder bekommen. Und wir haben weniger Kinder, die Aufmerksamkeit konzentriert sich. Deshalb sind wir ängstlicher und machen uns mehr Gedanken.

Wie meinen Sie das?
Da gibt es ein gutes Beispiel aus meiner Kindheit in den sechziger Jahren. Wir spielten damals immer auf einem Garagenhof. Und dieser Hof war tatsächlich mit richtig dickem Stacheldraht eingezäunt, wie in einem Gefängnis. Denn in dieser Zeit waren Autos wertvoller als Kinder. Ein Auto war ein Statussymbol, das sich nicht jeder leisten konnte. Heute nehmen Kinder diesen Platz ein. Da, wo heute Kinder spielen, würde niemand solche Stacheldrahtzäune akzeptieren. Sie könnten sich ja daran verletzen! An dieser Geschichte wird deutlich, wie sich das Verhältnis zu Kindern verändert hat. Das ist eigentlich gar nicht schlecht. Aber wir übertreiben diese Aufmerksamkeit. Wir sollten den Kindern mehr zutrauen.

Ihre Ratschläge klingen großartig. Da bekommen viele Eltern ein schlechtes Gewissen, weil sie das gar nicht umsetzen können.
Doch, sie können! Die meisten scheuen die Auseinandersetzung mit ihren Kindern. Denn „Nein“ zu sagen ist schwerer, als „Ja“ zu sagen. Das ist eine Frage der Willensstärke und der Überzeugungskraft. Ich erkläre meinem Sohn zum Beispiel, dass Ballerspiele am Computer Schäden in seinem Gehirn anrichten. Und er hat natürlich Angst um sein Gehirn. Jedes Kind hat das, wenn man es ihm erklärt. Viele Eltern finden doch, dass ihre Kinder zu viel fernsehen und Computer spielen. Aber sie tun nichts dagegen, weil sie ihre knappe Zeit lieber für andere wichtige Dinge nutzen. Die Alternative ist, sich mehr mit dem Nachwuchs zu beschäftigen. Und wenn sich die Kinder über Langeweile beschweren, sollten Eltern antworten: „Super!“ Denn daraus entsteht Kreativität. Die meisten Eltern bekommen ja ein schlechtes Gewissen, wenn sich ihre Kinder langweilen.

Zur Person

Der Philosoph und Autor Richard David Precht wuchs in einer Familie mit fünf Kindern auf, davon zwei Adoptivkinder aus Vietnam.Precht studierte Philosophie in Köln. Bekannt wurde er durch das Sachbuch „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“.

Er ist Vater eines achtjährigen Sohnes, seine Frau stammt aus Luxemburg und hat drei Kinder mit in die Ehe gebracht.

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