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Geburtsschmerz
"Wie eine Löwin brüllen"

Weshalb das tönende Gebären gut ist und warum es sich trotzdem viele Frauen nicht trauen, erklärt Monika Brühl, Hebamme und Kursleiterin im Geburtshaus Bonn.

wireltern.de: Warum tut es Frauen gut, unter der Geburt laut zu sein?

 

Monika Brühl: Die meisten Säugetiere, auch wir Menschen, drücken Schmerzen natürlicherweise lautstark aus. Ein einfaches „Aua“, wenn wir uns am Schienbein stoßen, ist ein simples Beispiel.

Der Laut dient als Ventil: Dadurch bleibt der Schmerz nicht im Körper. Bei der Geburt ist es genauso: Kann die Gebärende ihre Schmerzen ausdrücken, also nach draußen tragen, sind sie erträglicher.

 

Gibt es einen Schmerzausdruck, der für die meisten Frauen ideal ist?

Ob Frauen lautstark klagen, eher leise stöhnen oder ihrem Schmerz Luft machen, indem sie Töne singen, ist individuell verschieden. Die ideale Art gibt es nicht. Manche Frauen sind sogar nur im Innern laut und stellen sich ein langes „Aaaa“ vor.

Der Körper reagiert genauso gut, als wenn sie es herausbrüllen würde. Das Wichtigste ist: Die Frau muss ungehemmt ausatmen können. Wenn sie das leise schafft, auch gut. Die meisten Frauen aber brauchen den lautstarken Ausdruck, um sich Erleichterung zu verschaffen.


 

Gibt es Laute, die besonders gut helfen?

Wenn Frauen den Schmerz annehmen und ihn als positives Zeichen sehen, das ihnen hilft, ihr Kind zur Welt zu bringen, folgen sie meist den natürlichen Körperimpulsen: Dann kommen oft von allein Laute heraus, die sich ähnlich wie A, O oder U oder eine Mischung daraus anhören.

Je nach Mentalität stöhnen die Frauen dabei oder werden auch sehr laut. Das kann sich dann am Ende der Geburt wie das Brüllen einer Löwin anhören. Die Vokale können aber auch bewusst gesungen oder als lange Töne gesprochen werden: Tönend zu gebären lernen Schwangere heute in vielen Geburtsvorbereitungskursen.

 

Inwiefern fördern diese Laute den Geburtsvorgang?

Wenn die Kiefermuskulatur und der Kehlkopf gelöst sind, kann auch der Beckenboden entspannen. Denn diese Körperregionen sind miteinander verbunden. Singt eine Gebärende Vokale oder klagt lautstark, ist ihr Mund geöffnet: Der Unterkiefer entspannt, die Lippen sind weich, der Atem kann tief in und aus den Bauchraum fließen.

Die Durchblutung und die Sauerstoffzufuhr in den Muskeln verbessert sich, wodurch sie weniger verkrampfen und weniger schmerzen. Auch das Kind bekommt mehr Sauerstoff. Und: Wer tönend die Geburt erlebt, hat die Chance, sich in eine Art Trance zu singen und – wenn es glückt – die Hemmungen zu verlieren. Denn Besseres kann Gebärenden kaum passieren!
 

Aber gerade davor haben heute viele Frauen Angst?

Ja. Denn die meisten von uns lernen von klein auf, sich zu kontrollieren. Ein Kind etwa, das sich wehtut, hört oft die Antwort: „Ist doch nicht so schlimm.“ Wo wird heute noch öffentlich laut gelacht? Oder gar geweint? In der U-Bahn sitzen wir starr nebeneinander und auf jegliche spontane Lautäußerung reagieren wir peinlich berührt.

Unter der Geburt sich nun plötzlich gehen zu lassen, ist deswegen vielen Frauen fremd. Sie haben Angst, etwa vom Partner abgelehnt zu werden. Manche schämen sich auch, wenn Ärzte und Hebammen anwesend sind. Mit der Folge: Sie pressen die Lippen aufeinander und nehmen sich im wahrsten Sinne des Wortes zusammen. Die Muskeln verkrampfen und schmerzen dadurch mehr, die Geburt wird erschwert.
 

Wie nehmen Sie Frauen die Angst vor dem Kontrollverlust und den Schmerzen?

Vor Schmerzen zu vergehen, hört sich nur schlimm an. Man kann schließlich auch vor Liebe vergehen! Die Schmerzen anzunehmen und sogar als Kraftquelle zu erleben, ist der leichtere Weg. Und das können Frauen im Kurs vorher üben.

Außerdem: Bei einer natürlichen Geburt können sie das tief Beglückende erfahren, wofür viele Menschen in meditativen Übungen jahrelang auf dem Kissen sitzen: wie Leiden sich in Glück wandelt.    

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