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Mehr als Babyblues
Postpartale Depression

Psychologin Dr. Corinna Reck erklärt, woran man Postpartale Depression erkennt und wie man sie behandelt.

 

wireltern.de: Frau Dr. Reck, was unterscheidet den Babyblues von der Postpartalen Depression?

Dr. Corinna Reck: Der Babyblues trifft mehr als die Hälfte der frisch gebackenen Mütter in den ersten zehn Tagen nach der Geburt. Typisch für die sogenannten "Heultage" sind depressive Verstimmungen. Bei der PPD halten diese länger an.

Die Betroffenen sind freudlos, verlieren das Interesse am Kind, haben das Gefühl, für ihr Baby nichts empfinden zu können und als Mutter zu versagen. Es fällt ihnen schwer, alltägliche Dinge zu verrichten. Sie leiden unter Schlaf- und Appetitstörungen, grübeln viel und hegen mitunter sogar Selbstmordgedanken.

Wann raten Sie Müttern, einen Arzt aufzusuchen?

Bei extremer Stimmungsverschlechterung und Suizidgedanken: sofort! Ansonsten gilt: Wenn die Symptome länger als zwei Wochen anhalten. Mütter sollten ihren Zustand unter keinen Umständen aushalten, nach dem Motto "Das wird schon von selbst vorbei gehen".

Was sind die Ursachen einer PPD?

Frauen, die vor der Schwangerschaft eine Depression hatten, haben ein erhöhtes Risiko, zu erkranken. Ob die Hormonumstellung nach der Geburt eine Rolle spielt, ist noch nicht bewiesen. Man vermutet aber, dass manche Frauen auf den Östrogenabfall besonders sensibel reagieren.

Sie haben in einer Studie herausgefunden, dass junge Akademikerinnen ein besonders hohes Risiko haben, zu erkranken. Warum?

Wir kennen die Gründe nicht. Ich vermute aber, dass es  zum einen die hohen Ansprüche sind, die junge Akademikerinnen an ihre Mutterrolle stellen und zum anderen die schlechteren finanziellen Möglichkeiten, die sie im Vergleich zu Frauen haben, die schon seit zehn Jahren im Beruf sind.

Wie sieht die Therapie aus?

Bei mittelschwerer und schwerer PPD kommen meist Antidepressiva zum Einsatz. Die zweite Säule der Therapie ist die psychologische Betreuung. Sie soll helfen, negative Denkspiralen zu unterbrechen und eine Beziehung zum Kind aufzubauen bzw. sie zu stärken.

Zum Beispiel durch eine Video-Mikro-Analyse, bei der wir die Interaktion von Mutter und Kind aufnehmen und anschließend gemeinsam mit der Mutter auswerten. Im Mittelpunkt steht dabei, das Selbstvertrauen der Mutter zu stärken und ihr eine Rückmeldung über positive Verhaltensweisen zu geben.

Wirkt sich die Erkrankung auf das Baby aus?

Das ist möglich. Einige Untersuchungen haben gezeigt, dass Entwicklungsstörungen beim Kind auftreten, wenn die Mutter in den ersten drei Monaten nach der Geburt erkrankt. Andere sind wiederum zu dem Ergebnis gekommen, dass diese Störungen auftreten, wenn die PPD chronisch ist. So oder so: Wichtig ist, dass man nicht nur die Depression  behandelt, sondern bei der Interaktion zwischen Mutter und Kind ansetzt.

Was kann der Partner tun, um seine Frau zu unterstützen?

Männer haben oft Schwierigkeiten, das Verhalten der Frau einzuordnen. Besonders, wenn beide noch nie eine Depression hatten. Unabdingbar: Der Mann muss die Erkrankung ernst nehmen und darf sie nicht bagatellisieren. Er muss verstehen, dass seine Partnerin krank ist. Und dazu braucht er Information. Am besten von professioneller Seite.

Nicht selten haben ja auch Väter nach der Geburt ein Stimmungstief.

Es gibt amerikanische Studien, die davon ausgehen, dass rund zehn Prozent aller Väter nach der Geburt unter Depressionen leiden. Im Unterschied zu den betroffenen Müttern dauert es jedoch oft viel länger, bis sie sich Hilfe holen. Das spricht dafür, dass das dieses Thema gerade unter Vätern ein großes Tabu ist.

Kann man der Postpartalen Depression vorbeugen?

Die beste Vorbeugung ist Enttabuisierung. Das geht aber nur, indem man über PPD spricht – und Frauen frühzeitig aufklärt, damit sie die Symptome erkennen. Und: Mütter sollten sich klar machen, dass sie mit der Erkrankung nicht allein sind.

 

Unsere Expertin

Professor Dr. Corinna Reck, Leiterin der Lehr- und Forschungseinheit Klinische Psychologie des Kindes- und Jugendalters & Beratungspsychologie, Universität München                 

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