Baby-TV Chancen & Risiken pränataler Diagnostik

Geht es unserem Baby gut? Eine Frage, die sich alle werdenden Eltern stellen. Pränataldiagnostik mit Ultraschallbildern kann Antworten geben. Aber sie kann auch verunsichern. Welche Untersuchungen in der Schwangerschaft es gibt und warum du dich beraten lassen solltest, bevor du dich dazu entscheidest.

 

Es ist spannender als jeder Krimi. Herzerwärmender als „Vom Winde verweht“. Der Hauptdarsteller ist süßer als Brad Pitt und Angelina Jolie zusammen. Keine Frage: „Baby-TV“ hat das Zeug zum Oscar. Die Live-Übertragung aus Mamas Bauch ist bei Müttern und Vätern in spe heiß begehrt – so sehr, dass sich laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) rund 70 Prozent für mindestens eine zusätzliche Ultraschalluntersuchung entscheiden. Wie Oliver Ritter, Vater von Alexander (drei Monate) und seine Frau Anna: „Wir konnten unserem Kleinen ‚live‘ beim Daumennuckeln zuschauen. Das war toll!“

Baby-TV mit Live-Bildern

Zum ersten mal das Kind lebendig erleben – im Bauch.

Drei Ultraschalluntersuchungen sind im Rahmen der routinemäßigen Schwangerenvorsorge vorgesehen, die von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt wird und in den Mutterschaftsrichtlinien beschrieben ist: um die 10., 20. und 30. Schwangerschaftswoche. Daneben werden die Herztöne, die Größe und Lage des Kindes sowie das Gewicht der Mutter überprüft und Blut und Urin untersucht, kurz: Zur routinemäßigen Vorsorge gehören alle Untersuchungen, die im Mutterpass stehen. Diese können – mit Ausnahme des Ultraschalls – von der Hebamme vorgenommen werden.

„Auch wenn sich in 95 Prozent der Fälle keine Auffälligkeiten ergeben und auch sonst keine Risiken vorliegen wie erblich bedingte Erkrankungen oder eine Mehrlingsschwangerschaft, nehmen Paare zunehmend auf eigenen Wunsch Untersuchungen in Anspruch, die über die normale Vorsorge hinausgehen“, sagt Professor Annegret Geipel, Leiterin des größten deutschen universitären Zentrums für pränatale Diagnostik und Therapie am Universitätsklinikum Bonn.

Spezielle Untersuchungen in der Schwangerschaft

Pränataldiagnostik fängt also da an, wo die routinemäßige Schwangerenvorsorge aufhört. Entscheidet sich ein Paar für eine Untersuchung, ohne dass dies medizinisch notwendig ist, handelt es sich um eine IGeL-Leistung – eine individuelle Gesundheitsleistung, die aus eigener Tasche bezahlt werden muss. Der Arzt muss über die Untersuchungen ausführlich aufklären und das schriftliche Einverständnis der Schwangeren einholen. Dieses kann sie jederzeit widerrufen. Benoît Surin und Leela Haacker, im neunten Monat schwanger, haben sich für das Erstrimester-Screening mit Messung der Nackentransparenz sowie einen großen Organultraschall entschieden. „Wären Fehlbildungen festgestellt worden, hätten wir für die Geburt eine Klinik wählen können, die darauf eingestellt ist“, erklärt Leela.

Das Ersttrimester-Screening gehört zu den sogenannten nicht-invasiven Methoden und gilt wie der Ultraschall als ungefährlich. Anders als invasive Verfahren, bei denen Gewebe oder Flüssigkeiten entnommen werden. So birgt die Fruchtwasseruntersuchung (Amniozentese) ein Fehlgeburtsrisiko von etwa 0,5 Prozent, die Punktion des Mutterkuchens (Chorionzottenbiopsie) sogar ein Risiko von 0,5 bis zwei Prozent. 100-prozentige Sicherheit gibt es nicht. Für Oliver und Anna kamen invasive Methoden deshalb von Anfang an nicht in Frage. Leela und Benoît „hätten keine weiteren Maßnahmen ergriffen, selbst, wenn die Untersuchungen Auffälligkeiten ergeben hätten.“ „Die Frage, die sich Paare stellen müssen, ist: Wie viel will ich wissen?“, sagt Dr. Marion Janke, die werdende Mütter und Väter bei Profamilia zu Pränataldiagnostik berät. „Einfach mal gucken, ob alles in Ordnung ist, funktioniert nicht. Pränataldiagnostik gibt keine Garantie, selbst, wenn man alle Untersuchungen machen lässt, die zur Verfügung stehen.“

Ultraschalluntersuchungen in der Schwangerschaft sind keine Diagnose

Ultraschalluntersuchungen geben eine Risikoeinschätzung

Ultraschalluntersuchung & Co. geben demnach nur eine Risikoeinschätzung, sie liefern kein eindeutiges Ergebnis. So sind beispielsweise die meisten Babys, bei denen im Ersttrimester-Screening eine auffällige Nackentransparenz ermittelt wurde, sind kerngesund und haben keine Chromosomenveränderungen. „Pränataldiagnostik kann beruhigen, sie kann aber auch das Gegenteil bewirken. Denn wer viel sucht, der findet viel. Selbst wenn diese Auffälligkeiten letztlich keine Konsequenzen haben, sie verunsichern und machen Angst. Das führt dazu, dass die Frau die Schwangerschaft nicht in Ruhe fortsetzen kann“, erklärt Dr. Janke. Andererseits kann man natürlich nur rechtzeitig reagieren, wenn man weiß, was dem Ungeborenen fehlt. „Pränataldiagnostik trägt dazu bei, die Schwangerschaft intensiv zu überwachen, wenn das Kind zum Beispiel nicht richtig wächst. Früher sind diese Kinder einfach gestorben. Zudem ermöglicht sie eine optimale Geburtsplanung“, erläutert Professor Geipel. Paare haben allerdings ein Recht auf Nichtwissen. Die Schwangere kann mit ihrem Arzt ausdrücklich vereinbaren, dass sie von ihrem Recht auf Nichtwissen Gebrauch macht, was sie durch ihre Unterschrift bestätigen muss.

Eine Beratung vor der pränatalen Diagnostik ist wichtig

Ob man sein Recht auf Nichtwissen wahrnimmt oder sich für pränataldiagnostische Untersuchungen entscheidet: Werdende Eltern sollten sich vorab umfassend beraten lassen – und zwar nicht nur vom Frauenarzt. Das tun jedoch immer noch sehr wenige, wie Professor Geipel und Dr. Janke aus Erfahrung wissen. „Die psychosoziale Beratung in unserer Klinik wird hauptsächlich von Paaren genutzt, denen ein auffälliger Befund mitgeteilt wurde“, weiß Professor Geipel. Und das, obwohl sie gemäß Schwangerschaftskonfliktgesetz einen Rechtsanspruch haben, sich in allen Fragen rund um die Schwangerschaft kostenlos beraten zu lassen – und zwar schon, bevor sie Nachwuchs erwarten.

„Wir wünschen uns, dass Paare vor einem Befund oder einer Diagnose zu uns kommen – am besten schon, bevor sie mit der Familiengründung loslegen“, rät Dr. Janke. „Die Mehrheit der Paare, die zu uns kommen, hat sich vorher nie mit dem ‚Was wäre, wenn …?‘ auseinandergesetzt. Werdende Mütter und Väter sehen sich plötzlich mit einem auffälligen Befund konfrontiert und beginnen erst dann, darüber nachzudenken.“

Und wenn die Untersuchungen auf eine Behinderung hinweisen?

Kind mit Downsyndrown – eine anspruchsvolle Aufgabe für Eltern

Fakt ist, dass eine Schwangerschaft in 70 bis 80 Prozent der Fälle vorzeitig beendet wird, wenn ein Down-Syndrom oder Spina bifida („offener Rücken“) festgestellt wird. Pränataldiagnostik als Selektionsinstrument? Kritiker geben genau das zu bedenken. Professor Geipel: „Es wird der Pränataldiagnostik nicht gerecht, wenn man sagt, es geht nur darum, zu selektieren oder nach Chromosomenanomalien zu schauen. Den meisten werdenden Eltern ist es wichtig, eine Bestätigung zu bekommen, dass ihr Baby gesund ist oder Risiken zu erkennen, sodass sie sich entsprechend vorbereiten und von Spezialisten betreuen lassen können.“Schließlich wünschen sich alle werdenden Eltern nur eines: ein Happy End mit Kind.

Pränatale Untersuchungen im Überblick

Amniozentese: Fruchtwasseruntersuchung. Mit Hilfe einer Hohlnadel wird durch die Bauchdecke unter Ultraschallkontrolle Fruchtwasser entnommen und im Labor auf Chromosomenstörungen analysiert.

Ultraschalluntersuchung: Dient dazu, die Schwangerschaftswoche festzustellen und die Entwicklung des Ungeborenen zu überwachen. Über einen Schallkopf ausgesendete Schallwellen werden zurückgeworfen und auf dem Monitor in ein Bild umgesetzt.

Ersttrimester-Screening: Zwischen der 11. Und 14. Woche. Dazu gehört u. a. die Nackentransparenzmessung per Ultraschall. Im Nacken des Ungeborenen bildet sich eine Flüssigkeitsansammlung, die sogenannte Nackentransparenz. Diese wird vermessen. Ist sie deutlich vergrößert, kann das auf eine Chromosomenveränderung hindeuten (z. B. Down-Syndrom). Zudem wird bei der Mutter ein Bluttest durchgeführt, bei dem die Eiweißstoffe PAPP-A und freies ß-HCG bestimmt werden. Kosten: etwa 70 bis 300 Euro.

Chorionzottenbiospie: Mit Hilfe einer Hohlnadel wird durch die Bauchdecke der Frau unter Ultraschallkontrolle Gewebe aus der Plazenta entnommen. Dieses wird im Labor auf Chromosomenstörungen untersucht.

Nabelschnurpunktion: Unter Ultraschallkontrolle wird Blut aus der Nabelschnur​ entnommen und im Labor analysiert.

Triple-Test: Ab der 15. Schwangerschaftswoche werden im mütterlichen Blut die Schwangerschaftshormone HCG und Östriol bestimmt; zusätzlich wird ein Eiweiß des Ungeborenen im Blut der Mutter nachgewiesen. Der Test gibt einen Hinweis, ob ein Down-Syndrom oder Fehlbildungen des Gehirns oder des Rückenmarks beim Kind vorliegen könnten, ist allerdings unsicher.

Quadruple-Test: zwischen der 15. und 20. Schwangerschaftswoche. Der Test ermittelt das Risiko für ein Down-Syndrom durch Bestimmung der von der Plazenta produzierten Stoffe AFP, HCG, freies Estriol und Inhibin A im mütterlichen Blut.

Dopplersonografie: Misst den Blutfluss in den Gefäßen – und gibt Aufschluss über Durchblutung des Mutterkuchens und der kindlichen Organe.

Unsere Experten für Pränataldiagnostik

Professor Dr. Annegret Geipel, Leiterin der Abteilung Pränatale Medizin am Universitätsklinikum Bonn

Dr. Marion Janke, Leiterin der Informations- und Vernetzungsstelle Pränataldiagnostik Profamilia Stuttgart, www.pnd-beratung.de

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