Klinikbesuch

Kreißsaal-Sightseeing

Warme Farben, angenehmes Licht: Nüchterne Krankenhaus-Atmosphäre im Kreißsaal war gestern. Eine Stippvisite.

Kreißsaal-Sightseeing – was ist das eigentlich?

Auf den regelmäßig stattfindenden Informationsabenden für werdende Eltern in den großen Krankenhäusern wird den Neugierigen natürlich auch ein Blick in den bisher unbekannten Raum mit dem dramatischen Namen Kreißsaal gewährt. Zum ersten Mal sehen Erstgebärende, was es mit dem Zimmer auf sich hat, in dem das lang ersehnte Baby zur Welt kommen soll.

Meist empfängt den Besucher gedämpftes Licht, die Wände sind nicht klinisch weiß, sondern in zarten Pastelltönen. Gardinen in sonnigen Farben und dezente Paravents versuchen, dem Raum einen Hauch von Atmosphäre und Gemütlichkeit zu geben. Medizinische Geräte sind auf den ersten Blick nicht zu erkennen, der natürlichen Geburt steht rein optisch nichts im Wege.

Dafür sieht man ein von der Decke hängendes stabiles Tuch, einen Pezziball, einen Hocker ohne Sitzfläche, ein Bett, das sich als wahrer Verwandlungskünstler entpuppt und in manchen Kreißsälen eine Badewanne. Doch welcher Newcomer im Kreißsaal traut sich schon vor einer Schar anderer Paare mit teilweise beachtlich gerundeten Bäuchen zu fragen, wofür das alles gut ist und wann man es am besten wie anwendet? Dazu hier einige Erläuterungen:

 

Tuch und Pezziball

Im Optimalfall erkennt die betreuende Hebamme, was der Gebärenden in welcher Situation am besten helfen könnte und ermuntert sie, die verschiedenen Positionen und Hilfsmittel auszuprobieren und zu nutzen, um den Schmerz der Wehen erträglicher zu machen und die Geburt voranzutreiben.

„Das von der Decke hängende, in unserem Fall orangefarbene, sehr stabile Tuch wird von vielen Frauen in der Eröffnungsphase genutzt“, erklärt Gesine Grabichler vom Perinatalzentrum der Asklepios Klinik in Hamburg Altona. „Viele Frauen halten sich an dem Tuch ganz fest und erhalten so die für den Rücken notwendige Entspannung.“ Doch damit hat das Tuch seine Funktion noch nicht erschöpft, viele Frauen halten sich auch daran fest, wenn sie zur Erleichterung auf einem Pezziball wippen oder auf dem Ball balancierend mit kreisenden Bewegungen den Rücken entlasten.

„Diese beiden Hilfsmittel werden vor allem während der Eröffnungsphase eingesetzt, wenn die Wehen den Muttermund Stück für Stück weiten“, erklärt Grabichler. „Allerdings gibt es auch Frauen, die sich am Tuch festhalten und im Stehen ihr Kind zur Welt bringen.“

 

Badewanne

Zur Entspannung empfiehlt die erfahrene Hebamme den Frauen auch ein Bad in der speziellen Badewanne. Im rund 37 Grad warmen Wasser können viele die Wehen besser veratmen, fühlen sich angenehm schwerelos und beruhigt. „Wir empfehlen, insgesamt nicht länger als zwei Stunden in der Wanne zu bleiben“, sagt Grabichler.

Doch die Badewanne ist nicht nur für die Zeit vor den Presswehen gedacht, in diesem nassen Element erblicken auch viele Babys das Licht der Welt. Haltegriffe, Fuß- und Nackenstützen ermöglichen es kleinen und großen Frauen in der Badewanne, eine für sie geeignete Geburtsposition zu finden. Einzige Voraussetzung der Geburtshelfer: Das Gesäß der Gebärenden muss immer unter Wasser sein, zudem dürfen keine Infektionen der Mutter vorliegen.

 

Geburtsbett

Viele Frauen zieht es zur eigentlichen Entbindung dann aber doch aufs Bett – was nicht heißt, dass die Frauen historischen Filmen gleich auf dem Rücken liegend ihr Kind zur Welt bringen müssen. „Wir machen uns die Gesetze der Schwerkraft zunutze“, erklärt Grabichler. „Je  aufrechter die Position der Frau, desto besser klappt meist eine natürliche Geburt.“

Für diesen Zweck sind am Kopfteil des Bettes mit feinem Schaumgummi ummantelte Haltegriffe angebracht, an denen sich die Frau festhalten kann, wenn sie kniend – im Vierfüßlerstand – ihr Kind zur Welt bringen möchte. „Zudem können wir das Kopfteil und die Sitzfläche so verstellen, dass die Frau fast sitzt, oder die Geburt in der Seitenlage ermöglichen“, erläutert Grabichler.

Sollte es doch einmal schnell gehen müssen und medizinische Hilfe nötig sein, kann das Bett mit ein paar Handgriffen zum gynäkologischen Stuhl umgebaut werden, die für einen operativen Eingriff nötigen Instrumente und Geräte werden erst dann in den Raum gebracht.

 

Gebärhocker

Ein bisschen altmodisch anmutend, aber nach Aussage der Hebammen im Perinatalzentrum in Hamburg Altona sehr effektiv ist der Gebärhocker – ein ganz niedriger Stuhl ohne Lehne und Sitzfläche, auf dem die Frau hockend ihr Kind zur Welt bringt. „Jedoch darf man diesen Hocker nur für die Austreibungsphase, wenn die Geburt unmittelbar bevorsteht, einsetzen, da die Schamlippen der Frau sonst durch die hockende Haltung zu stark anschwellen“, betont die Hebamme.

 

Nach der Geburt

Ist das Baby auf der Welt, sinken die meisten Mütter, das Neugeborene an der Brust, glücklich und erschöpft in die Kissen des Bettes. Später wird das Baby von den Hebammen abgetrocknet, gemessen, gewogen und angezogen, um gleich danach wieder zum Kuscheln zu Mama und Papa gereicht zu werden.

„Wir legen großen Wert auf eine feste Bindung und ein ganz intensives Kennenlernen zwischen Eltern und Kind direkt nach der Geburt“, erklärt Grabichler das mittlerweile übliche Bonding. „Messen, Wiegen und Anziehen ist bei gesunden Neugeborenen eher zweitrangig.“
 

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