Entscheidungshilfe Nabelschnurblut einlagern?

Alles, was du über die Möglichkeiten und Chancen der wertvollen Stammzellen wissen musst.

 

Viele Mütter und Väter entschließen sich, das Blut aus der Nabelschnur ihres Babys nach der Geburt bei einer privaten Nabelschnurblutbank aufzubewahren. Ihre Hoffnung: Das Nabelschnurblut hilft ihrem Kind, oder rettet gar sein Leben, sollte es einmal schwer erkranken. Wie sinnvoll das ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Einig sind sich Experten indes, dass das Nabelschnurblut zu wertvoll zum Wegwerfen ist. Aber: Was macht den roten Saft so besonders?

Bausteine des Lebens

„Es sind die darin enthaltenen Stammzellen. Sie sind die Bausteine des Lebens“, bringt es Professor Hans-Rudolf Tinneberg, Direktor der Frauenklinik am Universitätsklinikum Gießen, auf den Punkt. „Anders als beispielsweise ein Auto, bei dem man ein reparaturbedürftiges Teil austauschen muss, ist der menschliche Organismus in der Lage, sich selbst zu reparieren.“ Stammzellen aus Nabelschnurblut haben die Fähigkeit, neue Blutbestandteile zu „bauen“. „Wenn wir Blut verloren haben, produziert unser blutbildendes System – das Knochenmark – neue Blutplättchen sowie rote und weiße Blutkörperchen und gleicht das Defizit aus“, erklärt Professor Tinneberg.

Wenn das nicht mehr funktioniert, weil ein Mensch an einer Leukämie oder an anderen Erkrankung des blutbildenden Systems leidet, kann eine Transplantation von fremden Stammzellen helfen, sein Blutsystem zu erneuern. Stammzellen aus Nabelschnurblut haben dabei entscheidende Vorteile gegenüber denen aus dem Knochenmark oder dem Blut von Erwachsenen, wie Dr. Alexander Schmidt, Geschäftsführer der öffentlichen DKMS Nabelschnurblutbank in Dresden und wissenschaftlicher Direktor der DKMS Deutsche Knochenmarkspenderdatei in Tübingen, weiß: „Der große Vorteil der noch jungen Nabelschnurblutstammzellen ist ihre bessere Verträglichkeit. Normalerweise müssen die Gewebemerkmale von Stammzellspender und  -empfänger identisch sein. Nabelschnurblutstammzellen hingegen tolerieren Abweichungen. Die Gefahr einer Abstoßungsreaktion beim Empfänger ist geringer.“

Von der Nabelschnur in den Gefrierschrank

Um an die begehrten Zellen zu kommen, muss das Blut aber erstmal raus aus der Nabelschnur. Die Entnahme ist nur in speziellen Kliniken mit entsprechend geschultem Personal möglich. Denn: Die Gewinnung und Aufbereitung von Nabelschnurblut ist streng reglementiert: „Transplantate  aus Nabelschnurblut sind Arzneimittel und unterliegen damit dem Arzneimittelgesetz. Daher brauchen wir eine Herstellungserlaubnis vom Regierungspräsidium oder der Landesdirektion“, erklärt Dr. Schmidt.

Der Entnahmevorgang selbst dauert wenige Minuten und ist für Mutter und Kind völlig schmerz- und risikolos, wie Gynäkologe Professor Tinneberg versichert: „Die Punktion der Nabelschnurvene mit einer Hohlnadel erfolgt nach der Abnabelung des Kindes – in der Phase, wenn sich der Mutterkuchen ohnehin ablöst. Mutter und Kind bekommen von der Prozedur gar nichts mit.“ Das Nabelschnurblut wird in einem speziellen Beutel gesammelt. Er ist Bestandteil des Entnahmesets, das die Mutter von der Nabelschnurblutbank bekommt.

Anschließend werden die Gewebemerkmale festgestellt und es folgen Untersuchungen auf mögliche Infektionen. Per Kurier geht es dann in einem speziellen Transportbehälter zur Nabelschnurblutbank. Dort werden die Stammzellen in sogenannten Reinraumlaboren aus dem Blut isoliert und ihre Gewebemerkmale bestimmt. Dann wird’s eisig: Gut verpackt in einer Metallkassette, werden sie bei etwa Minus 196 Grad Celsius im „Cryotank“ in flüssigem Stickstoff konserviert. Dadurch kommen alle biologischen Prozesse in der Zelle zum Erliegen – das Präparat ist auf diese Weise Jahrhunderte lang haltbar. Theoretisch zumindest. „Wir haben keinerlei Erfahrung mit derart lange eingelagerten Nabelschurblutzellen, weil wir das Verfahren erst seit ein paar Jahren praktizieren. Es ist nicht ausgeschlossen, dass man sie in 100 Jahren noch verwenden kann. Aber mit Gewissheit sagen kann das heute niemand“, sagt Stammzell-Experte Dr. Schmidt.

Für alle oder für einen?

Diese Ungewissheit ist ein Grund für Eltern in spe, sich die Einlagerung der Nabelschnurblutstammzellen ihres Nachwuchses für die Eigenvorsorge bei einer privaten Nabelschnurblutbank zu überlegen. Ebenfalls nicht unerheblich: die Kosten. Etwa 2.000 Euro muss man bezahlen, wenn man das kostbare Gut bei einem privaten Anbieter unterbringen möchte. Weltweit wurden bislang rund 300 Menschen mit ihrem eigenen Nabelschnurblut behandelt. Im Vergleich dazu haben ungefähr 15.000 Patienten fremde Nabelschnurblutstammzellen bekommen.

„Im Routinebetrieb ist nur die Fremdspende. Die Eigenspende ist kein Verfahren, das regelmäßig zur Anwendung kommt“, betont Dr. Schmidt. Die Fremdspende, im Fachjargon allogene Spende genannt, bei der  Stammzellen aus fremden Nabelschnurblut transplantiert werden, führen Ärzte seit 1988 erfolgreich durch, um Leukämien oder andere Erkrankungen des Blut bildenden Systems zu behandeln. Sie ist für die Spenderinnen kostenlos. Ebenfalls kostenlos: Die Einlagerung des Nabelschnurbluts für ein Geschwisterkind, falls es wegen einer Erkrankung von einer möglichen Nabelschnurbluttransplantation profitieren würde.

Die autologe oder Eigenspende gibt es in Deutschland seit 28 Jahren. Bei der privaten Nabelschnurblutbank Vita 34 wurden bisher 28 Nabelschnurblutpräparate zur Therapie abgerufen. Einmal für ein selbst an Leukämie erkranktes Kind – ein Ausnahmefall. In fünf Fällen wurden erkrankte Geschwister erfolgreich behandelt; die übrigen Anwendungen erfolgten unter anderem in einer klinischen Studie zu Typ-1-Diabetes, im Rahmen von universitären Heilversuchen bei frühkindlichen Hirnstörungen und Blutbildungsstörungen.

Professor Dr. Mathias Freund, ehemaliger Direktor der Medizinischen Klinik III, Universität Rostock und Vorstandsmitglied der Seracell Pharma AG: „An der Duke University in Durham, North Carolina, sind bereits 300 Kinder mit Nabelschnurblut-Reinfusionen – meist bei neurologischen Störungen – behandelt worden. Die Zukunft gehört der Stammzelltherapie und das Nabelschnurblut wird dabei eine wichtige Quelle sein.“ Was viele Eltern nicht wissen: Die Eigenspende kann ihr Kind nicht heilen, wenn es an Leukämie erkrankt. Der Grund: Die eigenen Nabelschnurblutstammzellen tragen die Krankheit häufig schon in sich. Nicht zuletzt, weil fremde Stammzellen den körpereigenen Kampf gegen die Krebszellen verstärken, greift man auch hier auf fremde Transplantate zurück.

 

Zwischen Realität und Science-Fiction

Dass ein an Leukämie erkranktes Kind mit seinen eigenen Nabelschnurblutstammzellen behandelt wurde, stößt bei Dr. Schmidt auf Unverständnis. Und auch die anderen autologen Nabelschnurblut-Transplantationen sieht der Mediziner kritisch: „Das Nabelschnurblut war oft nur eine von vielen therapeutischen Maßnahmen, die die Ärzte eingesetzt haben. Bis heute fehlen wissenschaftliche Beweise, dass es die Stammzellen waren, die – allein oder im Zusammenspiel mit den anderen Therapieinstrumenten – die Verbesserung bewirkt haben.“

Aber wie können sich werdende Eltern fundiert über die Chancen und Grenzen von Nabelschnurblut informieren? Hier sieht der Experte noch Nachholbedarf: „Es ist für Eltern unglaublich schwer, objektive Informationen zu bekommen. Die wenigen sachlichen Informationen, die es gibt, sind tendenziell eher für Fachkreise bestimmt – und nicht selten in der hintersten Ecke auf den Internetseiten der Fachgesellschaften versteckt.“ Professor Tinneberg ergänzt: „Die Frauenärzte klären Schwangere mitunter nur darüber auf, wenn diese signalisieren, dass sie etwas darüber hören möchten.“

 

Die Zukunft

Wie geht es weiter? Die ersten Ergebnisse der Studien in Deutschland, den USA und anderen Ländern, bei denen das eigene Nabelschnurblut der Kinder zur Therapie von Typ-1-Diabetes und frühkindlichen Hirnschädigungen eingesetzt wird, sind vielversprechend. „Dies ist ein Forschungsansatz. Von einem Forschungsansatz zu einem Notfallpaket, wie es die privaten Nabelschnurblutbanken mitunter verkaufen, ist es jedoch ein riesiger Schritt“, sagt Dr. Schmidt. Bei der Regenerativen Medizin handelt es sich um einen jungen biomedizinischern Forschungszweig, der noch am Anfang seiner Möglichkeiten steht. Aber: der Hoffnung weckt. Und ist die Hoffnung nicht Grund genug für die Einlagerung zur Eigenvorsorge – schließlich will man als Eltern doch alles tun, damit es dem Nachwuchs gut geht?

„Ich bin nicht grundsätzlich gegen die Einlagerung bei einer privaten Nabelschnurblutbank“, sagt Dr. Schmidt. „Aber gegen unrealistische Heilversprechen. Werdende Eltern sind in einer emotional verwundbaren Phase. Ich empfehle ihnen, sich mithilfe nicht-kommerzieller Quellen zu informieren – und auf dieser Basis eine Entscheidung zu fällen.“ Professor Tinneberg appelliert an Eltern in spe, das Nabelschnurblut ihres Babys für die Allgemeinheit zu spenden: „Ich bin der festen Überzeugung, dass wir durch Stammzellen irgendwann Leiden heilen können, gegen die wir zum jetzigen Zeitpunkt noch machtlos sind. Und je mehr Frauen sich dazu bereit erklären, das Nabelschnurblut ihres Babys einer öffentlichen Nabelschnurblutbank zur Verfügung zu stellen, desto höher sind die Chancen, dass auch einem schwer kranken Patienten mit außergewöhnlichen Transplantationsgenen geholfen werden kann.“

 

Unsere Experten

Professor Dr. Dr. h. c. Tinneberg, Direktor der Frauenklinik am Universitätsklinikum Gießen

Dr. Dr. Alexander Schmidt, Geschäftsführer DKMS Nabelschnurblutbank, Dresden und der DKMS Deutsche Knochenmarkspenderdatei, zuständig für die Bereiche Medizin und Wissenschaft  

Professor Dr. Mathias Freund, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Seracell Pharma AG und ehemaliger Direktor der Medizinischen Klinik III, Universität Rostock

Hier geht's zum Interview mit Prof. Freund zum Thema Stammzellen

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