Späte Eltern

In diesem Alter noch ein Kind?

Karriere, unerfüllter Kinderwunsch, der fehlende Partner: Gründe fürs späte Elternwerden gibt es viele. Und die Kinder leiden in den meisten Fällen nicht darunter – im Gegenteil.

Madonna, Halle Berry, Uma Thurman und Carla Bruni haben etwas gemeinsam: Sie alle sind „spät“ Mutter geworden. Was bei internationalen Promipaaren längst die Regel ist, nimmt auch bei uns in Deutschland zu. „Das Kind soll erst kommen, wenn meine Lebensumstände passen.“ – Sätze wie diese hört Gynäkologin Christine Biermann in ihrer Hamburger Praxis immer häufiger. Doch bis sich Frauen bereit für ein Kind fühlen, sind viele von ihnen heute schon jenseits der 40: Waltraut (45), Wirtschaftspolitikerin, wollte nach ihrem Studium erst mal im Berufsleben Fuß fassen und Karriere machen. Andrea (42) ist geschieden und wünscht sich mit ihrem neuen Partner noch ein Kind. Monika hat mit 41 den „Richtigen“ noch nicht gefunden, mit dem Thema Nachwuchs aber noch nicht abgeschlossen. Vorsichtshalber hat sie Eizellen einfrieren lassen, um auch später noch die Chance auf eine Schwangerschaft zu haben. Das sind alles nachvollziehbare Gründe, sich spät fürs Elternwerden zu entscheiden. Zudem gibt es die Familien, die ungewollt kinderlos sind.

 

Von wegen "risikoschwanger"

Miriam ist 39. Seit zwei Jahren versucht sie, schwanger zu werden. Nach dem positiven Test, den der Gynäkologe bestätigt, empfindet sie gemischte Gefühle. Einerseits freut sie sich wahnsinnig auf ihr Wunschkind mit ihrem Andreas (45), andererseits fühlt sie sich von Angst geplagt. Auch, weil eine enge Freundin kürzlich zu ihr sagte: „Das Risiko, ein Kind mit Downsyndrom zu bekommen, ist bei dir schon ziemlich hoch.“ Statistisch gesehen wäre „etwas höher“ die richtige Formulierung: Während 0,1 Prozent der 30-Jährigen (eine von 1.000) ein Kind mit Trisomie 21 (Downsyndrom) bekommt, beträgt die Wahrscheinlichkeit bei 40-Jährigen ein Prozent (zehn von 1.000). Im Umkehrschluss bedeutet das, dass 99 von 100 Kindern gesund sind. 

 

Der Frauenarzt setzt bei jeder Erstgebärenden ab 35 im Mutterpass ein Häkchen bei Risikoschwangerschaft. Doch eigentlich sei das überholt, finden Gynäkologen. Denn gerade ältere Frauen lebten häufig gesund, achteten penibel darauf, Vorsorgeuntersuchungen in der Schwangerschaft wahrzunehmen. Und: Sie minimierten damit das Risiko, dass etwas schiefgeht. Denn Komplikationen wie Schwangerschaftsdiabetes, der für das Ungeborene gefährlich werden kann, erkennt der Arzt durch Vorsorgeuntersuchungen rechtzeitig und kann ihn behandeln, bevor er Folgen für das Kind hat.

 

Karriereknick und Intoleranz

„Das ist jetzt mit dir als frischgebackene Mutter so wie mit einem Schwerbehinderten nach einem Arbeitsunfall. Der kann auch nicht einfach wiederkommen in seinen Betrieb und so tun, als hätte sich nichts geändert und so weitermachen wie bisher.“ Waltraut fühlt sich wie vom Blitz getroffen. Ein paar Monate nach der Geburt ihres Sohnes kehrt sie als Führungskraft an ihren Arbeitsplatz zurück. Doch mit so einer verletzenden Abfuhr von ihrem Kollegen hatte sie nicht gerechnet. Nach anfänglichen Selbstzweifeln wird ihr klar, dass andere sie um ihre Stelle beneiden und sie deshalb einige fiese Kommentare hört. Aufgrund ihrer guten Qualifikationen schafft sie es aber, auch mit Baby in der Chefetage zu bleiben. 

 

Viele berufstätige Mütter fühlen sich stark zerrissen zwischen Beruf und Familie. Laut einer Mikrozensus-Sonderauswertung waren 2012 in Deutschland nur etwa 16 Prozent der Mütter ganztags berufstätig, bevor der Sprössling drei Jahre alt war – ein Phänomen nicht nur bei späten Mamas. Klar ist: „Die besseren Chancen einer beruflichen Karriere können leicht den Wunsch nach Kindern um ein paar Jahre nach hinten schieben“, so Biermann. Unter ihren Patientinnen sind Frauen mit Hochschulabschluss wie Lehrerinnen und Anwältinnen. Die meisten von ihnen bekommen erst spät ihr erstes Kind. Und: sind damit glücklich. „Die Entscheidung ‚Kind oder Beruf‘ wird vielen Frauen gerade von solchen Kollegen oder Vorgesetzten abverlangt, für die die klassische Variante der Rollenverteilung selbstverständlich ist“, weiß Biermann. Gerade mal knapp 30 Prozent der weiblichen Führungskräfte in deutschen Unternehmen leben laut Bundesfamilienministerium mit Kindern zusammen. Theoretisch sollten flexible Arbeitszeiten und gute Betreuungsmöglichkeiten heute auch Müttern die Karriere ermöglichen, die früher allein den Vätern vorbehalten war. Doch leider sieht die Realität in vielen Unternehmen noch immer anders aus, und Frauen haben es nach der Familiengründung nach wie vor oft schwer, weiter Karriere zu machen. Dennoch: „Kinder sind eine willkommene Bereicherung, aber kein Grund zur Selbstaufgabe“, lautet Biermanns Fazit.

 

Medizinische Hindernisse

Grundsätzlich zeugungsfähige Frauen und Männer haben immer wieder fruchtbare und unfruchtbare Zeiten. So haben die meisten Frauen nicht in jedem Zyklus fruchtbare Tage, da es nicht immer zu einem Eisprung kommt. Kein Mann ist ständig zeugungsfähig – Qualität und Quantität der Spermienproduktion schwanken erheblich, ohne dass er es merkt. Wird ein Paar nicht schwanger, obwohl es ein Jahr lang „geübt“ hat, spricht man von einer Fruchtbarkeitsstörung. Natürlich hängt es davon ab, wie häufig und wann das Paar Geschlechtsverkehr hat. Sieht es sich nur am Wochenende, ist es relativ wahrscheinlich, dass es mit dem Baby nicht so schnell klappt. Für Frauen mit Essstörungen oder solche, die sich generell ungesund ernähren, ist es nicht selten schwierig, schwanger zu werden. Ansonsten ist die Ursache für den unerfüllten Kinderwunsch oft nur schwer festzustellen. Es kann immer an der Frau, dem Mann oder an beiden liegen. Möglicherweise sind Hormone schuld, eine Infektion, verklebte Ei- oder Samenleiter. Doch viele Fruchtbarkeitsstörungen lassen sich gut behandeln. Hier berät der Frauenarzt.

 

Vorteile reifer Eltern

Stephan ist 46 und hat mit Annette einen sechsjährigen Sohn und eine vierjährige Tochter. Nach zwei Scheidungen und der Trennung von einer langjährigen Lebenspartnerin ist er froh, keine Kinder aus seinen früheren Beziehungen zu haben. Obwohl er sich schon lange ein Familienleben gewünscht hatte. Aber erst mit Annette stimmte alles. Das späte Elternwerden birgt viele Vorteile: Die Kinder wachsen in einem stabilen Umfeld auf, die Eltern sind emotional und finanziell gefestigt, haben mehr Erfahrung und klare Werte, die sie dem Kind mitgeben. Meistens entscheiden sich „ältere Eltern“ sehr bewusst für ein Kind und kümmern sich dann besonders intensiv um den Nachwuchs. Häufig haben sie auch mehr Zeit, da sie sich im Berufsleben nichts mehr beweisen müssen und es sich leisten können, die Zeit anders aufzuteilen.

 

Alt oder zu alt?

Studien zeigen, dass nicht nur die weibliche Fruchtbarkeit mit zunehmendem Alter sinkt, sondern auch die Spermienqualität des Vaters abnimmt und Auswirkungen auf die Gesundheit des Kindes haben kann. So treten bestimmte Krankheiten wie Kleinwuchs und Depressionen bei Kindern, deren Väter bei ihrer Geburt 50 Jahre oder älter waren, etwas häufiger auf. Ebenfalls schwierig: Unter Umständen sind die eigenen Eltern, wenn sie Großeltern werden, schon so alt, dass sie bei der Betreuung des Sprösslings nicht mehr mit anpacken können. Und wie wahrscheinlich ist es für den späten Papa, noch den Schulabschluss des Nachwuchses miterleben zu können? Hinterlässt er möglicherweise früh Witwe und Waise? Die Nachteile sollte man sich bei der Familienplanung zumindest durch den Kopf gehen lassen. Doch nach wie vor – „Ein später Kinderwunsch muss heute nicht unerfüllt bleiben“, so Biermann, die selbst mit 42 Jahren zum dritten Mal schwanger wurde. „Paare, die sich ein Kind wünschen, sollten es auf jeden Fall versuchen, egal, wie alt sie sind. Am wichtigsten ist, nicht auf all die Ratschläge von Verwandten und Bekannten, sondern auf sich selbst zu hören.“

 

Ungewollt kinderlos?

Viele Familien kommen mithilfe von Kinderwunschbehandlungen (= verschiedene Arten künstlicher Befruchtung) zu ihrem langersehnten Nachwuchs. Allerdings entscheiden sie sich häufig erst recht spät dafür, nachdem sie es lange auf natürlichem Weg versucht haben. Dabei ist die Chance auf eine erfolgreiche künstliche Befruchtung ebenfalls höher, je jünger die Eltern sind.

Annik Horn, Hamburger Reproduktionsmedizinerin, rät: „Wenn Paare sich bewusst machen, dass sie nicht ‚schuld‘ an ihrer Kinderlosigkeit sind, dass eine Kinderwunschbehandlung eine anstrengende Zeit in ihrem Leben sein wird und dass sie sich in dieser schwierigen Phase gegenseitig unterstützen und stärken können, werden sie gelassener sein.“ Und das verbessere die Behandlungsergebnisse. Daher verfügen erfolgreiche Zentren für Fruchtbarkeitsmedizin über geschulte Psychotherapeuten und psychologische Berater – nicht, weil Unfruchtbarkeit häufig psychische Ursachen hat, sondern um die Paare in dieser schweren Zeit zu unterstützen. Denn: „Unfruchtbarkeit und vergebliche Behandlung können tiefgehende Störungen des Selbstwertgefühls hinterlassen“, so die Expertin. Dem wollen Fruchtbarkeitsmediziner entgegenwirken.

Aktuell wird das sogenannte „Social Freezing“ oder „Egg Freezing“ diskutiert: Junge Frauen, die sich offen halten wollen, später im Leben noch schwanger zu werden, können ihre Eizellen einfrieren lassen. Das nennt sich fachsprachlich „Kryokonservierung“. Die Eizellen bleiben „frisch“ und können für eine spätere Schwangerschaft wieder eingepflanzt werden, ohne mit der Frau gealtert zu sein. Welche medizinischen und sozialen Folgen das Social Freezing haben wird, ist heute noch nicht absehbar.

 

Schon gewusst?

  • Eine 25-Jährige wird zu 25 Prozent schwanger, wenn sie um ihren Eisprung herum ungeschützten Sex hat. Bei einer 40-Jährigen liegt die Chance pro Monat bei gerade mal vier Prozent.

  • Durchschnittlich einer von vier Zyklen verläuft bei jeder fruchtbaren Frau ohne Eisprung.

  • Die fruchtbarsten Tage liegen rund um den Eisprung. Bei einem regelmäßigen Zyklus: Zyklusdauer minus 15 bis 17 Tage.

 

Hilfreiche Infos zum Vereinbaren von Familie und Beruf

Verband berufstätiger Mütter: www.vbm-online.de

Bundesfamilienministerium: www.bmfsfj.de

Worklife Koordinierungsstelle Familie und Beruf Hamburg: www.worklife-hamburg.de

 

Wir danken unserer Expertin, Frau Dr. Christine Biermann, für ihre Unterstützung.

Christine Biermann, Gynäkologin mit Praxis in Hamburg

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