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Die Krux mit der Familiengründung

Kinder? Ja, nein – vielleicht?

In Deutschland herrscht Geburtenflaute. Im Schnitt 1,36 Kinder bekommt eine Frau hierzulande – im EU-Durchschnitt sind es 1,57. Junge Familie-Autorin Helena Fohrmann – bisher kinderlos – ist hin und her gerissen, ob sie dazu beitragen will, das zu ändern. Ein Kind zu kriegen, ist schließlich eine Entscheidung fürs Leben. Eine, die wohl bedacht sein will.

 

Alle kriegen Kinder. Freunde, Verwandte, Kollegen und Bekannte. Manche Paare bekommen schon das zweite, einige gehen inzwischen getrennte Wege und sind alleinerziehend. Überall sehe ich Frauen mit Babybäuchen, sodass ich die niedrige Geburtenrate manchmal kaum glauben kann. So, als würde mir das Schicksal sagen wollen „Guck hin! Allmählich wird es Zeit, dass du dir Gedanken darüber machst, ob auch du Kinder willst, oder nicht!“ Und das Schicksal hat Recht. Denn ich bin – wie es so schön heißt – im gebärfähigen Alter (bei diesem Wort läuft es mir kalt den Rücken herunter!). Ich bin 32, seit sechs Jahren in einer festen, glücklichen Beziehung und stehe wie mein Partner fest im Job. Eigentlich ideale Voraussetzungen, um eine Familie zu gründen. Voraussetzungen, wie sie viele Frauen mitbringen. Dennoch entscheiden sich nur wenige, eine Familie zu gründen. Nach Angaben des Mikrozensus 2012, Deutschlands größter Haushaltsbefragung, ist jede fünfte Frau zwischen 40 und 44 Jahren kinderlos, unter ihnen besonders viele Akademikerinnen

 

Kosten und Karriereknick

Woran liegt das? Laut einer repräsentativen Umfrage der Stiftung für Zukunftsfragen von 2013 sind den Deutschen Kinder in erster Linie zu teuer. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts kostet ein Kind durchschnittlich rund 550 Euro im Monat. Macht nach 18 Jahren unterm Strich einen Betrag, von dem man sich eine Eigentumswohnung oder einen hochpreisigen Sportwagen leisten könnte. „Die Unsicherheit, ja fast schon Angst vor der Familiengründung hält bei vielen Bundesbürgern an,“ sagt Professor Ulrich Reinhardt, Wissenschaftlicher Leiter der Stiftung. „Diese umfasst für zunehmend mehr Deutsche neben der Angst, sich Kinder nicht leisten zu können beziehungsweise den eigenen Lebensstandard einschränken zu müssen, vor allem die Sorge, Familie und Beruf nicht vereinbaren zu können und die eigene Karriere zu vernachlässigen.“ Kind und Karriere. Meine Freundin Silke hat sich als Teamleiterin in die Elternzeit verabschiedet; als sie nach eineinhalb Jahren zurückehrte, hat sie zunächst in Teilzeit gearbeitet – allerdings nicht als Teamleiterin. „Führen in Teilzeit ist bei meinem Arbeitgeber nicht populär“, sagte sie, und die Enttäuschung in ihrer Stimme war nicht zu überhören. Experten bestätigen genau das. Zwar haben Arbeitnehmer nach der Elternzeit keinen Anspruch auf ihren früheren Arbeitsplatz, sondern lediglich auf einen vergleichbaren, darüber hinaus gibt es aber auch kaum Unternehmen, die Karriere in Teilzeit fördern.

Das trifft vor allem erwerbstätige Mütter, da die meisten von ihnen in Teilzeit arbeiten. Der Karriereknick droht demnach unweigerlich, wenn eine Frau ihren Beruf unterbricht, um ihre Kinder zu betreuen. Anders ausgedrückt: Kinder sind Karrierebremsen. Und auch, wenn die Väter immer häufiger Elternzeit nehmen, um sich zu Hause ums Kind zu kümmern, sind einer aktuellen Studie des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag der Zeitschrift Eltern zufolge nur wenige bereit, ihre Karriere zurückzustellen, um sich zeitweise mehr auf die Familie zu konzentrieren. So arbeiten 89 Prozent der Papas in Vollzeit, nur vier Prozent in Teilzeit. Und: Zwei Drittel der Befragten wollen das auch so. 

 

Beziehung und Selbstverwirklichung ade?

Das Karrierethema hat bei so manchen jungen Müttern und Vätern schon zu Konflikten geführt. Und nicht nur das. Wenn aus Paaren Eltern werden, nehmen sie neue Rollen ein, in die sie erst hineinwachsen müssen. In Kombination mit Schlafentzug birgt das reichlich Konfliktstoff, wie Psychologen wissen. Die Paarbeziehung tritt vor allem im ersten Babyjahr in den Hintergrund. Das sagen ausnahmslos alle jungen Eltern. Eine durchzechte Partynacht, das Ausschlafen danach, Wellnessurlaub auf Mauritius, alles, was man sonst als Paar gemacht hat – „Kannste abhaken!“, wie es Silke auf den Punkt bringt. Sie gibt zu, dass sie mich gelegentlich um meine Freiheit beneidet. Und doch möchte sie nicht tauschen. Denn ihre kleine Tochter macht sie glücklicher, als es jeder Luxusurlaub je könnte. „Ich könnte vor Freude Purzelbäume schlagen, wenn ich sehe, wie Lilli jeden Tag Neues lernt und mich dabei anlacht“, schwärmt Silke. „Das sind so starke Gefühle, die ich noch nie zuvor erlebt habe.“ Meine Schwester Evelyn, Mutter eines zweijährigen Sohnes, sagt dasselbe. „Ein Kinderlachen macht alles wieder wett“ scheint also mehr als eine Phrase zu sein. Evelyn ist übrigens die entspannteste Mama, die ich kenne. Sie kraxelt zusammen mit Mann und dem Zweijährigen durch die Berge, zieht ihr Sportprogramm durch und, und, und. Kurz: Sie tut all die Dinge, die sie ohne Kind getan hat, auch mit Kind. „Das geht nur, weil mein Mann und ich uns gut organisieren, jeder dem anderen seinen Freiraum lässt und wir Menschen um uns haben, die uns unterstützen“, erklärt Evelyn.

 

Der richtige Zeitpunkt für ein Baby

Wenn ich Evelyn und Silke nach dem richtigen Zeitpunkt für ein Baby frage, sagen beide: Den gibt es nicht. Mal funkt der neue Job dazwischen, mal ist es um die Finanzen nicht so gut bestellt ... Irgendwas ist immer. Grundsätzlich gilt „Je früher, desto besser.“ Biologisch liegt das optimale Alter, eine Familie zu gründen, zwischen 20 und 30. Anfang 30 stehen die Chancen, schwanger zu werden übrigens nicht viel schlechter als mit Ende 20. Ab 35 steigt das Risiko für einen genetischen Defekt wie Down-Syndrom, und man gilt offiziell als Risikoschwangere. Außerdem nimmt die Anzahl und Qualität der Eizellen mit zunehmendem Alter ab. Und auch die Spermien büßen an Qualität ein, je älter ein Mann ist. Fakt ist: Frauen werden heute immer später Mutter und sind im Durchschnitt 29 Jahre alt, wenn sie ihr erstes Kind zur Welt bringen. 

 

Psychotests und Pro Familia

Ich nicht. Selbst mit 35 Mama zu werden, dürfte schwierig werden, wenn ich mir nicht langsam darüber klar werde, ob ich ein Kind will oder nicht. Dass Kind und Karriere schwer vereinbar sind, dass man sein Leben einschränken und sich anders organisieren muss, wenn ein Baby kommt, dass Kinder eine große Bereicherung fürs Leben sind – die Fakten kenne ich. Diese in einer Pro- und Contra-Liste gegenüberzustellen, hilft allerdings nur bedingt, um eine Entscheidung herbeizuführen, genauso wenig wie Internet-Psychotests und die bisherigen Gespräche mit Freunden. Das Ergebnis meines Selbsttests: „Die Zeit für ein Kind ist noch nicht gekommen. Sie sollten sich erst noch sicherer in Ihrem Wunsch nach einem Baby werden. Sprechen Sie mit Ihrem Partner über das, was Sie noch zögern lässt.“ Mit meinem Partner habe ich längst gesprochen. Für ihn ist die Sache klar: Er möchte Kinder. Und ich bin sicher, er wäre ein guter Vater. Vielleicht hilft es, jemand Außenstehenden zu fragen. Es gibt zahlreiche Anlaufstellen, wo man sich zu diesem Thema beraten lassen kann. Ich versuche es zunächst mit der anonymen Online-Beratung von Pro Familia. Frage stellen, absenden, fertig. Warten. Ein Tag. Zwei Tage. Drei Tage. SIE HABEN POST! Beraterin Marina K. rät mir, mich an eine der Schwangerschaftsberatungsstellen vor Ort zu wenden, um „Ihre Situation, Ihre Gedanken und Gefühle mit einer neutralen Person zu besprechen.“

 

Keine rationale Entscheidung

Ich greife also tatsächlich zum Telefonhörer, um einen Termin bei einer Beratungsstelle zu vereinbaren. Eine Woche später sitze ich an einem runden Glastisch, auf dem mehrere Pakete Taschentücher liegen. Die werde ich hoffentlich nicht brauchen. Maren W. sitzt mir gegenüber und spricht mit ruhiger Stimme. Wie mein Partner zum Kinderkriegen steht, möchte sie wissen, ob ich mich hinsichtlich seines Kinderwunschs bedrängt fühle (nein!), wie unsere Beziehung und unser Leben drum herum ist (alles gut!). Sie stellt viele Fragen, die mit Familiengründung auf den ersten Blick nur wenig zu tun haben. Auf den zweiten aber schon. Und: Sie stellt die richtigen Fragen. Denn als ich so da sitze und von meinem Leben erzähle, und mir selbst zuhöre, wird mir klar, dass es um mich herum einige „Baustellen“ gibt, die ich erst einmal beseitigen muss. Ich muss mich zunächst um mich selbst kümmern, bevor ich mich um einen kleinen Menschen kümmern kann. „Familiengründung ist keine Entscheidung, die Sie nur rational treffen“, gibt mir die Beraterin zum Schluss mit auf den Weg. Der Bauch hat also – wie so oft – ein Wörtchen mitzureden. Ich vertraue jetzt einfach  darauf, dass er mir irgendwann klar und deutlich sagen wird, dass ich bereit für ein Kind bin. Ohne Wenn und Aber.   

 

O-Töne Protagonisten

Marina Kröll (29) aus Lübeck, seit fünf Jahren in einer festen Beziehung: „Vor zehn Jahren hätte ich Kinderkriegen kategorisch ausgeschlossen. Heute denke ich zumindest darüber nach; es ist allerdings nicht mein fester Wunsch. Momentan bieten meine Lebenssituation und die meines Partners jedenfalls keinen Platz für ein Baby. Ich befinde mich in meinem zweiten Studium, mein Freund arbeitet Vollzeit und kommt unter der Woche nicht nach Hause, da seine Arbeitsstelle weiter entfernt ist. Wir führen eine Wochenendbeziehung und haben keinen gemeinsamen Alltag. Das ist für mich aber die Grundvoraussetzung, um Kinder großzuziehen. Wer weiß, wenn wir irgendwann „richtig“ zusammenziehen ... Mutter werden kann ich auch in zehn Jahren noch. Was mich nervt ist, dass ich mich immer rechtfertigen muss und meine Argumente nicht ernst genommen werden. Wenn ich sage, dass Familiengründung kein obligatorischer Bestandteil meiner Lebensplanung ist, gucken mich die Leute schief an. Im Freundeskreis bekommen gerade viele ein Baby, und ich werde ständig gefragt, wie es bei uns mit Nachwuchs aussieht. Unser Lebenskonzept funktioniert jedoch ohne Kinder ziemlich gut.“

 

René Schlüters (36) aus Hamburg, seit vier Jahren in einer festen Beziehung: „Zum Vaterwerden gehören immer noch zwei. Meine Freundin ist jünger als ich und sagt, sie ist noch nicht bereit für Kinder. Vielleicht später. Ich will schon Vater werden, habe aber keine Torschlusspanik, sondern bin relativ entspannt. Und wenn’s nicht sein soll, soll’s eben nicht sein. Den richtigen Zeitpunkt gibt’s ohnehin nicht. Finanziell ist Familiengründung bei uns jedenfalls möglich. Mir ist klar, dass sich das Leben radikal ändert, wenn man ein Baby bekommt. Und wenn man Kinder will, muss man in Kauf nehmen, dass man vor allem im ersten Jahr nicht ausschlafen oder große Reisen unternehmen kann. Auch wenn das Kind älter wird, ist das nicht so einfach, aber nicht unmöglich – wenn man sich entsprechende Freiräume schafft.“

 

Armin Kuen (32) aus Thiersee, Österreich, lebt mit Daniela Steinmann (35) seit 3,5 Jahren in einer Partnerschaft

Armin: „Ich hatte das Glück, in einer tollen Familie mit zwei Geschwistern aufzuwachsen. Und den Zusammenhalt, der bis heute in unserer Familie besteht, möchte ich auch mit meinen eigenen Kindern erleben! Aber erstmal heiraten Daniela und ich diesen Herbst. Wir wollen noch ein bisschen Zeit zu zweit genießen und reisen, was wir bisher auch getan haben. Das wird sich natürlich ändern, wenn wir Eltern werden, wobei ich der Meinung bin, dass man nach wie vor seinen Interessen nachgehen und sich Zeit für die Beziehung nehmen sollte. Sonst bleibt die Liebe irgendwann auf der Strecke. Wir bekommen in unserem Umfeld tagtäglich mit, wie sich bei Müttern und Vätern alles nur noch um die Kinder dreht. Die Kleinen stehen rund um die Uhr unter Beobachtung, sitzen quasi im goldenen Käfig. Das tut weder den Kindern, noch der Beziehung gut.“

Daniela: „Kinder gehören zu meiner Lebensplanung dazu. Ich sehe das allerdings so wie Armin, dass man sich darüber hinaus auch Zeit für andere Dinge nehmen sollte, sonst wird man irgendwann unzufrieden – und das überträgt sich aufs Kind. Hinsichtlich der Karriere habe ich schon Angst, dass ich meinem früheren Job nicht mehr nachgehen kann, wenn ich wieder zu arbeiten beginne. Vielleicht werde ich irgendwo eingesetzt, wo Not am Mann ist, wo ich aber gar nicht arbeiten möchte. Teilzeit ist auch bei uns in Österreich nicht beliebt. Man ist keine vollwertige Arbeitskraft, wenn man in den Beruf zurückkehrt. Seinen Platz im Büro muss man sich erst wieder erarbeiten.“

 

Katharina Buchsieb (29) aus Neuwied, lebt seit 13 Jahren in einer Partnerschaft: „Ich wollte schon immer zwei Kinder, am liebsten ein Junge und ein Mädchen, je früher, desto besser! Auch wenn das aus verschiedenen Gründen nicht geklappt hat, bin ich der Meinung, dass sich Frauen, die mit 25 Mutter werden, erfahrungsgemäß viel weniger Gedanken machen, als Frauen, die mit 30 ein Baby bekommen. Mein Freund und ich haben uns darauf geeinigt, dass wir in naher Zukunft mit der Familiengründung loslegen – wenn wir verheiratet sind und ein passendes Domizil gefunden haben. Sollte mein Freund tatsächlich seinen Job wechseln, worüber er zurzeit nachdenkt, müssten wir das Kinderkriegen auch noch einmal vertagen. Grundsätzlich muss jeder für sich selbst entscheiden, ob er Kinder will oder nicht. Man sollte diese Entscheidung nicht bewerten.“ 

 

Sandra Schneider (41) und Henrik Neelmeyer – (51) aus Nyborg, Dänemark, sind seit fünf Jahren ein Paar. Vor fünf Monaten kam Töchterchen Frida zur Welt.

Sandra: „Ich wollte immer mit 30 Mutter werden. Das hat nicht funktioniert, weil der passende Partner fehlte. Henrik ist der richtige Partner, da war ich mir auf Anhieb sicher. Nach unserem Kennenlernen habe ich die Karten recht schnell auf den Tisch gelegt, ich ging ja schon auf die Vierzig zu. Ich wollte, dass Henrik weiß, dass ich mir ein Kind wünsche. Zum Glück waren wir uns einig. Unsere traute Zweisamkeit haben wir rundum genossen, sind  viel und spontan verreist, essen und ins Kino gegangen ... Bis Frida kam. Natürlich führen wir unser Leben nicht exakt so weiter wie vorher, aber wir haben es auch nicht komplett aufgegeben. Das Reisen beispielsweise ist ein Teil von uns, weshalb wir Frida frühzeitig daran gewöhnen: Als sie sieben Wochen alt war, sind wir zu meinen Eltern ins Badische geflogen, zwei Wochen später ging’s nach Teneriffa. Ab September werde ich – wie fast alle Mütter in Dänemark – wieder  Vollzeit arbeiten. Teilzeit ist hier überhaupt nicht verbreitet. Das liegt daran, dass jedes Kind garantiert einen Betreuungsplatz bekommt.“ 

Henrik: „Ich war schon ein bisschen überrascht, dass Sandra mir ihren Kinderwunsch so schnell kundtat. Aber es war okay, weil auch ich diesen Wunsch hatte. Wir wollten jetzt auch nicht am nächsten Tag loslegen, aber ab einem gewissen Alter hört man die biologische Uhr schon ticken. Ich finde, unser Timing war perfekt. Ob es für Frida ein Geschwisterchen gibt? Sandra hat Fridas erste Strampler jedenfalls noch nicht weggegeben ... Erstmal genießen wir jetzt aber unser großes Glück. Noch ein Tipp für alle, die dabei sind, eine Familie zu gründen oder Nachwuchs erwarten: Bloß nicht zuviel googeln! Das Internet kann einen wahnsinnig machen. Du sollst diesen Kinderwagen kaufen, diesen Schnulli, bloß nicht den ...“

 

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